Der Tod weint rote Tränen (2013)
Ich war ja als Kind ein Bücherwurm, ich fräste mich durch alles was Blätter und Buchstaben hatte. Ziel: wenn ich groß bin werde ich Eskapist, Spießer wollte ich nicht sein und für irgendeinen Beruf musste ich mich schließlich entscheiden. Eine meiner Vorlieben war Stephen King, auf Kopfhörer hörte ich dabei The Cure. Doch es fehlte noch etwas! Klar die Taschenlampe! Mit diesem feinen Utensil lag ich unter der Bettdecke, volle Konzentration auf den Buchinhalt war angesagt, ich musste komplett alles um mich herum ausblenden und eintauchen und das ging SO am besten.
Als ich dann heute Nacht den Film anfing, musste ich leider nach wenigen Minuten ausmachen. Ich schleppte meinen 1 Meter-TV ins Bett, setzte mich ganz nah davor und schmiss eine Decke über mich und das TV-Gerät. Ja, so gehts, läuft. Und ich brauchte nichtmal eine Taschenlampe! Genial. Okay, es war ein bisschen unbequem aber ich musste eintauchen, volle Kanne in den Film rein, so tief wie ging. Der TV wackelte zwar heftig, aber das machte nichts, ich war drin, nur das zählte!
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Die Story hätte man, zugegeben, locker in einen 20-30 minütigen Kurzfilm packen können, aber wozu, wenn man doch den Rest des Filmes einfach mit allerlei leckeren Köstlichkeiten fluten kann? Und die Macher fluteten. Splitscreen in allen Variationen, Stop Motion, Zeitraffer, Tütenweise Closeups, closer ging kaum, ich dachte gleich kriecht irgendwas aus dem Bildschirm raus und fällt mich an, Schweiß brach aus, bunte schwarz/weiß Bilder wechselten sich hektisch ab und strömten durch meine Sinne. Lynch und Cronenberg gesellten sich in die (alp)traumhaften Settings und schmissen mit Gialloelementen nur so um sich, der Cutter schnitt sich 'nen Wolf, alle spielten gemeinsam ausufernd mit Licht und Schatten, fanden die Tasten für den Negativeffekt, Messer blitzten eiskalt in chromigen Bildern auf, doch keine Angst schnell wird man wieder mit warm-weichen Farben eingedeckt. Menschen die in surrealen Schatten verschwanden, nur Hände und Beine waren zu sehen, Augen die sich durch ein Guckloch in der Wand anstarrten, Zimmerdecken wurden mit Stethoskopen abgehört, ich wurde von allen Seiten mit Metaphern beworfen, es wurde langam eng unter der Decke. Ich drohte zu ersticken, wollte mir gerade Luftschlitze inne Decke säbeln, doch im Film wurde derart viel geschnippelt und gemessert, da wollte ich nicht auch noch ...
Brachiale Szenenübergänge verdrehten mir mein Hirn, und der Kameramann drehte auch komplett durch, glaube der hat während des Filmens Spagat, Handstand, Seitfallzieher und schwierigste Akrobatiktänze einstudiert und mindestens einmal zuviel 2001 geschaut. Eine in sich selbstverliebte, ästhetische Achterbahnfahrt vom Allerfeinsten, eine Eleganziösität, kaum in Worte zu fassen, unbeschreiblich, jede Einstellung, jedes Bild saß perfekt. Ein bewegtes Gemälde! Ab ins Museum mit dir, du Film und das Beste: Die kriegten sich alle gar nicht mehr ein !!
Ich saß im Bett, den Fernseher hatte ich mir inzwischen um den Hals gehängt, die Decke rundherum mit Gaffa-Band fixiert, zur Sicherheit noch mit Nagelpistole an der Matratze festgetackert, nichts durfte durchdringen, NICHTS. Hätte irgendeiner es auch nur gewagt zu sprechen, oder gar so abwegige Dinge getan wie die Decke kurz zu lüften, ich glaube dem hätt ich spontan aber stilvoll ein blitzeblankes Skalpell in den Hals gerammt.
Ein orgiastischer Bilder- und Farbensturmrausch erbrach sich in meine Sinnesorgane, Bodyhärchen stellten sich auf, selbst an Stellen von denen ich bis dato nicht mal wußte dass ich dort welche hatte, ich dachte ich müsste laut schreien, aber aus meinem ultraweit aufgerissenen Mund kam nichts heraus, kein Piep, nur ein feiner aber steter Speichelfaden rann herab. Riz Ortolani? Morricone? Ihr auch hier? I werd narrisch, kommt rein. Setzt euch.
ABER LASST BLOß DIE DECKE UNTEN!
Was für eine Faszination, nichtmal die immer wieder kopierte argentoeske Treppenhauseinstellung konnte mich aus der Fassung bringen. Ich verwandelte mich spontan in eine fleischgewordene Paralyse, klammerte mich kindisch geflasht an mein Stephen King Buch fest, mit der anderen Hand hielt ich das TV-Gerät. Es war großartig!
Als der Abspann einsetzte, wollte ich aufspringen, mich verbeugen und klatschen, aber ich war gefangen! Im Film und unter der Decke sowieso.
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Aber nee, ganz guter Film. Gut, ich muss jetzt los, mein reales Leben brüllt mich an, ich gehorche, verdrücke noch kurz ein paar rote Tränen und bin dann erstmal wieder Spießer! Aber wenn es wieder dunkel wird ... Amer!
Und morgen können se mich dann wohl einliefern.
10 von 10 suspiriatrischen '7' Deckengebildenräumemitwändeninwänden