Ein Strandabschnitt voller patrouillierender Soldaten, eine Küste abgegangen im Gleichmarsch, die Waffe erhoben, der Blick schon entrückt. “Du und deine SS Kameraden in Europa: Ihr werdet verlieren!“ verkündet ein Poster, militaristisch die ersten Bilder, Grenzen, Zäune, Stacheldraht, die Gegend hat erst später mehr zu bieten als karge stramme Landschaft, erst wenn man weiter ins Land hinein geht und näher zu den Menschen blickt. Einer der Personen ist schon früh am Tag "besoffen wie eine Strandhaubitze", er lebt auch noch in der Vergangenheit gefangen und im früher mal verstrickt. Er ist das Trinken gewohnt:
Nach einem verherrenden Fliegerangriff auf seine Stadt hat der Alkoholiker Albert Quentin [ Jean Gabin] dem Trinken abgeschworen, sehr zur Freude seiner Ehefrau Suzanne [ Suzanne Flon ], eher zum Ärger der restlichen Bevölkerung und der früheren Freunde um Esnault [ Paul Frankeur], deren Gesellschaft er nun meidet. Als in Alberts Pension eines Nachts der allein reisende Gabriel Fouquet [ Jean-Paul Belmondo ] einzieht, stellt er nicht nur Alberts Leben wieder auf den Kopf und infrage, sondern auch sein eigenes und das der gesamten Bevölkerung.
Albert lebt in der Erinnerung, in einem anderen fernen Land, in einem Abenteuerleben, er erzählt und träumt vom Jangtsekiang, er erhebt bei Störung seiner Märchen seine Stimme, droht mit Aufruhr, mit zerstörerischen Beben. Bald gibt's richtigen Alarm, ein Fliegerangriff, “Dieser Krieg geht mir langsam auf die Nerven.“, Bomben schlagen ein, aus ist's mit den Geschichten vom Jangtsekiang, vorbei mit dem über den Dingen schweben. Rauch wabt über das Land, Feuer, Tod und Katastrophen, der Heimweg führt durch Chaos und Zerstörung, der Mann ist abends immer noch betrunken, er sucht weiter das Heil in der Flucht, er ist weiter laut, im Delir und geifernd; das führt bei seinen Mitmenschen zu Resignation, zur Verzweiflung, zur Empörung.
“Wenn du weniger trinken würdest, hättest du Angst wie wir alle.“ - “Wenn ich weniger trinken würde, wäre ich ein anderer Mensch.“
Verneuil, der von seinen einheimischen Kritikern wegen späteren Genrewerken zuweilen als 'amerikanischer' Regisseur bezeichnet wurde, ist hier in der Adaption von Antoine Blondin lokal verbunden, intim erzählend und der landeseigenen Geschichte tätig. Sein Star ist hier nicht Belmondo, sondern Gabin, welcher ähnliche Rollen auf ähnliche Art und Weise erneut spielt (allen voran in Balduin, das Nachtgespenst), wird durch Belmondo (“Leck mich am Arsch mit deinen Sonnentagen.“) allerdings gefördert, gefordert und ergänzt. Die Handlung wird erweitert und verbreitert, es geht um 15 Jahre später, bald um eine Freundschaft zwischen zwei Männern, ein Paar, wie Vater und Sohn, ein Duo, nicht bloß ein einzelner Mensch.
“Haben Sie ein Zimmer frei?“ - “Ich habe vierzehn Zimmer frei.“
Der Krieg ist längst vorbei, auch das Saufen, die Rettung damals und jetzt gleichermaßen, Albert hat Konturen gewonnen und echte Emotionen zurück, er lebt ein neues Leben, das Hotel hat einen Gast. Die Inszenierung wird oft, nicht immer präziser, darstellerisch lockerer und ehrlich, es gibt weiterhin einige erzwungen wirkende Szenen (der Dorfklatsch in der abendlichen Kneipe gegenüber, erneute unpassende bzw. unpassend formulierte Rauschzustände), Wiederholungen von Bekannten, ein Verbalisieren von Offensichtlichen, gefangen im Kleinklein, hier in Tigreville, dem 'Kalifornien der Normandie'. Gelungen sind die Kamera, die Bilder, die Gegenstände, Handlungen, Figuren in den Kontext setzen und die Umwelt zeichnen. Es gibt großartige Momente, das Hineinsteigern in den ersten Flamenco, “Ein Matador geht allein. Einen Matador wirft man nicht hinaus.“, es gibt viele lange Einstellungen, die das Vorne ebenso einfangen wie das Dahinter, es gibt Träume und Ehrlichkeit, es gibt den Affen im Winter, es gibt Fässer voll Alkohol. Es gibt menschliche Beziehungen, ihre Sicherheit, ihre Gefährlichkeit, das sich Verlassen können und Wollen auf dem Gegenüber, und das Verlassen Werden, der Wirt hat zu sich selber gefunden und hat auch jemanden an seiner Seite, der Gast ist scheinbar einzeln und alleine noch, er ist unvollständig, er ist angegriffen und teils verletzt und abgestorben, er zeigt dies nicht offen, er macht sich Sorgen.
Das ist mal Märchen, mal Drama und mal Komödie, mal realistisch und mal skurril und mal auch ärgerlich, das ist mal Film und das ist mal Leben. Die Handlung dreht sich um das Rätsel Mensch, um offene und auch um nicht gestellte Fragen, um die Unwägbarkeiten des Schicksals, manchmal auch um Antworten, auch gerne um ein nicht Hören wollen dieser. Die Sucht nach dem Rausch dabei mit als Stärke des Filmes, im nüchtern eine ernsthafte Abhandlung, in der Trunkenheit dann wieder rückfällig zu dem Beginn des Ganzen: lautmalerisch, mißstimmig, mit selbst- und fremd-zerstörerischen Feuerwerk, buchstäblich ohne Sinn und Verstand und reichlich drüber.