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"Wer auch immer du bist. Wo auch immer du bist. Ich werde dich finden."

Der Manager Joe Doucett (Josh Brolin) ist vor allem an sich selbst interessiert, hängt am Alkohol und führt sich überaus unzivilisiert auf. Seine Frau und seine 3-jährige Tochter sieht er nur äußerst selten. Schließlich garnicht mehr, denn er wird entführt und für 20 Jahre isoliert in einem Hotelzimmer eingesperrt. In dieser Zeit erfährt er im Fernseher von der Vergewaltigung und der Ermordung seiner Frau sowie der Adoption seiner Tochter. Joe schwört seitdem vom Alkohol ab und ritzt Stück für Stück einzelne Ziegel aus dem Mauerwerk. Vor einem Fluchtversuch erlangt er aber plötzlich seine Freiheit zurück, ausgestattet mit einem guten Anzug, einem Smartphone und ausreichend Geld. Auf der Suche, wer hinter seiner Entführung steckt und was der Grund ist, stößt er auf die Sozialarbeiterin Marie (Elizabeth Olsen), die ihm hilfreich zur Seite steht.

Für manche Filme ist es nur eine Frage der Zeit, wann sie eine Modernisierung oder Amerikanisierung erfahren. Für "Oldboy" gilt nach 10-jähriger Existenz letzteres. Das höchst angesehene Rache-Drama aus Südkorea wurde von Spike Lee ("25 Stunden") für den westlichen Markt portiert. Dabei entstand ein sehr aggressiv inszeniertes Werk, dass sehr nah am Original entlang hangelt, aber nicht die raue Atmosphäre und die nachvollziehbaren Charaktere enthält.

Allein der Anfang geht schon andere Wege als das Original. Die westliche Variante will uns zunächst den Protagonisten schmackhaft machen. Einen Säufer, einen alles vernachlässigenden Familienmensch und einen Schwerenöter. Schnell wird klar, dass man sich mit dieser Person nur schwer identifizieren kann, sie geradezu verabscheut. Ein Problem, welches sich durch den ganzen Film zieht.

Dies soll aber nicht das einzige Problem des Remakes bleiben. Kenner des Originals werden die eindringliche musikalische Untermalung genauso vermissen, wie die philosophischen Themen. Das vielseitige Gebiet um Schuld, Sühne und Vergebung wird nicht nur vernachlässigt, sondern vollkommen ausblendet.
Die wohldosierten Exzesse, die nach amerikanischen Maßstäben recht rüde ausfallen, erreichen nicht die brutal-perfide Schockwirkung der südkoreanischen Version. Das liegt vor allem daran, dass die Gewalt eher comichafte Züge trägt, während das Original mit nachvollziehbarem Schmerz an die Nieren ging. Und auch die plakativ raue Aussprache nervt eher, statt die Atmosphäre zu untermauern.

Die visuelle Gestaltung ist es dann aber, die das Remake durchaus zu sehenswerten Momenten verhilft. Durchzogen werden die Einstellungen von einer Mischung aus sehr starken und kräftigen Farben und vollkommener Entsättigung fast aller übrigen Farben auf der Palette. Auf der einen Seite wirkt das durchaus ansehnlich, auf der anderen etwas zu stark stilisiert, sodass gerade die kräftigen Farbelemente nahezu fantastisch und unglaubwürdig wirken.
Erfreulich ist auch die Nähe zum Original. Manche Szenen finden sich eins zu eins wieder, mache in variierter Form. Und obwohl die Befürchtung nahe liegt, die westliche Variante würde sich nicht mit dem provokativen Finale des Originals befassen, bekommt der Film am Ende durch einen sehr ordentlichen Kniff noch die Kurve.

Josh Brolin ("No Country For Old Men", "Jonah Hex") hat die unliebsame Aufgabe eine negativ angelegte Figur einigermaßen sympathisch darzustellen. Das Drehbuch gibt ihm allerdings keine Möglichkeit dazu. Elizabeth Olsen ("Godzilla") harmoniert mit Brolin, hat aber nur wenige Momente auf der Leinwand. Ähnlich wie Samuel L. Jackson ("Django Unchained", "The Return of the First Avenger"), der in einer Nebenrolle verschwendet wird.

Der neue "Oldboy" ist für sich genommen ein einigermaßen hart verdaulicher Rache-Thriller, dessen Gewaltdarstellung überwiegend comichaft überzogen ist, was nicht zum durchaus düsteren Ton des Films passen mag. Letztlich ist es der Vergleich zum Original, der den Film erheblich schlechter dastehen lässt. Zu viele Dinge sind in "Oldboy" aus dem Jahre 2003 einfach beklemmender, sympathischer und nachvollziehbarer. Erst zum Schluss erfährt das Remake diese Elemente und bekommt noch gerade so die Kurve. Sehr knappe ...

6 / 10

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