Review

Keller Dover (Hugh Jackman) lebt [Achtung: Spoiler!] mit seiner Frau Grace (Maria Bello), mit junger Tochter und jugendlichem Sohn - dem er zu Beginn beim Ritual der Jagd über die Schwelle ins Erwachsenen- & Mannesdasein führt[1], um dabei seine männlich-kernige Sei allzeit bereit-Maxime zu predigen und später im Film den Sohn zum Herrn im Hause und zum (eher etwas hilflos-überfordert agierenden) Beschützer der nervlich vollkommen zerrütteten Mutter zu machen - in enger Nachbarschaft mit seinem Freund Franklin Birch (Terrence Howard), der ebenfalls glücklich verheiratet und Vater zweier Kinder ist. An Thanksgiving kehren die jüngsten Töchter von beiden Ehepaaren nicht mehr von einem Ausflug zurück. Verdächtigt wird zunächst der sonderbare Fahrer (Paul Dano) eines obskuren Wohnmobils, das sich zum Tatzeitpunkt in unmittelbarer Nähe befunden hat. Detective Loki (Jake Gyllenhaal) beginnt in dem Fall zu ermitteln, während Keller, der sich nicht ganz ernst genommen fühlt, den Behörden und Loki misstraut. Als er vom mutmaßlichen Täter Alex Jones, der als geistig Beeinträchtigter mangels Beweisen aus der kurzzeitigen Haft entlassen wird, eine Art Eingeständnis gehört haben will - oder gehört hat (das Publikum müsste schon zurückspulen oder bis zum Ende abwarten, um sich halbwegs sicher sein zu können, ob Keller hörte, was er hören wollte, oder ob er hörte, was gesprochen worden ist) - und später noch ein weiteres Indiz wahrnimmt, das sein Verdachtsmoment bekräftigt, entführt er den zurückgebliebenen jungen Mann um gewaltsam den Aufenthaltsort der Kinder aus ihm herauszupressen.
Das ist die Basis, auf der ein paar äußerst interessante Wendungen und Enthüllungen aufbauen; dass Loki, der zunächst allerlei Sexualstraftäter befragt und dabei auf eine wortwörtliche Leiche im Keller stößt, schließlich einen weiteren Tatverdächtigen aufspürt, gehört natürlich zu den konventionellen Wendungen des Films: spätestens ab diesem Zeitpunkt wird die Frage aufgeworfen, ob Keller womöglich einen tatsächlich unschuldigen und weitestgehend unwissenden Jungen foltert. Diese Auflösung, die es sich als Kritik am Prinzip der Rettungsfolter leicht machen würde, wäre ebenso unbefriedigend wie eine Auflösung, die Folter als das (in diesem Fall) wirksamste Mittel zur Rettung ausweist; Villeneuve und Drehbuchautor Aaron Guzikowski umschiffen diese Felder jedoch gekonnt.
Nach falschen Fährten und nur unzureichenden Fortschritten, die Keller mit seiner Folter - in die er auch seinen Freund Franklin hereingezogen hat - und Loki mit seiner Ermittlung unabhängig voneinander erzielt haben, ist es mehr oder weniger der Zufall, der [Spoiler!] auf die richtige Spur führt: Franklins Tochter konnte entkommen und bringt mit ihren Äußerungen Keller auf die Identität der Täterin. Es ist Alex Jones' vermeintliche Tante Holly (Melissa Leo - grandios als Personifizierung der Banalität des Bösen), die Alex nach dem Unfall seiner Eltern gemeinsam mit ihrem Mann aufgezogen haben will. Tatsächlich jedoch ist Alex Jones keinesfalls Alex Jones, sondern bloß ein einst von Holly und ihrem Gatten entführtes Kind. Ebenso der zweite Tatverdächtige, der sich unter Lokis Aufsicht in der Untersuchungshaft erschießt, als ein Zornesausbruch Lokis ihm die Waffe eines Dienstkollegen in die Hände spielt. Spätestens jetzt bekommt Keller für seine Alleingänge die Quittung: in einer gelungenen Hommage an George Sluizers "Spoorloos" (1988) zwingt Holly Jones den überrumpelten Keller mit gezogener Waffe, sich einen Drogencocktail einzuverleiben und sperrt ihn dann in eine tiefe, abgeschottete Grube im Garten, in welche sie auch bald darauf den Leichnam seiner (momentan noch lebenden) Tochter zu werfen gedenkt. Letztlich kann Detective Loki aber das Schlimmste verhindern und eine Art Happy End herbeiführen, das jedoch in jeder Hinsicht bitter ausfällt. Der von Keller grausam gefolterte Alex Jones kann mit seiner einstigen Familie zusammengeführt werden, dürfte aber für den Rest seines Lebens gezeichnet bleiben. Der zweite Tatverdächtige - wie Jones ein traumatisiertes Entführungsopfer - ist tot und hat auch zuvor ganz sicher kein angenehmes Leben mehr führen können. Keller scheint zwar nicht (wie das Vorbild aus "Spoorlos") lebendig begraben bleiben zu müssen - das legt der Film in der letzten Einstellung, in der Loki allmählich auf Kellers Pfeifen reagiert, nahe ohne eine endgültige Bestätigung abzuliefern! -, dürfte aber durch die in seiner Verzweifelung begangenen Straftaten die nächsten Jahre fernab von seiner Familie verbringen. Damit haben Grace Dover und ihr Sohn zwar die Tochter bzw. Schwester zurückerhalten, zugleich aber Gatten bzw. Vater verloren - womöglich sogar in doppelter Hinsicht, denn wie begegnet man dem Mann oder dem Vater, wenn dieser ein zurückgebliebenes Entführungsopfer tagelang gefoltert hat? Zumal Keller in seinem Männlichkeitsgehabe dem eigenen Sohn eine überschwere Last aufgebürdet hat, die dieser kaum ertragen konnte. (Darsteller Dylan Minnette liefert übrigens als - in die Rolle des starken, erwachsenen Mannes gedrängter - hilfloser und bisweilen den Tränen nahestehender Sohn neben Gyllenhaal, Leo und Jackman eine der besten Performances ab, die allerdings so unscheinbar und kein bisschen charismatisch ausfällt, dass er es damit kaum zu Ruhm und weitreichender Anerkennung bringen dürfte.) Dem heimlichen Helden Loki bleibt zwar die Befriedigung, mindestens ein Leben (oder gar zwei Leben) gerettet zu haben, aber abgesehen davon, dass er den Suizid eines Verdächtigen mitverursacht hat, muss er weiterhin mit seinen Dämonen leben, die sich in Form von Tattoos und Ticks in seinen Körper und dessen Bewegungen eingegraben haben. Und das Leben der Täterin ist aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls kein sehr angenehmes gewesen. Verbitterung, Verzweifelung und Einsamkeit lauern in diesem Film stets unter der Oberfläche; das bestmögliche - und dennoch tragische - Happy End bildet da keine Aufnahme.


Leichen im Keller

Im Englischen und im Französischen hat man seine Leichen und Kadaver in der Regel im Schrank. "Prisoners" enthüllt für das deutsche Publikum daher einen Aspekt ganz besonders deutlich, hat man hierzulande doch seine Leichen im Keller. In Villeneuves Film haben ziemlich viele Leute etwas zu verbergen: eine Kinder entführende und teilweise mordende Täterin ist nicht diejenige, für die sie von Unwissenden gehalten wird. Keller und Franklin foltern heimlich einen Tatverdächtigen (wobei sich Franklin zumindest seiner Frau anvertraut), ein etwas sonderbarer Tatverdächtiger bunkert in seinen vier Wänden ein Gewimmel aus Schlangen, Kinderkleidern, Schweineblut & Irrgärten und erweist sich als gestörter, als es zunächst den Anschein hat. Und Detective Loki lässt immer wieder eine schwere Vergangenheit anklingen, über die er sich nur selten und oberflächlich äußert. Alle haben etwas zu verstecken; und ein Geistlicher, der auf Lokis Liste bekannter Sexualstraftäter steht, hat sogar eine Leiche in seinem Keller liegen: es handelt sich - was sich am Ende zeigen wird - um Holly Jones' Gatten. Der Geistliche gibt an, er habe den Mann umgebracht, weil dieser damit prahlte, kleine Kinder zu entführen und umzubringen - und es auch weiterhin tun wollte.[2]
Ob Villeneuve oder Guzikowski um das dt. Sprichwort von der Leiche im Keller wussten, sei mal dahingestellt. Verbreitet ist zumindest die Inszenierung des Kellers als Raum der Vergangenheit, des Unbewussten oder des Beängstigenden. Cormans "The Haunted Palace" (1963), Svankmajers "Alice" (1988), Demmes "Silence of the Lambs" (1991) oder Laugiers "Martyrs" (2008) haben dem Potential des Kellerraums auf jeweils ganz unterschiedliche Weise interessante Aspekte abgerungen. Im Abgrund der Keller ist stets der ideale Platz für das Abgründige zu finden. In "Prisoners" gibt es drei bedeutende Keller (im weitesten Sinn): neben dem Keller des Geistlichen gibt es noch die Grube bei Holly Jones, in der zunächst die Kinder untergebracht waren und in der Keller Dover sein Leben aushauchen soll. Und es gibt noch Kellers Keller, in dem Detective Loki erstmals beim Anblick von Säcken mit Laugenpulver einen vagen Anfangsverdacht verspürt, dass Keller womöglich hinter dem Verschwinden des ersten Tatverdächtigen stehen könnte. (Ob es Zufall ist, dass Keller - ein durchaus gebräuchlicher englischer Name! - tatsächlich Keller - dem engl. cellar weitestgehend ähnelnd! - heißt, muss vermutlich unbeantwortet bleiben; glücklicher Zufall wäre es allemal. Angesichts der Namen Grace (Dover) und Loki darf jedoch vermutet werden, dass die Namenswahl recht bewusst ausgefallen sein dürfte.)

Diese verborgenen, versteckten Seiten eines Menschen, die Leichen im Keller, die in "Prisoners" immer wieder zum Thema geraten, gehen über ein bloßes Toben des Unheils unter der schönen Fassade - wie es von David Lynch in seiner schönsten Form in "Blue Velvet" (1986) inszeniert worden ist - weit hinaus. Eng mit dem Verstecken & Verbergen ist nämlich die Einsamkeit verbunden, die nahezu jede Figur von den übrigen abtrennt. Villeneuves Hauptfiguren behalten viel, zu viel für sich, unternehmen zu viel alleine und auf eigene Faust, kommunizieren zu wenig, zu oberflächlich und zu starrsinnig. Alex Jones mehrtägiges Leiden wäre zu vermeiden gewesen, wenn Keller und Loki nicht getrennte Wege gegangen wären. Auch die Tatsache, dass Lokis Chef hinter dessen Rücken Zusagen unerfüllt lässt, trägt zum Lauf der Dinge erheblich bei. Keller selbst wird sein Arbeiten 'auf eigene Faust' schließlich beinahe zum tödlichen Verhängnis. Dass der Geistliche Holly Jones Gatten ermordet hat, anstatt mit der Polizei - die er offenbar aufgrund seiner eigenen, strafbaren Vorliebe für junge Kinder gemieden hat - zu kommunizieren, ist ebenfalls eine Fehlleistung, die viele der Katastrophen in diesem Film womöglich überhaupt erst ermöglicht hat. Prisoners sind somit nicht bloß zwei gefangene Mädchen, sondern nahezu alle Menschen in diesem Film. [3]
Damit findet auch die psychologisch womöglich etwas unglaubwürdige Motivation der Täterin ihre Erklärung: Dass sie mit ihrem Mann - beide waren einmal engagierte Bibelfreaks! - nach dem Tod ihres Kindes einen ganz privaten Krieg gegen Gott zu führen begann, indem sie Kinder entführten und deren Eltern damit in extreme Hoffnungslosigkeit stürzten und zum Verlust des Glaubens führten oder sie gar in Bestien verwandeln konnten, wie auch Keller nun als Folterknecht eines zurückgebliebenen Entführungsopfers zur Bestie geworden ist, mag auf der Ebene psychologischer Glaubwürdigkeit sicherlich nicht vollständig überzeugen. Abgesehen davon, dass diese Auflösung im Gegensatz zu üblichen Kindesentführungsthemen recht originell erscheint, liegt die eigentliche Bedeutung aber auch nicht in der psychologischen Glaubwürdigkeit, sondern in der Zielsetzung selbst: Menschen zu entzweien, sie in Verbitterung zu stürzen, ihren religiösen Draht zu kappen, gerät zur ultimativen Gefahr. Nicht dass eine selbst zutiefst verbitterte Figur ihren einzigen Sinn darin sieht, anderen Menschen Freude und Zuversicht zu nehmen, ist das Entscheidende; sondern der dystopische Entwurf tiefreichender, radikaler Hoffnungslosigkeit, der Entwurf einer Gesellschaft, die geradezu unterwandert ist von unscheinbaren (und ununterscheidbaren) Tätern & Opfern und in der sich die Menschen über ihre Kommunikation beinahe nur noch unzureichend näherkommen, ist das Entscheidende.[4]


Irrgärten & Schlangen

Auf seine eher allegorische Ebene, auf den pessimistischen Entwurf einer Conditio Humana in einer Welt ohne Glauben macht der Film besonders dann aufmerksam, wenn er seine metaphorischen Bilder auffährt, die auf jeder anderen Ebene absurd - und deshalb im Rahmen des Thrillers vielleicht auch etwas verstörend - erscheinen müssen. Die ausweglosen Irrgärten, die zu lösen die entführten Kinder gezwungen waren und die ein einstiges Opfer nun als Tatverdächtiger in seiner ganzen Wohnung an die Wände kritzelt - noch so eine psychologisch eher wenig glaubwürdige Zuspitzung eines Traumas! - , die einen Anhänger des Leichnams von Holly Jones' Mann zieren und an zentraler Stelle gar in einem Sachbuch auftauchen, verraten wenig über das Verhältnis von Tätern und Opfern, von Trauma und Aufarbeitung, aber jede Menge über die verworrene, einsame und abgetrennte Situation, in der sich die Figuren befinden: in einem Irrgarten ohne Ausweg, gefangen in sich selbst. Das gilt für die Struktur des gesamten Films nicht weniger als für diese Charakterisierung der Figuren: das Rätsel um die entführten Kinder kann zwar aufgelöst werden. Aber die Täterin ist nicht der eine und einzige Auslöser für den wenig hoffnungsvollen Zustand der Welt von "Prisoners", sondern ebenfalls bloß ein Symptom. Die grundsätzlichen Probleme aller Figuren - das In-sich-Zurückgezogensein, die mangelnde Kommunikationsbereitschaft, die Kluft zwischen den Figuren - bleibt bestehen. Als Thriller über eine Entführung mag "Prisoners" vielleicht über das bestmögliche Happy End verfügen, als Drama über Vereinsamung und Entfremdung endet er finster & pessimistisch und lässt seine Figuren weiterhin in Irrgärten ohne Ausgang umherirren und einander verfehlen oder doch zumindest nur sehr begrenzt nahe kommen.
Das andere over the top-Motiv, das den realistischen Tonfall kurzzeitig absurd ins Metaphorische übersteigert, wären die Schlangen (oder auch die vergrabenen Schaufensterpuppen und die in Schweineblut getränkten Kinderkleider), die die Entführer und zumindest eines ihrer Opfer halten. Das Weshalb wird kaum beantwortet; Villeneuve konzentriert sich eher auf die unwirkliche, bedrohliche Stimmung, die entsteht, wenn Gyllenhaal im Haus eines Tatverdächtigen haufenweise Schlangen aus Kisten voller Kinderkleidern hervorkramt und sich - nicht gerade sonderlich glaubwürdig - über mögliche Bisse keinerlei Gedanken macht. Wenn in Spielfilmen Schlangen auftauchen, handelt es sich in den seltensten Fällen um bloße Schuppenkriechtiere; wenn sie in "Prisoners" durch die Wohnung des Opfers und vermeintlichen Täters kriechen, dann sie in erster Linie die sich ausbreitende, zersetzende Wirkung des bösartigen Treibens der Kindesentführer. Als Verkörperung des Teufels, als Ursache der Vertreibung aus dem Paradies stehen die Schlangen für den sich ausbreitenden Erfolg des Kriegs gegen Gott, der hier von Holly (und zuvor auch von ihrem Ehemann) geführt wird. Dass zu den Erfolgen dieses Krieges unter anderem auch das Reden mit gespaltener Zunge gehört, passt ganz gut ins Bild.
"Prisoners" ist - obwohl seine Täterfiguren durchgedrehte Bibelfreaks sind, obwohl der Geistliche ein Mörder und kleinen Kindern scheinbar auf unerfreuliche Weise zugeneigt ist - im Grunde ein ausgesprochen christlicher Film; ein Film, der im Grunde für Nächstenliebe in einer erkaltenden Welt wirbt und einen seiner wärmsten Momente während des nächtlichen Aufstellens der Gedenkkerzen erzielt, bei dem zugleich auch Franklin in einen Gewissenskonflikt stürzt. (Und nicht zuletzt führt er seine Hauptfigur Keller beim Aufsagen des Vater Unser während der Jagd ein.) Und zugleich ist es ein ganz offener, undogmatischer Film ohne erhobenen Zeigefinger...


Folter

Eines der Argumente, mit dem Pazifisten, Gegner von Folter & Todesstrafen und Kritiker ausufernder Überwachungspraktiken immer wieder konfrontiert werden, arbeitet mit dem Bild des bloß vorgeblich moralisch einwandfreien Nutznießers mit der weißen Weste, der - bestenfalls blauäugig, schlimmstenfalls heuchlerisch - die Ausübung aller anstößiger oder bloß umstrittener Praktiken ablehnt - und zugleich auf die nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisenden Vorteile dieser Ausübungen (die zwar Späne umherfliegen lassen, aber zugleich gewünschte Formen zu hobeln vermögen) nicht verzichten mag. Insgeheim wären die Gegner umfangreicher Überwachung nicht zufrieden, wenn sie selbst Opfer eines Anschlags werden würden; die Pazifisten würden sich ihre moralische Überlegenheit nur leisten können, weil sie sich in halbwegs zivilisierten & friedlichen Gegenden befinden und kaum jemals ernsthaft selbst Opfer einer weitreichenden, gewalttätigen Unterdrückung geworden sind; und die Meinung über Rettungsfolter würde sich womöglich auch ändern, wenn man als entschiedener Gegner entführt und eingesperrt werden und der längst ergriffene Peiniger (der als einziger den Aufenthaltsort kennt) eben diesen nicht preisgeben mögen würde. Von der Hand zu weisen sind Argumente dieser Art in allererste Linie schon deshalb nicht, weil es ein Leichtes ist, eine fiktive Situation zu konstruieren, in welcher nur noch eine einzige Lösung (nämlich jene, für welche man das mehr oder weniger realistische oder unrealistische Szenario überhaupt erst ersonnen hat) Hilfe bieten würde. Und weil es sich dabei um so erstaunlich unwiderlegbare Totschlagargumente handelt, reagiert die Gegenseite dann ihrerseits mit ihren ganz eigenen Totschlagargumenten: entweder wird auf die Konstruiertheit der Fallbeispiele verwiesen, die zwar denkbar, aber im Hier & Jetzt so realitätsfern wären, dass man über sie gar nicht erst diskutieren müsse; oder aber man weist schlicht und ergreifend die durchaus beleidigenden Unterstellungen, dass man im brenzligen Falle kurzerhand umdenken und sich selbst in den Rücken fallen würde, empört zurück.
Sieht man vom Torture-Horror des Post-Abu-Ghuraib-Genrekinos, auf dessen Welle "Prisoners" erfreulicherweise nicht mitschwimmt, ab, hat das Kino (das schon von Mike Hammer bis Harry Callahan irritierende Grauzonen zwischen Rechtmäßigkeit, Notwendigkeit, Gesetz und Moral ausgelotet hat) in der jüngsten Zeit zweimal ausgesprochen diskussionswürdig auf solche Debatten Bezug genommen. Kathryn Bigelow, die einstige Grand Dame des Actionsreißers der 80er & 90er Jahre, hat in "Zero Dark Thirty" (2012) die Folterverhöre, deren Grausamkeit und deren (womöglich nicht sehr fair wiedergegebene) Erfolgsquote möglichst neutral & nüchtern in Szene gesetzt. Der erste Vorwurf, dem sich der Film ausgesetzt sah, widmete sich der angeblich übertriebenen Bedeutung der Folter für eine erfolgreiche 'Terrorbekämpfung'; der zweite, von Slavoj Žižek erhobene Vorwurf, widmete sich dagegen der angestrebten Neutralität der Darstellung, die angesichts der fundamentalen Erschütterung der Folter selbst bereits eine Form der Billigung darstelle.
"Prisoners" - der bislang vermutlich beste Film zum Thema Rettungsfolter - hat es mit seinem Figuren-Mikrokosmos  und den vor allem emotional motivierten Figuren leicht, dieser Neutralität zu entgehen. Das - ohnehin kaum zurechnungsfähige - Opfer der Rettungsfolter erweckt das ganze Mitleid des Publikums, während zugleich aber auch die Täter an die Grenzen ihrer Gewaltbereitschaft getrieben werden: wenn Keller seinem Opfer droht, ihm die Hand mit dem Hammer zu zertrümmern, blufft er bloß und zertrümmert in seiner Verzweiflung stattdessen das Waschbecken. Zahlreiche Fausthiebe später wird das Opfer vom Täter unsichtbar gemacht: in einen bedrückend kleinen Bretterverschlag gezwängt, ist es der Heiß- und Kaltwassermethode seines Peinigers ausgesetzt, der sein Opfer nun weder anfassen, noch anschauen muss. (Man kennt diese Entwicklung aus der Geschichte des Strafens; Foucault schildert das Unrühmliche des Marterns und das in den 1830er Jahren daher in Frankreich eingeführte Verschleiern des zu bestrafenden Körpers, der nun gesichtslos (und man könnte hinzufügen: blicklos) seiner Leibesstrafe ausgesetzt wird.[5]) Birch, Kellers Freund, Leidensgenossen & zögerlich agierenden Mittäter, steht die Verstörung & Ratlosigkeit während des Folterns fortwährend ins Gesicht geschrieben. Folter ist in "Prisoners" - auch nach einigen Tagen Erfahrung - keine alltägliche Selbstverständlichkeit, sondern eine Qual (unterschiedlicher Intensität und Qualität) für alle Beteiligten. Am Ende des Folterns bittet Keller schließlich gar sein Folteropfer darum, ihm und sich selbst weiteres Foltern zu ersparen - und zwar keinesfalls aus bloß manipulativer Berechnung.
Dass Franklins (von ihm eingeweihte) Frau dafür plädiert, Alex weiterhin von Keller foltern zu lassen, aber im Falle eines Falles so zu tun, als habe man von nichts gewusst, transportiert das oben erwähnte, beliebte Argument in eine (zumindest in diesem Punkt) glaubwürdige Dramaturgie; dass die zutiefst ungehörige Position, die eine angebliche Notwendigkeit über ein moralisches Empfinden stellt, unter Umständen auch von denen geduldet werden kann, die nicht öffentlich dazu stehen würden, wird hier - dank des wirksamen Aufhängers der Kindesentführung samt den damit verbundenen Befürchtungen von Missbrauch und Mord - überzeugend dargelegt. (Und wenn man sich die Ergebnisse des Milgram-Experiments, des Stanford-Prison-Experiments oder Umfrageergebnisse über Gewaltausübungen in diversen Berufsfeldern anschaut, scheint das nicht unbedingt eine pessimistische Übertreibung zu sein.)
Aber obwohl der Film ausdrücklich auf die vorhandene Bereitschaft zum Foltern bei durchschnittlichen Bürgern (und im milderen Rahmen sogar bei professionellen und weniger emotional involvierten Ermittlern wie Loki) besteht und obwohl der Film im Rahmen der Folter sogar den einen oder anderen kleinen Erfolg des Verhörs zugesteht (wobei diese dann jeweils noch nicht zum Ziel führen), ergreift er keinesfalls für die Folterpraktiken Partei. Das liegt weniger an der Inszenierung, die das Verhör ausgesprochen verstörend ausfallen lässt, sondern auch daran, dass die mangelnden Fortschritte der Ermittlung durchaus auch auf mangelnde Zusammenarbeit, Eigensinn und Verschlossenheit zurückgeführt werden. Und es liegt noch viel mehr daran, dass mit Alex Jones ein Opfer präsentiert wird, das zwar - dem Verdacht des Folternden entsprechend - die benötigten Antworten kennen müsste, das aber dennoch nicht redet. Das ist nicht allein ein dramaturgischer Kniff, um die Ermittlungen zeitlich ausdehnen zu können, sondern auch Teil des Folterdiskurses. Dass jemand unter der Folter eine Info nicht nennen kann, will oder darf, oder dass er nicht einmal versteht, dass er sie nennen soll, wird in Argumentationen gegen die Folter immer wieder angeführt, wenngleich Folter der Erfahrung nach eine wirklich effektive Vorgehensweise darstellt, sofern das Opfer tatsächlich weiß, was in Erfahrung gebracht werden soll.

Dass "Prisoners" es als in seinen Grundzügen ausgesprochen christlicher Film schafft, die Bereitschaft durchschnittlicher Menschen zur Folter glaubhaft in Szene zu setzen und zudem Ansätze von Effektivität in Aussicht zu stellen, ist erstaunlich und beugt einer zu schlicht argumentierenden Position wirksam vor. Dadurch, dass er Folter als Verzweiflungsakt nachvollziehbar werden lässt und keinen Hehl aus der potentiellen Möglichkeit auf einen Erfolg macht, lässt er erst das Dilemma aufscheinen, das aus der Kluft von möglicher Wirksamkeit und moralischer Fragwürdigkeit resultiert. (Filme, bei denen das Publikum nicht einmal ansatzweise die Motivation der Folternden nachempfinden kann, Filme, die Folter ausschließlich am Beispiel eines vollkommen Unwissenden, Unschuldigen & Unbeteiligten verhandeln, machen es sich und vor allem dem Publikum zu leicht, sich gegen den grundsätzlich verwerflichen Akt des Folterns entschieden auszusprechen.)
Dieser Ansatz, der zum Nachdenken über die Problematik der Rettungsfolter einlädt, zugleich ein intensives Drama über Kommunikationsarmut und die Einsamkeit des Individuums in sich birgt und darüber hinaus noch eine geschickt aufgebaute, 150 Minuten tragende Spannungskurve aufweist, wird letztlich noch durch eine hochwertige Inszenierung veredelt. Die zwischen Kälte und Wärme schwankende Farbdramaturgie, die sorgfältige Kameraarbeit und ein sensibel eingesetzter Soundtrack  lassen nichts zu wünschen übrig. Wie in Finchers "Se7en" (1995) setzt Villeneuve seine Bilder einer düsteren, kalten Welt über triste Wetterverhältnisse in Szene, geht dabei jedoch weniger vehement und überzeichnend vor. Hervorragende Darsteller runden das Gesamtbild schließlich ab: Gyllenhaal, an dessen Auftritt in "Zodiac" (2007) man unweigerlich denken muss, gibt den verschlossenen, verletzten Loki mit viel Feingefühl, während Jackman es trotz seiner Gewalttätigkeit schafft, zugleich gepeinigt zu wirken.
Mit "Prisoners" hat Villeneuve einen der besten Thriller der letzten Jahrzehnte vorgelegt, der auf die dominanten formalen Überreizungen eines Finchers oder die humoristische Auflockerung der Coens vollkommen verzichtet und seine Handlung geschickt mit Motiven der Einsamkeit und des Schweigens verkoppelt, die seit den Antonioni- & Bergman-Dramen der späten 50er Jahre bis heute nichts an Aktualität in den ambitionierten Dramen des Weltkinos verloren haben.
10/10


1.) Das fleißige Publikum kennt diese Szenerie um Ritual, Tradition, Männlichkeitskult und Schwellenbereiche aus Vinterbergs "Jagten" (2012), wo jedoch die Kritik daran weniger umfassend und weniger radikal ausfällt. (Wenn Kellers Sohn wenig später von Birchs Tochter gefragt wird, ob ihm das erschossene Reh leid getan habe, wird bereits ein Verhältnis von angenommener Notwendigkeit der Gewalt und zugleich dabei empfundenem Mitgefühl angesprochen, welches später eine zentrale Rolle spielen wird.)
2.) Gyllenhaal, der hier als Ermittler zur Leiche im Keller des Geistlichen herabsteigt, ist schon in "Donnie Darko" (2001) über die verheißungsvolle
cellar door gestolpert, die gerade im phantastischen Bereich den Zugang ins Unbekannte ermöglicht.
3.) Auch das dürfte Gyllenhaal noch aus "Donnie Darko" kennen: "Every living creature on earth dies alone." Die tiefe Melancholie und Trauer seiner frühen Rolle durchzieht auch Detective Loki.
4.) Zu dieser unvollkommenen Kommunikation gehört auch die Tendenz der Figuren, eigene Fehler in offenen Auseinandersetzungen dem Gegenüber anzulasten. Keller, Loki, Lokis Chef machen allesamt von dieser Taktik Gebrauch. Auch der frühzeitige Griff zu physischer oder psychischer Gewalt zählt zu den unvorteilhaften Kommunikationswegen in diesem Film: Keller droht Alex Jones, Keller wird im Streit mit seinem Sohn handgreiflich, Loki droht Alex Jones, Loki droht dem zweiten Tatverdächtigen, Loki droht dem Geistlichen... stets scheint es angesichts eines Schwächeren und/oder zurückgebliebenen Gegenübers verlockend zu sein, Diskussionen durch Gewalt zu beschleunigen.
5.) Vgl: Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses [Kapitel I. Marter - 1. Der Körper des Verurteilten].

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