Mit dem Begriff WikiLeaks untrennbar verbunden sind nicht nur einige spektakuläre Enthüllungen mittels online gestellter geheimer Dokumente sondern auch deren Sprecher Julian Assange - doch die Anfänge und Umstände, unter denen die ersten weltweites Aufsehen erregenden Aufdeckungen von Korruption und Kriegsverbrechen gelangen, sind eher unbekannt. Der amerikanische Spielfilm The Fifth Estate (Die fünfte Gewalt) beleuchtet jene Zeit zwischen 2009 und 2010, als die Enthüllungsplattform mit nur sehr wenigen Unterstützern (die meisten ein Alter Ego von Assange) unter teilweise haarsträubenden Umständen als neuzeitlicher David gegen einen übermächtigen Goliath (Banken und Regierungen) um internationale Anerkennung kämpfte.
Regisseur Bill Condon präsentiert hier allerdings keine Doku und auch kein Biopic von Assange, sondern vielmehr eine durch zwischenmenschliche Töne geprägte Story von zwei jungen Männern, die die revolutionäre Idee des Einen zusammenbringt, die sich aber im Laufe der Zeit über die Form der Darbietung ihrer brisantes Leaks sowie hierarchische Strukturen ihrer whistleblower-Plattform wieder zerstreiten und schließlich trennen. Zum Großteil basierend auf dem Buch des Berliner Hackers Daniel Domscheit-Berg (jahrelang bei WikiLeaks dabei und im Film von Daniel Brühl dargestellt) wird das zunächst phantastisch klingende und unmöglich erscheinende Projekt des umtriebigen Australiers Assange vorgestellt - Geheimdokumente unzensiert der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen, um somit diverse Schweinereien anzuprangern, die ansonsten unter den Teppich gekehrt blieben. Der Deutsche, ein engagierter aber vergleichsweise braver Computerfreak ist anfänglich wie ein Zauberlehrling fasziniert von der Aura des weißhaarig auftretenden Assange (Benedict Cumberbatch) und dessen schier ungebrochener Motivation und Agitation, von der er sich zunächst schlicht mitreißen läßt und dabei sogar seine hübsche Freundin Anke (Alicia Vikander) vernachlässigt - als es jedoch um unzensierte Dokumente geht, mit denen Informanten in Gefahr gebracht werden, tritt er auf die Bremse.
Das u.a. von Spielbergs Firma DreamWorks sowie Disneys Touchstone Pictures produzierte Werk läßt freilich keine allzu radikalen Töne erwarten, und auch der bis dato spektakulärste Vorfall, nämlich die vorsätzliche Tötung einer Gruppe Zivilisten aus einem Helikopter seitens deren US-Besatzung im Irak nehmen erstaunlich wenig Raum ein - stattdessen fokussiert der Film auf die zunehmenden Spannungen zwischen den beiden Hauptdarstellern, läßt in einem Nebenplot aber die Sorgen engagierter CIA-Mitarbeiter um ihre ausländischen Zuträger plausibel erscheinen.
Grundsätzlich fällt es dem Zuschauer von Anfang an leicht, sich (hauptsächlich) auf die Seite von Daniel zu schlagen: Der bärtige Brillenträger wirkt bodenständig-freundlich, ist um Ausgleich bemüht und dennoch Feuer und Flamme für die non-profit-Idee, mit der weltweite Korruption und Kriegsverbrechen sichtbar gemacht werden können - eine dankbare Rolle für Daniel Brühl, der in dieser aufzugehen scheint und seinem Filmcharakter eine stets sympathische Note zu geben vermag. Zusätzlich erhält er Unterstützung von Hackerkollege Marcus (Moritz Bleibtreu), der auf seinem Bauernhof modernes Server-Equipment zur Verfügung stellt - in kleinen Nebenrollen sind mit Edgar Selge (als Daniels Papa) oder Tatort-Kiel-Kommissar Axel Milberg (als Informant) weitere bekannte deutsche Schaspieler mit eingebunden - gegen die muß sich der rastlose Nerd Assange mit seinen altersunüblich weißen Haaren erst einmal behaupten. Cumberbatchs Darstellung des Visionärs wirkt durchaus glaubhaft, schafft allerdings stets eine gewisse Distanz - zu unnahbar erscheint der Tausendsassa, der mal eben nach Island fliegt, um dort sein neues Hauptquartier aufzuschlagen, wofür er selbstverständlich die Hilfe seines deutschen Kompagnons braucht. Am Ende entwickelt sich daraus ein immer stärker zutage tretender Personenkult um Assange, den der um Transparenz und Demokratie ringende Daniel nicht mehr mittragen will und kann, ganz abgesehen von dem eine Art Realo/Fundi-Auseinandersetzung darstellende Konflikt um unzensierte ("Fundi" Assange) oder quellenschonende, d.h. redigierte Dokumentenveröffentlichung ("Realo" Daniel), der die Protagonisten immer mehr spaltet. Ob sich die zunehmend narzisstischen Anwandlungen Assanges tatsächlich so darstellten oder nur die Sichtweise von Daniel wiedergeben (auf dessen Buch nach seinem Ausstieg bei WikiLeaks der Film größtenteils aufbaut), bleibt dahingestellt - der echte Assange hat seine Filmrolle übrigens ausdrücklich nicht autorisiert und sogar den Briten Cumberbatch - allerdings vergeblich - um einen Rollenverzicht gebeten.
Wem man am Ende mehr zutraut oder glaubt, bleibt jedoch nebensächlich angesichts der für die bürgerlichen Freiheiten auf der ganzen Welt unglaublich wichtigen Dinge, die WikiLeaks bewegt hat. Als Drama zwar nur knapp überdurchschnittlich, als Entwicklungsgeschichte der titelgebenden fünften Gewalt jedoch durchaus sehenswert: 7 Punkte.