FEUCHTGEBIETE als Film ist weder langweilig, noch schockierend, noch wirklich eklig, geschweige denn ein Skandal. Vielleicht ist er es - wie das Buch - für Menschen die sonst nur "Rosamunde Pilcher" schauen. Die dort gezeigten Dinge sind - bis auf gelegentliche fetischhafte Übertreibungen - ganz normale Dinge des Alltags in Bezug auf Intimrasur, Krankheiten oder des sexuellen Miteinanders. Und wer bei Sperma "wie eklig" schreit sollte, vielleicht einmal auf die Worte der Helen in FEUCHTGEBIETE hören die sagt: "Wenn man Schwänze, Sperma und andere Körperflüssigkeiten ekelhaft findet, kann es mit dem Sex auch direkt bleiben lassen." Ich fand diese Szenen fast durchgehend amüsant, es gab kein Fremdschämen, eher erwischt man sich mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht aufgrund des amüsanten Fäkalhumors.
Einerseits verehre ich Charlotte Roche für ihre unnachahmliche und authentische Art weit vor dem Medienhype um sie, und außerdem hat sie den besten Musikgeschmack aller Frauen in dieser Branche. Sie wirkt erfrischend anders und deutlich anziehender, als die scheinbar genetisch gleichgeschalteten, meist blonden Massenschönheiten bei denen hier und da zum vermeintlich perfekten Äußeren nachgeholfen wurde. Das würde ich eher als eklig bezeichnen, auch wenn ich hier mir meiner Außenseiter Meinung bewusst bin. Andererseits ging mir nach Lesen des Buches "Feuchtgebiete" das aufgeregt-interessierte Echo des Feuilletons unglaublich gegen den Strich, es war ein konstruierter Skandal für Spießer und das Buch wurde dann im Nachgang zum gewissen Teil vom Typ Menschen gelesen, für dies es wohl das Zweitbuch war und die dann erst wieder mit dem unsäglichen "Shades of Grey" befriedigt weitergezogen sind.
FEUCHTGEBIETE will auch gar nicht schockieren und entschärft gezeigt Bilder im gleichen Atemzug gleich selbst. Die Geschichte von Helen (Carla Juri), über ihre Vorlieben und ihr Verhältnis zu den Eltern beginnt mit einer Texttafel eines genialen Leserkommentars von "Bild-Online", der meine obenstehende Einleitung perfekt zusammenfasst. In der ersten Hälfte des Films erleben wir die erwarteten Geschichten wie wir sie aus dem Buch kennen, und es beherrschen ein verspielt schwarz-humoriger Ton, absurde Episoden und grotesk wirkende Erlebnisse das Geschehen. Carla Juri als Helen wirkt dabei jederzeit natürlich, anziehend und in positiver Weise neugierig-verrückt und liefert niemals ein Vorbild für billige voyeuristische Absichten.
Und wenn wäre es auch egal. Sie ist sicherlich eine sehr gelungene Besetzung, wirkt allerdings deutlich älter als die im Film avisierte 18-jährige, was mit ihren 28 Jahren eben diesen Fakten geschuldet ist. Ihre permanente gehaucht-heiser klingende voice-over Stimme aus dem off ist eine geradezu ideale Ergänzung zu den Bildern. In der zweiten Filmhälfte, wenn nicht mehr jede Szene eine vermeintliche Provokation sein will und die Narration das filmische Ruder übernimmt, gefällt mir das Gezeigte zunehmend besser. Es gibt reihenweise surreale Bilder und schöne Bildüberblendungen die FEUCHTGEBIETE weg vom billigen Skandalfilm bringen, der er leider für viele vor dem Sehen vorurteilsgetrieben war und nach dem Sehen leider ist.
Richtig stark wird FEUCHTGEBIETE in den Rückblenden und damit einhergehenden Analysen des Verhältnisses zu ihren Eltern, welches anfangs recht heftig durchgerüttelt wird mit dem Satz der Mutter "Vertraue niemanden, auch nicht Deinen Eltern". Apropos Mutter. Meret Becker gefällt auch als Mutter von Hellen sehr gut und wirkt mit ihrer Kurzhaarfrisur wie ein Look-Alike von Sexberaterin Erika Berger. Generell sind alle Nebenrollen sehr gut besetzt. Neben dem Anprangern gängiger Sexualmoral und Klischees gibt es jede Menge offene und versteckte Seitenhiebe auf Religion und Kirche, Sexualmoral und elterliche Erziehung. Der Roman wurde in der Verfilmung deutlich gekürzt und beleibe nicht jede Szene wurde filmisch umgesetzt. Die Kameraführung ist sehr aktiv und oft erfrischend nah auf den Gesichtern und Körperteilen und schmeichelt seinen Protagonisten in keiner Weise.
Wirkliche Grenzen zum Erwachsenenfilm werden niemals überschritten und selbst diese würden FEUCHTGEBIETE gut zu Gesicht stehen. Herausragend ist auch die sehr abwechslungsreiche Filmmusik von elektronisch bis hin zu schrägen Rocksound. Somit kann ich diesen launischen Film, der vielen Geschockten einfach nur den Mittelfinger zeigt, nur mehr als empfehlen. Weniger als filmische Offenbarung, psychoanalytische Studie oder gar intellektuelles Arthouse Kino, eher als gelungene Melange aus Unterhaltung und kleinen bescheidenen Provokationsspitzen aus dem Leben einer jungen Frau, die das Leben doch so bunt machen…
7,5/10 Sexandenken-Kaubonbon….äh,….Punkten