Review

Die wunderbar perverse Welt der Helen

Ein Skandal im Kino-Sperrbezirk blieb 2013 zwar aus, doch angeekelt, aufgeregt und abgestoßen hat "Feuchtgebiete" seine Zuschauer dennoch. Ein paar Menschen hat er jedoch schon damals zu Freudenstürmen hinreißen können - und da möchte ich mich nun gerne anschließen. Denn die Verfilmung des Charlotte Roche Skandalbuchs ist so viel mehr als nur Schock, Rebellion und Ekel, dass ich keine Menschenseele verstehen kann, die das aufgeregt pochende Herz dieser Coming-of-Age-Schleimotte übersehen kann. Erzählt wird wie in der literarischen Vorlage (nur wesentlich pfiffiger und kurzweiliger!) von der jungen Helen - Scheidungskind, Freidenkerin und leidenschaftliche Beschmutzerin ihrer Vaginalflora...

Dass ein Film wie "Feuchtgebiete" heutzutage gar nicht mehr allzu laut aufschreien lässt, spricht für die Gesellschaft. Vor ein paar Jahrzenten (oder sogar heute noch in einigen westlichen wie östlichen Gebieten unserer Welt) wäre das sicher noch anders gewesen. Dass David Wnendts freizügiger Feger allerdings nichtmal ansatzweise verstanden oder gewürdigt wurde, spricht mal wieder gegen den deutschen Kinogeschmack und die Gesellschaft als solche. Doch was soll man erwarten von 80 Millionen, die im selben Jahr "Fack Ju Goethe" oder "Kokowääh 2" abgefeiert haben... Ich hoffe Einige machen da im Nachhinein noch ihre Hausaufgaben und scheuen sich nicht mit der siffigen Helen in die Abgründe (oder Höhepunkte, je nach Sichtweise) ihrer Sexualität abzutauchen. Ein rotziger Soundtrack und eine künstlerisch wertvolle Inszenierung sollten die Schwimmflügel in diesem See der Körperflüssigkeiten sein.

"Feuchtgebiete" auf seinen Schockwert zu reduzieren, ist ein riesiger Fehler. Klar sind die gebrochenen Tabus, die gezeigten Aktionen und Helens Verhalten harter Tobak, lassen selbst die unprüdesten Gesellen oft Grimassen schneiden und glückseelig jauchzen. Nicht von Ungefähr wird man Binden, Möhren und sogar Pizzas nie mehr mit den selben Augen sehen. Doch hinter der krassen (und äußerst unterhaltsamen) Fassade versteckt sich eine persönliche Entwicklung, ein Drama, sogar eine glaubhafte Liebesgeschichte, dass man aus dem Wundern kaum noch heraus kommt. Egal wie abstoßend Helen sein kann, sie zieht einen immer wieder spielend an. Herausragend und unendlich mutig von Carla Juri verkörpert, ist sie eine der Powerfrauen des Kinojahrzents. Verletztlich und stark, ranzig und erotisch zugleich. In einem Zeh mehr als es eine Anastasia Steele es in drei ganzen Filmen und mit ihrem gesamten Körper je sein könnte.

Fazit: der ekelhafteste Geniestreich der letzten 10 Jahre!? Helens unwiderstehliche Art die Welt zu sehen, ihre Muschi zu beschmutzen und die Frauen/Sexualität zu befreien ist mit Nichts zu vergleichen. Schmutzig, krank, abartig - und doch gesund, herzlich und frisch wie die Hölle?!

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