Review
von Leimbacher-Mario
Schweigendes Herz
Xavier Dolan sollte viel bekannter sein als er ist. Jeden seiner Filme kann ich nur wärmstens empfehlen. Ein Ausnahmeregisseur aus Kanada, mit mehr Sensibilität und Einfühlungsvermögen im kleinen Finger als die meisten Hollywoodregisseure im ganzen Körper. Am besten mit „Mommy“ anfangen. Wer danach nicht überzeugt ist, dem ist auch nicht mehr zu helfen. „Sag nicht wer du bist“ kam davor und erzählt von einem schwulen jungen Mann, der zur Beerdigung seines Liebhabers zu dessen Familie auf deren Bauernhof fährt. Doch als die Mutter gar nicht weiß, dass ihr Sohn schwul war und der Bruder aggressive Drohungen ausspricht und perverse Spielchen beginnt, fängt ein (vor allem psychisch) brutales Katz-und-Maus-Spiel an, aus dem das Entkommen auf dem Papier wesentlich leichter und simpler erscheint, als es eigentlich ist...
Ein dramatischer Thriller voller unterdrückter Emotionen und unter die Haut gehender Momente. Grandios gespielt, u.a. vom jungen Regisseur selbst, extrem atmosphärisch visuell eingefangen, mit einem erlesenen, französisch-poppigen Soundtrack, mit ruhiger Hand und fester Stimme. „Tom at the Farm“ ist klar, deutlich und doch mysteriös und verspielt. Nicht leicht zu erklären, schwer zu deuten, kompliziert wie das Leben. Irrungen, Wirrungen, Schmerzen, Ängste. Und vor allem Liebe. Über die Wahrheit dieser und unterdrückte Homosexualität, über verdrängte Trauer und giftige Männlichkeit, über Schmerzen und Atmen, über Land und Stadt. Düster, mit Horror-Untertönen, aber so filigran und sensitiv wie ein Indie-Drama. Ein Mix für die Ewigkeit, von dem man seine Augen kaum lassen kann. Nimmt keine Abkürzungen, geht da hin, wo es weh tut. Und hat mit seinem kleiner werdenden Bildausschnitt in spannenden Momenten eindeutig Vorbild für „It Comes At Night“ gestanden.
Fazit: Xavier Dolan ist eine Wucht, vielleicht sogar ein Jahrhunderttalent. „Sag nicht wer du bist“ ist ein weiterer Beweis, ein weiteres Brett. Ein belebender Stein im Magen, den man nicht einfach so, schmerzlos ausscheiden kann, der lange bei einem bleibt. Intensiv, wuchtig, intim, gespenstig. Zwischen Hitchcock und Gay Cinema. Zwischen Sado und Maso. Klasse.