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Es tut mir irgendwie im „Citizen Kane“ leid. Da hat Orson Wells vor Ewigkeiten einen sehr innovativen Film gemacht, der sicherlich völlig zu Recht seinen Platz in den cineastischen Annalen bekommen hat. Aber er wurde in seinen Stilelementen seit dem so oft kopiert, dass er dem heutigen Betrachter scheinbar nichts neues mehr bietet und dadurch ansatzweise belanglos wirkt. Zumindest mir ist es so ergangen.

Wenn man sich den Film heute ansieht, hat man zwei Probleme. Man weiß, dass Rosebud der Schlitten ist. Und man kann alle die neuen Elemente in Beleuchtung und Kamera nicht mehr schätzen, da alles heute ein alter Hut ist und zum Leidwesen von Wells von einigen Nachfolgern besser beherrscht wurde. So kann man sich nur auf die Umsetzung der Geschichte konzentrieren, die aber so gelungen ist, dass man auch heute mit „Citizen Kane“ knapp 2 Stunden kurzweilige Unterhaltung geboten bekommt.

Man merkt beim Sehen, dass Orson Wells es sehr gut versteht, in Rückblenden eine Geschichte zu erzählen. Dabei sind diese Szenen nicht zwingend chronologisch exakt aufeinander abgestimmt, sondern geben sehr realistisch den individuellen Zeitrahmen eines sich Erinnernden wieder. Er spielt ohnehin elegant mit der Erzählebene und dem Zeitablauf. Die kurze Passage, in der Wells darstellt, wie die Liebe in der ersten Ehe von Kane erlöscht, ist auch heute noch eine Sternstunde.

Was Wells hingegen nicht gelingt, ist die Gefahr darzustellen, die von einem derartigen Medienmogul ausgeht. Kane missbraucht seine Macht im Film nur einmal erkennbar, indem er den Gesangsdarbietungen seiner Frau nach einer verheerenden einige gute, aber nicht gerechtfertigte Kritiken zukommen lässt.

Man darf bei einer Bewertung des Films auch nicht Wells als Schauspieler vergessen. Er hat für seine Darbietung reichlich Ruhm eingefahren. Auch wenn es lästerhaft klingt, aber mich hat die Leistung von Wells nicht so beeindruckt. Weder Kanes Triebhaftigkeit (Xanadu und das Sammeln) noch seine nachtragende Härte kann er vermitteln, ohne die Hilfe des Erzählers aus dem Off zu bemühen. Da hätte ich mehr erwartet. Auch die Maske von Wells war nichts. Er altert nicht glaubwürdig.

Aber da Xanadu schon angesprochen ist, möchte ich einige Worte zu der Ausstattung verlieren. Es ist mehr als beeindruckend, wie es dem Team gelungen ist, ein wirkliches Traumschloss darzustellen, das zugleich prächtig und sterbenslangweilig ist; das pompös und trotzdem kalt und verlassen wirkt. Hier wurde das Schicksal von Kane virtuos in Szene gesetzt. Und die Haushaltsauflösung am Ende ist wohl das Sinnbild für Vergänglichkeit schlechthin.

Auch wenn es schwer fällt, das gesamte innovative Potential von „Citizen Kane“ heute als einfacher Konsument zu würdigen, bleibt dieser Film auch ohne diese Anerkennung ein anspruchsvoller, gut unterhaltender Film, den man gesehen haben sollte. Er erreicht nicht in allen Bereichen das, was man von einer aktuellen Produktion erwarten dürfte. Dazu gehört vor allem der nicht in letzter Konsequenz dargestellte Hauptcharakter. Aber ich denke, dieses Faktum ist der Zeit geschuldet. Und damals kannte man auch noch keine Medienmogule heutiger Ausprägung…

Von mir kriegt „Citizen Kane“ 7 von 10 Punkten. Dabei habe ich natürlich das schlechte Gefühl, mich als Kulturbanause zu outen. Aber mir gefallen moderne Autos eben auch besser als irgendwelche antiquierte Motorkutschen von Benz. So ist es eben mit Pionierleistungen. Sie werden nachgemacht und verbessert. Sic transit gloria mundi.

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