„Citizen Kane“ ist die Geschichte eines Menschen, den jeder kannte und doch niemand so richtig kannte. Eine Geschichte über das Suchen nach der Wahrheit, über das Suchen nach dem tieferen Sinn des Lebens. Zunächst befremdlich, doch dann mit seiner schlussendlichen Auflösung gleichermaßen faszinierend wie beklemmend. Doch dazu später…
Wir sehen den gealterten Medienmagnaten Charles Foster Kane (Orson Welles) bei seinen letzten Atemzügen. Das einzige, was er noch über seine Lippen bekommt, ist das Wort „Rosebud“. Ein Journalist versucht nun, im Rahmen der Recherche für einen Nachruf auf Charles Foster Kane, herauszufinden, welche Bedeutung dieses letzte Wort hat. Hierbei recherchiert er in Archiven, befragt Freunde und Weggefährten Kanes.
Da kommt also jemand daher, der zuvor gerade einmal zwei Kurzfilme drehte und eigentlich eher im Rundfunk für Furore sorgte, und liefert ein Meisterwerk ab. Kann es so was heute überhaupt noch geben? Sicherlich. Aber in einem solchen Umfang, wie es Orson Welles schaffte, wird es wohl so schnell nicht mehr vorkommen. Direkt vier Aufgaben übernahm der junge Filmemacher im Rahmen der Produktion von „Citizen Kane“: Regisseur, Produzent, Drehbuchautor – und wie sollte es dann auch anders sein: die Hauptrolle. Nicht nur, dass er dadurch dem Wort „Allround-Talent“ mit sich selbst eine Definition gab; nein, Welles gelang es, zwei Jahre nachdem er eine ganze Nation mit seiner Rundfunk-Umsetzung von H.G. Wells’ „Krieg der Welten“ in Angst und Schrecken versetzte, der Filmkunst einen Stoß in neue Sphären zu versetzen:
Bei der Betrachtung von „Citizen Kane“ erleben wir innerhalb eines Filmes eine Art Revolution des Filmgeschäftes. Welles pfiff auf eine traditionelle lineare Erzählweise und wandte – für damalige Verhältnisse ungewöhnlich, für heutige Verhältnisse schon fast subtil normal – eine Erzählstruktur an, in der wir das Ende des Films bereits zu Beginn dargeboten bekommen. Rückblenden, Sprünge in den verschiedenen Epochen des Lebens der Titelfigur übermitteln dem Zuschauer Stück für Stück die Lösung für das Puzzle „Charles Foster Kane“… Revolution Nummer Eins. Und da wäre noch das Stichwort „Schärfentiefe“, das im Zusammenhang mit Welles’ „Citizen Kane“ fallen muss. Dieses „Stilmittel“ fand hier erstmals seine Anwendung, „Citizen Kane“ stellte also die Bahnen für eine neue Art der Filmtechnik. Revolution Nummer Zwei. „Und was soll das bitte sehr?“ fragte sich sicherlich der Großteil der Zuschauer in den 40er Jahren (und heute unter Umständen auch noch)… Denn neben den (oder vielleicht auch aufgrund der) „Neuerungen“ auf filmischer Ebene fiel es damals wie heute schwer, einen direkten Bezug zu irgendeinem der Charaktere herzustellen. Zu groß ist die Distanz, die zwischen dem Zuschauer und dem Film geschaffen wird.
Doch für den wahren Filmfreund ist das leicht zu verdauen. Es muss ja nicht immer einen Charakter geben, mit dem man mitempfindet, mit dem man sich identifiziert. Es reicht auch schon vollkommen, wenn man mit opulenten Bildern, passender Musik und einer spannenden Dramaturgie unterhalten wird. Und von alledem bekommt man im Falle von „Citizen Kane“ mehr als genug. Bilder, die auch aus heutiger Sicht noch mehr als nur Standard darstellen, musikalische Nuancierung, die es zuvor wohl nie passender gab und eine Dramatik, die zwar zu Beginn dem Zuschauer ihren Zugang nur schwerlich eröffnet, aber mit dem Verlauf des Films immer stärker wirkt und letztendlich mit der Auflösung des Wortes „Rosebud“ ihren finalen Höhepunkt erreicht. Einen Höhepunkt, der in seiner Bedeutungsgewalt den Zuschauer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt, denn die Auflösung, die zwar nur dem Zuschauer, nicht aber dem forschenden Journalisten, offenbart wird, ist wiederum in (, trotz oder gerade wegen?) ihrer Einfachheit so genial wie das gesamte filmische Werk, das sich einem dargeboten hat. Und dann erkennt man als Zuschauer, dass eigentlich jeder sein eigenes „Rosebud“ hat (oder haben sollte): Ein elementares Stück Lebensgeschichte, das einen sein Leben lang begleitet und dem gerade in Momenten des größten Leids eine mentale Wiederbelebung widerfährt.
Nach all der Lobhudelei für Welles’ Regie- und Drehbucharbeit muss auch ein Wort über die schauspielerische Leistung dieses Herren gesagt werden. Nun erwarten sicherlich einige, dass er – nachdem er schon auf den beiden zuvor genannten Gebieten über den grünen Klee hinweg gelobt wurde – zumindest im Bereich der Schauspielkunst Abstriche zu verzeichnen hat. Aber auch hier muss einfach gesagt werden: Welles brilliert als Charles Kane. Nicht nur der junge, aufstrebende Mann wird von Welles hervorragend verkörpert, sondern auch als der gealterte Medienmagnat Charles Foster Kane weiß er zu überzeugen.
„Citizen Kane“ als das Non-Plus-Ultra des filmischen Schaffens des vergangenen Jahrhunderts zu bezeichnen, widerstrebt mir zwar; aber aufgrund der Bahn brechenden filmischen Umsetzung und der Botschaft, die ich mir aus diesem Film extrahiert habe, komme ich an der Höchstwertung nicht vorbei. Für filmhistorisch Interessierte führt jedenfalls kein Weg an Orson Welles’ Erstlingswerk vorbei!