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Wiesbaden, jenes verschlafene kleine Nest im Hessischen, das außer einer bekannten Spielbank nichts Besonderes an sich hat. Ach ja, und den „Tatort“, für den es seit 2010 eine Spielwiese für unterschiedliche aus der Reihe fallenden bis experimentelle Beiträge zur altgedienten ARD-Krimiserie darstellt. Doch was da am 12.10.2014 ab 20:15 Uhr über den Bildschirm in Millionen Haushalte flimmerte, damit war nicht unbedingt zu rechnen und lief zurecht kurz zuvor bereits auf diversen Filmfestivals, wurde mit Preisen ausgezeichnet und von der Kritik gelobt: „Im Schmerz geboren“ von Regisseur Florian Schwarz („Das Schneckenhaus“) und Drehbuchautor Michael Proehl ziehen einen wahnwitzigen Thriller nach Muster Shakespear’scher Dramen, Motiven Dürrenmatts („Der Besuch der alten Dame“) und Vorbild altgriechischer Tragödien auf, zitieren sich durch die Film- und Kunstgeschichte und lassen rekordverdächtige rund 50 Opfer über die Klinge des Schnitters springen.

Alexander Held („Die Spiegel-Affäre“) führt als on- und offscreen direkt mit dem Publikum kommunizierender Erzähler durch eine Handlung um den hochkultivierten ehemaligen Polizeischüler und Freund des LKA-Ermittlers Felix Murot (Ulrich Tukur), Richard Harloff (Ulrich Matthes, „Bornholmer Straße“), der eine gänzlich andere Laufbahn einschlug, nach Bolivien ging und dort zum Kopf eines Drogenkartells avancierte. Aus einer Dreiecksbeziehung zwischen Harloff, Murot und einer Frau resultierte nicht nur ein Kind, sondern auch gefährlicher Wahnsinn gepaart mit Harloffs Genie, was in einen großangelegten, ausgeklügelten und bis ins letzte Detail durchgeplanten Rachefeldzug mündet, in dem kein Platz mehr für den Respekt gegenüber dem Leben ist – diesen hat Harloff bereits vor vielen Jahren in Bolivien verloren. Während sich beide Männer nun wieder begegnen, kann der gerade von einem Hirntumor genesene Murot lange Zeit nur als untätiger Statist Harloffs Inszenierung und Umsetzung seines Plans zusehen…

Zu viel über die Handlung dieses faszinierenden und hochgradig spannenden „Tatorts“ zu verraten, wäre Frevel. Sich über die inszenatorischen Qualitäten auszuschweigen, ebenfalls: Harloffs erster Auftritt ist direkt eine Hommage an die einleitende Sequenz des Italo-Western-Meisterwerks „Spiel mir das Lied vom Tod“ – in Form des Überwachungskameramitschnitts entsprechend kommentiert von Ermittlerin Schneider (Shenja Lacher), noch ohne den Filmtitel zu nennen. Überhaupt kein Hehl wird dem gegenüber aus den Parallelen zum französischen Klassiker „Jules und Jim“ gemacht, dessen in Rückblenden illustrierte ménage à trois jener in diesem „Tatort“ ähnelt, was auch seine Figuren feststellen. Die eingefärbten Freeze Frames sind alten Eastern entlehnt und dass Harloff unter dem Stendhal-Syndrom leidet, erinnert an den ehemaligen Giallo-Großmeister Dario Argento.

Doch das Schönste: All diese Anspielungen und Verweise muss das Publikum überhaupt nicht erkennen oder zuordnen können, um den Film genießen zu können. Anders als unter Tarantino beispielsweise verkommt „Im Schmerz geboren“ nicht zum selbstzweckhaften Zitatekino inklusive selbstverliebter Coolness, im Gegenteil: Die wendungsreiche Geschichte ist stark genug, um auch ohne all das bestehen zu können und zu funktionieren. Figuren und Handlung werden in kein enges Hommagen-, Zitate- oder Meta-Konzept gepresst, sondern dominieren den Film, das Drumherum ist stets schlüssiges Beiwerk. Bei den Figuren handelt es sich um echte Charaktere, allen voran beim überragenden Harloff sen. Mit seinen den weißen Anzug kontrastierenden beinahe schwarzen Augen, seinem elitären Habitus und Duktus irgendwo zwischen Bernd Stromberg und Superschurke wird er zum ebenso genialen wie psychisch kranken und letztlich tieftraurigen Strippenzieher und zum Dreh- und Angelpunkt dieses „Tatorts“. Alexander Held stemmt eine Doppelrolle als Erzähler und in kriminelle Geschäfte verwickelter Betreiber einer Kfz-Werkstatt, dem seine Söhne und schließlich sein eigenes Leben, seine Männer und seine Werkstatt genommen werden. Zu guter Letzt wird BKA-Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp) gar noch eine ganz besondere Rolle zuteil, der der Hüterin eines Geheimnisses, das sie Murot preiszugeben nicht bereit ist.

Um das nach bereits einigen fast schon verstörend kaltblütig, aber eben auch perfekt durchinszenierten Gewaltspitzen eskalierende finale Massaker noch abendprogrammtauglich zu halten, bedient man sich eines Kunstgriffs, indem man die Resultate der Brutalität zu Gemälden verfälscht, was sich jedoch gut in das ästhetische Konzept des Films einfügt. Zu diesem zählen auch die eigens vom Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks eingespielte klassische Musikuntermalung sowie die mitunter originelle Kameraführung, die ihre Figuren zu umkreisen scheint, als suche sie nach Fixpunkten, ihrer habhaft zu werden.

„Im Schmerz geboren“ ist ein Paradebeispiel für einen gelungenen „experimentellen Tatort“, ist großes Kino im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und ein perfektes Beispiel dafür, wie sehr es sich lohnen kann, ambitionierten Regisseurinnen und Regisseuren, Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren hin und wieder diese TV-Institution als Spielwiese zu überlassen – da empfindet man beinahe so etwas wie stolz, dies auch durch die eigenen Gebührenzahlungen mitermöglicht zu haben. Famos!

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