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Die kreative Partnerschaft von Leonardo DiCaprio und Martin Scorsese ist eine fruchtbare, deren Auswüchse sich zudem nicht allzu sehr ähneln. Nach einem Historiendrama, einer Howard-Hughes-Biographie, einem Copthriller und einem Horrordrama kam eine auf Tatsachen basierende Finanzsatire.
Wobei der Film trotz seines realen Vorbilds Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio), der hier auch noch als Off-Erzähler fungiert, klar macht, dass es ihm nur begrenzt um Tatsachen geht. Schon in den ersten Minuten ändert sich die Farbe eines Autos, weil sich Erzähler Belfort korrigiert, man sieht ihn Drogen aus weiblichen Geschlechtsteilen schnupfen und es landet einen Hubschrauber in seinem Garten. Achja, da ist dann noch die Büroparty inklusive einer Art Dartspiel, nur dass kleinwüchsige Menschen aus Klettzielscheiben geworfen werden. Hier geht es um Überhöhung und Exzess, weniger um Realismus, auch wenn der Film danach erst einmal zurückspult zu den bescheidenen Anfängen Belforts.
Der war einst ein Familienmann, frisch an der Wall Street und anfangs noch irritiert, als der schräge Mark Hanna (Matthew McConaughey) ihn unter seine Fittiche nahm. Doch lange bleibt Jordan dort nicht, denn nach dem schwarzen Montag von 1987 verliert er seinen Job. Er muss in einer kleinen Klitsche anfangen, in der er eher wertlose Aktien, sogenannte Penny Stocks, groß anpreist und verscherbelt. Das wird zur Erfolgsmasche mit der Belfort nach oben aufsteigt – auf dem Rücken seiner ahnungslosen Kunden…

Dass Belfort in diesem Strudel aus Drogen, Sex und Gier als wahrlich wölfischer grinsender Protagonist agiert und am Ende mit einer Gefängnisstrafe von gerade einmal 36 Monaten davonkommt, um danach direkt als Erfolgsguru zu arbeiten, wurde Scorsese übelgenommen, obwohl es zumindest in der Konsequenz den Tatsachen entspricht. Doch „The Wolf of Wall Street“ ist nicht einfach ein Abfeiern Belforts, so viele Partys der Film auch zeigen mag: Dass der Mann ein Egomane ist, der für Geld alles tut, der in erster Linie absahnen will und seine treue, in harten Zeiten zu ihm stehende Ehefrau Teresa (Cristin Milioti) kurzerhand in den Wind schießt um sich Naomi (Margot Robbie) zu angeln, dass er zur Sicherung seines Geldes eine gefährliche Fahrt mit seiner Yacht durch einen reißenden Sturm unternimmt, dass er und seine Kollegen ungehobelte, drogensüchtige und hemmungslose Arschgeigen sind, die im Rausch schon mal vor Publikum, dass die eigenen Ehefrauen umfasst, auf einer Party masturbieren, all das zeigt „The Wolf of Wall Street“ auch in aller Deutlichkeit, was die Raffzähne wenig sympathisch erscheinen lässt.
Inszenatorisch dreht Scorsese dabei alle Regler auf 11 und beballert den Zuschauer mit drei Stunden von gefülltem Exzess ohne jemals auf die Bremse zu treten. Andauernd feiern die Broker mit Drogen, Nutten und ausgefallenen Spielchen, sogar an Bord eines Flugzeugs, im Vollrausch kriecht Belfort zu seinem Auto (und fährt nach Hause) und selbst wenn die Behörden auf seinen Fersen sind, dann sind es für Belfort, den Wolf der Wall Street, bloß Spielchen, die er spielt. Seine engsten Kollegen sind oft nicht professionelle Broker, sondern alte Freunde, die ihre Knete vorher mit Drogendeals verdient haben, sowie sein früherer Nachbar Donnie Azoff (Jonah Hill), der aus Bewunderung für Belfort und dessen Knete ins Brokergeschäft einstieg. Sie alle sind völlig enthemmt und Belfort als ihr Leitwolf ist der Schlimmste. Die Kamera rast, nimmt irre Perspektiven ein, Belfort durchbricht beim Erzählen des Films die vierte Wand und wendet sich an den Zuschauer, eine Szene spielt erst die Selbstwahrnehmung und danach die Tatsachen von Belforts drogenberauschter Heimfahrt durch, während mit Nacktheit, derben Bildern und noch derberer Sprache nicht gespart wird. Scorsese macht den Exzess zum formalen und inhaltlichen Programm.

Natürlich kann als das Rauschafte und Exzessive nicht verbergen, dass „The Wolf of Wall Street“ ein Oberflächenfilm ist, wenn auch ein wagemutiger und formal meisterhafter. Dazu steht der Film auch ganz offen: Wenn Jordan dem Zuschauer seine Methoden und die Hintergründe des Finanzwesens erklären möchte, bricht er kurz darauf ab und verweist darauf, dass das den Zuschauer eh nicht interessiere. So sind auch alle Figuren, vom größenwahnsinnigen Belfort über die schmierigen Kollegen bis hin zur raffgieren Ehefrau, in erster Linie abgedrehte Typen mit wenig emotionalen und charakterlichem Hintergrund, weshalb die persönlichen Tiefschläge und Probleme in Belforts Leben kaum Nachhall haben – aber das haben sie auch bei der Figur nicht, die jedes Stolpern durch noch größeren Exzess zu kompensieren versucht. So ist „The Wolf of Wall Street“ einerseits ein Kraftakt, ein dreistündiges Feuerwerk, das keine Gefangenen macht, aber eben auch knallhart auf den Bauch abzielt, weniger das Hirn oder Herz anzuregen versucht, dabei aber durchaus gut fährt.
Dass diese Achterbahnfahrt funktioniert, ist auch der illustren Belegschaft anzurechnen, in deren erster Reihe Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio mal wieder alles gibt, dem titelgebenden Broker das Wölfische, Schelmische, Größenwahnsinnige gibt, was diese Figur auf so faszinierende Weise rücksichtslos macht in ihrer ganzen Egozentrik. Margot Robbie ergänzt ihn gut als eiskaltes Trophy Wife, während Jonah Hill zeigt, dass er auch abseits von Apatow-Komödien Eindrucksvolles vollbringen kann. Dann ist da noch eine Nebendarstellerriege, in der sich die bekannten Namen und Gesichter nur so tummeln: Kyle Chandler als FBI-Agent auf Belforts Fersen, Jean Dujardin als Schweizer Banker, Jon Favreau als Anwalt, Jon Bernthal als Jugendfreund und Kollege Belforts (mit der grandiosen „Sell me this pen“-Szene), dazu noch Rob Reiner, Shea Whigham und und und. Genau diese Menge an markanten Gesichtern hilft auch dabei sich an die vielen Figuren inmitten dieser wilden Odyssee zu erinnern, und trotzdem mögen einzelne noch untergehen.

„The Wolf of Wall Street“ erhebt den Exzess zum inhaltlichen wie formalen Programm und ist eine dreistündige Achterbahnfahrt durch das Finanzgeschäft, die mit Erklärungen spart und seine Figuren nie über Typen hinauskommen lässt, gleichzeitig aber den Wahnsinn und das Unvorstellbare in satirische Bilder fasst, wenn das Leute eiskalt mit der Knete anderer Leute zocken und sich selbst dann noch dicke Prämien auszahlen, wenn der kleine Anleger gerade um seine sauer verdiente Kohle gebracht wird. Das so zu erzählen hat schon Eier, auch wenn „The Wolf of Wall Street“ dabei eher an der Oberfläche der Dinge bleibt.

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