Achtung, Spoiler:
Bei "Der dritte Mann" handelt es sich um einen sehr spannenden, sehr gut gemachten Film. Zum einen liegt das natürlich an den hervorragenden Schauspielern, vor allem Orson Welles und seine die Schieberbande spielenden Kollegen, dann an den "unsterblichen Zitherklängen" von Anton Karas, also dem Soundtrack des Films. Das wäre heute wohl undenkbar, einen ganzen Film nur mit einem einzigen Musikstück zu untermalen, dazu ist es noch das Erkennungsmotiv für Orson Welles als Harry Lime, womit wohl seine Allgegenwart verdeutlicht wird.
Außerdem liegt es an dem hervorragenden Drehbuch von Graham Greene. Diese Punkte allein hätten fast schon die Preise verdient, mit denen der Film ausgezeichnet wurde, nämlich mit dem Großen Preis der Jury in Cannes 1949, dem Oscar für die beste Kamera sowie die Auszeichnung als bester britischer Film, beides 1950.
Warum der Film aber ein herausragendes Beispiel filmischer Kunst ist, kann man erst an den vielen Details erkennen, von denen es im Film nur so wimmelt:
Man kann den Titel "Der 3. Mann" als Anspielung auf das 3. Reich verstehen:
Ein Amerikaner, Harry Lime, bereichert sich ohne Hemmung und Skrupel, ohne Rücksicht auf die Folgen und auf die Opfer durch das gepanschte Penicillin.
Am Ende in der Kanalisation hört Lime Stimmen von überall, die näherrücken, ähnlich den alliierten Truppen, die das Deutsche Reich besetzen, er kämpft aber noch bis zum Letzten. Man sieht also, dass immer noch versucht wird, sich mit allen möglichen Mitteln zu bereichern und das sich der Mensch nicht wirklich verändert hat.
Auf den Seelenzustand des Menschen im Allgemeinen wird noch an anderer Stelle hingewiesen, nämlich dann, wenn man die Gebäude Wiens zu sehen bekommt. Hier fällt sofort der Gegensatz zwischen den halbverfallenen Häusern und den prunkvollen Wohnungen auf, der ein Symbol ist für das Gemüts- und Gefühlsleben der Menschen.
Zum einen der Schrecken der erst seit kurzem überstandenen Nazizeit, von der die Trümmer zeugen, außerdem der harte, tägliche Kampf ums Überleben mit Schwarzmarktgeschäften für das Nötigste, andererseits eine Idee an etwas Schöneres, Edleres, eine Welt, die vielleicht nie existiert hat, an die der Prunk und die Eleganz aber erinnern.
In den Köpfen steht es für die Idee des Schönen im Gegensatz zur Zerstörung, zum Abgrund, der daneben lauert.
Die bald erneuerten Häuser im Gegensatz zum Geist des Menschen, der wohl schon immer, nach den Kriegen aber nun noch mehr so gespalten ist.
Weitere Hinweise auf das 3. Reich sind noch die Aussage des Portiers, dass man sich besser nicht einmische, in Angelegenheiten, die einen nichts angehen, dieser Satz ist exemplarisch für das Verhalten der meisten Deutschen;
dann die Aussage der Vermieterin, die sich über den Verlust der Anständigkeit in ihrem Haus aufregt, das letzte Bißchen an Schein, den sie noch besitzt;
außerdem die Wahl des Drehortes, nämlich Wien und nicht Berlin. Das liegt wohl zum einen an dem Kanalisationssystems Wien (in dem heute Touristenführungen stattfinden, auf den Spuren Harry Limes),
außerdem ist Wien die schönere und reizvollere Stadt, in der mehr Kulturen zusammenkommen, nämlich die Besatzung +Österreicher +Ungarn +Rumänen+Kroaten, usw.
Der Bezug zum 3. Reich ist auch hier klar:
Die Österreicher als begeisterte Deutsche, Mitmacher, die die Möglichkeit, sich zu bereichern, gerne nutzen; die Deutschen kamen nach Österreich, sowie nun der Amerikaner Lime in Österreich ist, um sich zu bereichern.
Ein weiterer Bezugspunkt ist die Flucht Holly Martins (Joseph Cotten) vor dem österreichischen Bühnenprogramm:
Die Alternative zeigt ein Schild an: Zur Bar.
Das Bühnenstück soll beim Wiener Publikum Erinnerungen an die österreichische Kaiserzeit, an Mozart( Motiv des kindhaften Verhaltens, s.u.), an die, in der Vorstellung, unbeschwerten Zeiten mit Hilfe seichter Komödien wecken.
Nun zum Konflikt zwischen Harry Lime und Holly Martins, ein ganz zentraler Punkt des Films, und zur Beziehung Lime zu Anna Schmidt und Schmidt zu Martins:
Eigentlich bestand bis zum vorgeblichen Tod von Lime eine Freundschaft zwischen den beiden, die offensichtlich von Lime dominiert wurde. Er brachte Martins allerhand bei, ließ ihn aber auch mal im Stich, wie wir von Martins erfahren.
Außerdem ist Martins wohl relativ bekannt als Abenteuerautor, wodurch er auch sofort die Konstruiertheit der Geschichte um Limes Tod erkennt, außerdem im Moment jedoch pleite ist, während Lime wohlhabend zu sein scheint. Martins wird anfangs getrieben von der Neugier nach Limes Geschäften, dann getrieben von dem Wunsch den Mord an Lime aufzudecken, am Ende bricht der alte Konkurrenzkampf zwischen den beiden wieder aus:
Dieser erklärt sich dadurch, dass Lime Martins Freundin in ihrer Jugendzeit ausgespannt hat, Martins will nun Anna Schmidt (Alida Valli), Limes Freundin.
Zu Anna Schmidt: Sie ist eigentlich die einzige moralische Figur im Film.
Dies wird deutlich an der Szene, in der die Kamera sie hinter einem Fenstergitter aufnimmt.Dies ist ein klassisches Motiv, eine Erinnerung an Hitchcock:
Das Element des Eingesperrtsein, hier als Symbol für ihre unentrinnbare Liebe zu Lime, der sie unterworfen ist, die sie nicht abstreifen kann und will. Für sie stellt dies etwas Absolutes dar, etwas, dass durch seine Taten nicht gemindert werden kann. Sie liebt ihn also beharrlich weiterhin.
Und deshalb verliebt sie sich auch nicht in Martins, auch wenn diese Möglichkeit angedeutet wird, als sie noch meint,dass Lime gestorben ist, und zwar in der Szene als sie das Zugfenster abwischt um Martins im Bahnhof betrachten zu können, wischt sie gleichzeitig Limes Herz aus dem Riesenrad weg.
Warum ist Martins Handeln nicht moralisch motiviert?
Martins lässt sich auf eine Art Schwarzmarkthandel mit der Polizei ein, sein Handeln führt zur Ergreifung Limes, welcher gepanschtes Penicillin verkaufte, allerdings stellt dies einen Verrat an der Freundschaft dar, also ist die Art der Situation, die zur Festnahme führt unmoralisch, da es ein Vertrauensmissbrauch gegen Limes ist. Er handelt nur, um Schmidt für sich zu haben.
Also: kein moralischer Beweggrund!
Allerdings: Dieses Handeln führt natürlich dazu, dass Lime verhaftet wird, und so hat er sich seinen Namen doch verdient: Holy Martin, also der heilige Martin im Gegensatz zu Harry Lime, was zum einen fast ein Anagramm zu harm (das Böse, Schaden) und lie(Lüge) ist, zum andern auch das Wort im Namen trägt, wie Lime zuerst auftritt: nämlich im Limelight zu deutsch: Rampenlicht, als das Licht auf ihn trifft, welches gleichzeitig das 1. Aufeinandertreffen von Martins auf Lime ist.
Zuerst beginnt aber Martins noch mit Nachforschungen, was es mit Limes Tod auf sich hat, und das völlig unbekümmert, was die Szene zu Beginn zeigt, als Martins unter einer Leiter durchläuft, was zum einen auf seine Sorglosigkeit hindeutet, zum andern ein schlechtes Omen ist.
Auch das Treppenhaus auf der Literaturveranstaltung bekommt eine eigene Bedeutung, nämlich kann man es als Spirale ins Verderben nach oben sehen, nicht nach unten, wie man sich das sonst vorstellt, weil Martins selbst am Forschen, Erkunden ist, also den Weg aktiv durch eigene Anstrengungen beschreitet und nicht passiv im Sumpf versinkt. Auf den ersten Blick ist es ein Ausweg, auf die Dächer Wiens, weg vom Untergrund, die Limes Revier sind, doch dann kommt es doch zum ersten Kontakt mit Limes Welt, nämlich der nun folgende langgezogene Tunnel, der an die Szene am Ende in der Kanalisation erinnert.
Es kommt nun zum 2. Treffen von Lime und Martins, diesmal im Riesenrad, welches ein neutraler Boden ist, denn der Stadtboden ist Martins Vorteil wegen der starken Polizeipräsenz, die Kloaken und die verfallenen Häuser sind Limes Vorteil.
Martins schlägt Limes Angebot ab und lässt sich auf den oben beschriebenen Handel mit der Polizei ein.
Daraufhin kommt es zum 3. Treffen im Cafe Marc Aurel. Marc Aurel war Stoiker, d.h. dies ist der Ort, indem Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Beherrschung angestrebt werden, im Gegensatz zum Club Casanova, in dem Martins auf Limes Kollegen trifft, welches ein Ort der Verführung, des Lasters und des Durcheinanders ist.
Am Ende wartet Martins geduldig auf Schmidt, kann ihr aber nichts bieten, außer seiner Liebe und einem alten Karren beladen mit Altlasten, Schmidt läuft weiter, er raucht seine Zigaretten wieder allein, im Unterschied zu einer Szene am Anfang, als er ihr eine Zigarette anbietet. Zigaretten waren ein gern eingesetztes Mittel im Film Noir: hier ist sie und der Rauch das verbindende Element zwischen Martins und Schmidt.
Auffallend sind auch die Unterschiede der Szenen nach den Beerdigungen:
1. Calloway (Trevor Howard) schaut Anna Schmidt an/ auf sie zurück,er ist beruflich interessiert an ihr,sie fahren in einem geschlossenen Auto, was auf den gefährlichen Untergrund hindeutet,Martins bittet Calloway um Hilfe.
2. Martins schaut zurück, ist verliebt in Schmidt,das Auto ist geöffnet,Martins bietet Schmidt Hilfe an.
Außerdem gibt es noch einige Szenen, die an eine Art kindhaftes Verhalten der Hauptdarsteller erinnern, als ob sie Detektiv und Räuber spielen.
Das wären:
Der Polizist mit Hitler-Bärtchen, der fehl am Platz und verkleidet wirkt,
Das slapstickhafte Agieren, nämlich Martins Rundtaumel, als er angetrunken ist.
Der Ball des Jungen, welcher auf Martins zurollt, der nun ins Spiel eingebunden wird.
Die seltsame Verfolgungsjagd durchs nächtliche Wien, angeführt vom kleinen Jungen.
Der Papageienbiss, als hätte Martins zur Strafe etwas auf die Finger bekommen.
Das Riesenrad als Vergnügungsort, "Kinder haben kein Geld, die armen Teufel",sagt Lime, der nun als Kind und reicher Teufel es sich jetzt leisten kann, er hat die Gesellschaft ausgetrickst, seine Punkte-Philosophie deutet auch darauf hin, die ja eine Philosophie des Egoismus, der einzig eigenverantwortlichen Daseinsgestaltung ist, und bei der man keine Verantwortung für andere Menschen oder eigene Kinder übernehmen muss.
Außerdem wird Martins am Anfang vom Sprecher als "armer Teufel" bezeichnet.
Die auffallende Häufigkeit der Verbotsschilder und der Reklame.
Dann als der Ballonverkäufer auftaucht und der einen Seite, also den zwei Militärpolizisten, Ballons anbietet, erinnert an den Film "M, eine Stadt sucht einen Mörder" (genauso wie die Szene mit dem Ball und dem Jungen).
Außerdem erinnert dieSzene mit der Literaturveranstaltung sehr stark an Hichcocks Film "39 Stufen", ebenso wie die oben beschriebene Szene mit der Frau hinter dem Gitter.
Dies ist wohl eine Würdigung dieser Arbeiten.
Am Ende empfindet der Zuschauer vielleicht sogar Mitleid mit Lime, der aussieht wie ein verletztes und verletzliches Kind.
All diese Punkte bestätigen den Eindruck, den man beim ersten Mal sehen bekommt, nämlich dass es sich um einen sehr guten Film handelt, der enorm tiefsinnig ist und bestens umgesetzt wurde, dazu kommt doch die herausragende Kameraarbeit, mit der exzellenten Schattenherausarbeitung und -darstellung, sowie den auffallend häufigen dutch-angle-shots, die die Verwirrtheit von Martins, aber auch die aus den Angeln geratene Welt unterstreichen.
Deswegen verdiente 10/10 für dieses Meisterwerk.