„Er war der übelste Schieber, den Wien je gesehen hat!“
Der ursprüngliche Film noir war eigentlich ein originär US-amerikanisches Genre. Einer der wenigen britischen Filme, die diesem Bereich weitestgehend zugeordnet werden können, stammt von Regisseur Carol Reed („Ausgestoßen“): der im Jahre 1949 veröffentlichte „Der dritte Mann“.
„Da war noch ein dritter Mann...“
Der US-amerikanische Schriftsteller Holly Martins (Joseph Cotton, „Im Schatten des Zweifels“) reist ins Nachkriegs-Wien, um seinen Freund Harry Lime (Orson Welles, „Citizen Kane“) zu besuchen. Vor Ort muss er sich jedoch berichten lassen, dass Harry Opfer eines tragischen Verkehrsunfalls geworden sei, an dessen Folgen er verstorben sei. Von Major Calloway (Trevor Howard, „Begegnung“) erfährt Holly zudem, dass Harry ein Schwerverbrecher gewesen sei. Diese Information kommt für Holly sehr überraschend, sodass er auf eigene Faust Nachforschungen anstellt – und mit widersprüchlichen Aussagen konfrontiert wird. Verdächtig ist zudem, dass Calloway ihn loswerden zu wollen scheint. Harrys ehemalige Lebensgefährtin Anna Schmidt (Alida Valli, „Der Fall Paradin“) und Holly erfahren von einem Portier (Paul Hörbiger, „Spione“), dass Harry nach dem Unfall noch gelebt habe und von drei Männern weggebracht worden sei. Im offiziellen Bericht ist jedoch lediglich von zwei Männern die Rede. Wer war der ominöse dritte Mann? Und weshalb muss der Portier diese Auskunft plötzlich mit seinem Leben bezahlen?
„Hauptsache ist, dass er tot ist!“
Der Film beginnt direkt in Wien, wo Major Calloway zunächst als Off-Erzähler in Erscheinung tritt. Die authentischen Schwarzweißbilder des nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten besetzten Wiens beeindrucken vermutlich umso mehr, je länger sie zurückliegen, denn in allzu vielen Spielfilmen dürfte man sie nicht zu sehen bekommen. Sie bilden die Kulisse eines Kriminal-Thrillers, der mit seiner Voice-over-Narration, der expressionistischen Schattenfotografie und seinem wenig Verheißung bereithaltenden Milieu- und Gesellschaftsbild dem Film noir verhaftet ist. Reeds Film ist mit Robert Kraskers Oscar-prämierten schrägen Kameraperspektiven faszinierend anzuschauen. Erinnerungswürdig sind wohl vor allem die am Prater spielenden Szenen, die toll gefilmte Verfolgungsjagd in der Kanalisation, Orson Welles‘ improvisierte Kuckucksuhr-Rede und die großartige, zum Genre perfekt passende Schlusseinstellung. Ach, und nicht zu vergessen: Anton Karas‘ sich als Thema durch den Soundtrack ziehendes charakteristisches Zither-Stück, das auch vom Film losgelöst zur populären Melodie avancierte.
„Wer war der dritte Mann?“
Über weite Strecken funktioniert „Der dritte Mann“ als Genrefilm nahezu perfekt, verliert ausgerechnet im letzten drittel jedoch seltsam an Drive und wird übermäßig ruhig. Eine für meinen Geschmack etwas fragwürdige dramaturgische Entscheidung, die das Filmerlebnis aber nur wenig schmälert. In die Figuren und ihren Umgang miteinander haben viele schlaue Köpfe viel hineininterpretiert; so symbolschwanger manche Szene aber sicherlich auch (beabsichtigt) sein mag: Den kompletten Film als politische Parabel oder ähnliches zu betrachten, halte ich für übertrieben und würde ich sein lassen, den „dritten Mann“ stattdessen als das nehmen, was er ist: Ein sehr gelungener, europäischer und besonderer Film noir.