Vorwort: Die Kritik ist alt, fast so alt wie der Film. Warum es so ein extremer Verriss geworden ist, erkläre ich mir durch zwei Dinge: 1. Irgendeine falsche Person hat damals irgendetwas Falsches über den Film gesagt, was meine Erwartungen hochgeschraubt und meine Enttäuschung multipliziert hat, und 2. meine Liebe zu (harter) Rockmusik. Viel Spaß!
Der durch einen ärgerlichen Unfall verstorbene Baldur hinterläßt eine Familie, die mit ihrer Trauer nicht umzugehen weiß. Soweit eine Standard-Grundlage für ein Drama. Und was die Eltern anbelangt, wird deren stille Verzweiflung auch einfühlsam, ruhig und (nicht zu) melancholisch beschrieben. Das ist aber auch der einzige Anteil, der dieses Werk vor (m)einer Minuspunktzahl bewahrt.
Beginnen wir mit dem Plotaufbau: Den Verlust ihres Bruders versucht Hera zu kompensieren, indem sie sein Faible für Heavy Metal übernimmt, inklusive der Kutte und der Gitarre. Einverstanden. Die Musik ist ihr aber anscheinend nicht anti genug, also wendet sie sich dem Black Metal zu. „Traurige Jugendliche flüchtet sich in düstere Musik" - sehr einfallsreich und überhaupt nicht klischeehaft. Demnächst dann: „Kiffer wird heroinabhängig" und „Half-Life-Spieler veranstaltet Amoklauf". An dieser Stelle sei auch gefragt, warum es denn unbedingt Black Metal sein muß. Die Musik an sich nimmt hier nicht so viel Raum ein, daß man das Gefühl bekommt, es ginge Regisseur Ragnar Bragason (auch) um die Auseinandersetzung mit diesem Genre. Ich vermute, daß es sich, bedingt durch die Ankunft des (Post) Black Metal im Feuilleton sowie die Kommerzialisierung (oder sollte ich schreiben: Wackenisierung?) harter Gitarrenmusik im Allgemeinen, einfach angeboten hat; Black Metal dürfte andrer dunkler Musik (wie z. B. Gothic) inzwischen den medialen Popularitätsrang abgelaufen haben. Vor dreißig Jahren hätte der Film genauso entstehen können - mit dem Unterschied, daß Punkrock als Schocker für die Dorfgemeinde hergehalten hätte. In meinen Augen eine billige Art, in puncto Kraßheit und Verstörung eine Schippe draufzulegen, um die abgestumpften Medienkonsumenten noch zu erreichen bzw. dem Film eine vorgebliche Besonderheit zu verleihen.
Ein weiteres Element Heras Trauerarbeit ist pubertärer Vandalismus im Dorf, welcher gar im Niederbrennen der Dorfkirche mündet, ganz nach dem Vorbild norwegischer Schwarzwurzler (diese Tat hat aber auch noch eine andere (unangenehme) Ursache, auf die ich später zurückkomme). Womit wir bei dem Alter der Protagonistin sind, und der Frage, inwieweit dieses ihrem Aussehen und Handeln entspricht. Zwischen dem Tod des Bruders 1983 und dem Zeitpunkt der Handlung (zumindest des Hauptteils; eventuelle Zeitsprünge in der Darstellung ihrer Entwicklung sind nicht genau definierbar), so kann man anhand von Postern und der Musik, die gespielt wird, konstatieren, vergehen mindestens sieben Jahre. Ihr Trauma erleidet sie im Alter von 12 Jahren, das heißt, auf dem Höhepunkt ihres devianten Benehmens ist sie etwa siebzehn bis neunzehn Jahre alt. Daß man die Rolle mit einer hübschen, für manche sicher enorm schönen Schauspielerin besetzt hat (statt mit einer durchschnittlichen Frau - zumal ihr Verehrer mehr der Typ „dicker Nerd" ist), geschenkt. Daß diese aber aussieht wie Mitte zwanzig, manchmal sogar wie eine Dreißigjährige, wirkt wie eine Verarschung bzw. aus einem Film in der Art von „Big" oder „13 Going on 30". Über Thora Bjorg Helgas reales Alter läßt sich schwer etwas herausfinden (bzw. gar nichts, zumindest nicht von mir), aber selbst wenn sie tatsächlich noch keine zwanzig sein sollte, sieht sie im Film nun mal wesentlich älter aus, und das kann nicht gewollt sein, z. B. um die durch Gram und Verbitterung beschleunigte Alterung zu verbildlichen. Es handelt sich schlicht um einen gravierenden (und zudem völlig unnötigen) Besetzungsfehler. Deshalb schreibe ich auch so ewig lange darüber: Wie soll man einen ernsten Film so noch ernst nehmen?
Was allerdings viel schwerer wiegt und den Film quasi ungenießbar macht, ist ihr rückständiges, kindisches, nervtötendes Verhalten. Sie benimmt sich wie eine extrem bockige, dabei irgendwie asoziale oder schwer erziehbare Dreizehnjährige (womit wir wieder bei „13 Going on 30" wären), was dann in Ordnung wäre, wenn ihr Charakter tatsächlich als ein derart regressiver Trotzkopf angelegt wäre, was er aber nicht ist; dafür handelt und redet sie in anderen Momenten viel zu besonnen und erwachsen. Sollte dies die Abbildung einer psychischen Störung sein (die diese irritierenden Widersprüche erklärbar machen könnten), ist sie mißlungen, dazu sind diese Schwankungen zu klar getrennt, zu sauber arrangiert. Kurz gesagt: Die Darstellung ist hinsichtlich menschlicher und psychischer Kriterien unglaubwürdig.
Wer sich nun noch nicht abgewandt hat (vom Film bzw. dieser viel zu langen Rezension), den wird eventuell ein gewisser Ekel befallen, wenn der Priester auftaucht. Ein Schleimbolzen vor dem HErrn, gut vorstellbar mit einem Chorknaben auf dem Schoß, labert er das Mädel mit religiösem Kram zu und biedert sich mit mit Rock-Fachwissen an. Daß er ein Iron-Maiden-Tattoo trägt, läßt ihn nur noch schmieriger erscheinen. Und in den verliebt sie sich natürlich (wie eine Dreizehnjährige), wird entsprechend enttäuscht, weshalb sie, klar, eine Kirche abfackelt. Anschließend nimmt ihr Leben einen noch planloseren Verlauf, keine Ahnung, ob das irgendwie gut oder nachvollziehbar dargestellt ist, denn ab der Stelle habe ich die Chose mehr so im Hintergrund laufen lassen, bis zum Höhepunkt des Films.
Als dieser gilt wohl der Auftritt vor versammelter Gemeinde, bei dem sie (begleitet von einer Band) zunächst einen fiesen Black-Metal-Song anstimmt, nach einem angedeuteten Intermezzo ausgelutschten Rocks (das soll keine Verunglimpfung der Lynyrds sein!) aber dann zu in Midtempo gehaltenen, angeblackten Gothicrock übergeht, über den sie mit Klargesang ihre Gefühle offenlegt. Das Lied ist schön und anrührend, aber was die Szene eher zu einem Tiefpunkt macht, ist die unsägliche, 1000mal dagewesene Hollywood-Kehrtwendung Marke „Erst waren alle dagegen, jetzt finden sie's toll", wie z. B. Babys Tanzlust in „Dirty Dancing", das alternative Schulsystem in „Accepted" etc. pp.. Auf jeden Fall ist der komplette Saal ergriffen und jeder versteht und verzeiht nun alles. Was in Hollywood aber dazugehört und in einen entsprechenden Rahmen gekleidet ist, wirkt in diesem angeblich so independentigen Werk peinlich deplaciert, und nimmt ihm den letzten Rest Andersartigkeit (falls diese, abgesehen vom Island- und Black-Metal-Faktor, jemals gegeben war - vorherrschend sind nämlich Klischeebilder und ZDF-Komödien-tauglicher Humor (wie u.a. die Zwischenschnitte Aufnahmesession/Kühe)).
Den finalen Todesstoß aber erhält „Metalhead" ebendort, im Finale, das den Film nach einer Übelkeit erregenden Fremdschamimplosion in einem stinkenden Krater voll pseudo-anspruchsvollen bzw. -alternativen Feelgood-Movie-Schleims verenden läßt. Wenn Dave Mustaine tot wäre, würde er sich wohl im Grabe rumdrehen. Wenn ich tot wäre, könnte ich diesem Film keine Punkte geben, so aber muß ich den Zwangs-Einer rausrücken. Die Diskrepanz zwischen Anspruch und realer Bedeutung sowie dieses unsäglich peinliche, schreckliche Ende geben auf keinen Fall mehr her. (Nachbemerkung: Aufgrund der vergangenen Zeit (Altersmilde) gibt es zwei Punkte).