kurz angerissen*
Als “mobiles Kammerspiel” auf engstem Raum und ohne Szenenwechsel befasst sich „No Turning Back“ mit den psychischen Belastungen eines Individuums, hier im Konkreten des Mannes, in der modernen Gesellschaft. Tom Hardy spielt einen Gefangenen zwischen Arbeit, Familie und dem puren Schicksal des Lebens, das von Zufällen und irrationalem Verhalten bestimmt ist. Die Handlung bleibt darauf beschränkt, den Protagonisten bei der eigentlichen Weichenverschiebung zu betrachten – sie interessieren weder die Ereignisse, die zur aktuellen Situation geführt haben, noch das Hadern mit den Tatsachen. Stattdessen hat die einzig sichtbare Filmfigur ihre Entscheidungen bereits gefällt, und so liegt der Fokus eher darauf, wie das lediglich über Autotelefon präsente Umfeld auf die Verkündung reagiert.
Obwohl es sich um radikal minimalistisches, augenscheinlich ereignisloses Kino handelt, sind in den rund 80 Minuten rund um einen Auto fahrenden Mann eine Menge Informationen verborgen: So zeigen Zwiegespräche mit dem leeren Rücksitz, auf den der Protagonist seinen verstorbenen Vater projiziert, einen Teil der Beweggründe für sein Handeln, was wiederum die Frage aufwirft, wie selbstständig man seinen Lebensstil bestimmen kann und wie viel durch genetische Anlagen oder Erziehung bereits vorbestimmt sind. Lens Flares, die sich aus verschwommenem Brems- und Scheinwerferlicht in der Nacht auf der Autobahn ergeben, unterstreichen die Anonymität und die damit verbundene Einsamkeit des Einzelnen im Umgang mit seinen Problemen. Das moderne Kommunikationssystem weist der Geschichte etwas Zeitgeistiges zu, und die Tatsache, dass der Mann in diesem Moment bei keiner der insgesamt drei um Aufmerksamkeit buhlenden Interessengruppen ist, bestimmt die Form postmoderner Kommunikation, wenngleich auch nicht deren Inhalte, die wohl als zeitlos zu bezeichnen sind.
Probleme weist Steven Knights Film eher im Dramaturgischen auf, denn das Drehbuch ist eine nicht enden wollende Abfolge von Telefonanrufen, die wenig Zeit zur Variation oder dem Moment des Unvorhergesehenen zur Verfügung stellt. Die Tatsache, dass Hardys Figur ihre Entscheidungen bereits getroffen hat, verleitet Knight nicht dazu, das Schicksal seine Hand über ihn führen zu lassen, was der Abwechslung und Überraschung schadet, denn Vorherbestimmtes erschwert die Argumente, überhaupt einen Film drehen zu müssen, denn wozu etwas erzählen, wenn es schon besiegelt ist, wenn das „Was“ und das „Wie“ völlig irrelevant sind und höchstens ein wenig „Warum“ übrig bleibt? Andererseits umgeht der Regisseur hiermit das alte Klischee der Heldenläuterung; nicht des Spannungsgewinns wegen, sondern für die Intensität seiner Aussage.
Ein wenigstens einmalig sehenswertes Drama also, das handwerklich kaum mehr als solide oder zweckdienlich ist (auch Hardys Schauspiel, alleine wegen des Solistendaseins oft schon abgefeiert, erfüllt eben lediglich seinen Zweck und wenig mehr), inhaltlich jedoch mehr verbirgt, als es zunächst den Anschein hat.
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