Review

„Du bist hier völlig freiwillig!“

Mit „491“ des schwedischen Regisseurs Vilgot Sjöman („Ich bin neugierig – gelb/blau“) nach Drehbuch Lars Görlings, der auch die autobiographische Romanvorlage lieferte, wurde nach „Sie tanzte nur einen Sommer“, „Die Zeit mit Monika“ und „Das Schweigen“ ein weiterer schwedischer Spielfilm zum „Skandalfilm“ hochstilisiert – obwohl auch dieses Jugenddrama aus heutiger Sicht vergleichsweise harmlos wirkt.

Mit einer Gruppe straffälliger Jugendlicher wird ein Experiment durchgeführt: Untergebracht in der „Pension Sachlichkeit“ sollen sie sich einem Resozialisierungsprogramm unter Beaufsichtigung zweier Sozialarbeiter unterziehen. Doch das Experiment gerät außer Kontrolle...

In der christlichen Mythologie heißt es, dass einem Menschen 490 Sünden vergeben würden, die eine weitere aber unverzeihbar wäre. Bewusst in kontrastreichen Schwarzweißbildern gedreht, eröffnet Sjöman seinen Film mit dem Gespräch mit einem Probanden, den man erst am Schluss der Einstellung zu sehen bekommt. Es geht um das Resozialisierungsprojekt, über das Sozialarbeiter Krister (Lars Lind, „Skandalschule“) zu Standbildern aus dem Off zu erzählen beginnt. Sehr nüchtern und langsam nimmt dann der eigentliche, teilweise mit Laien besetzte und in Guerilla-Manier halbdokumentarisch gedrehte Film seinen Lauf: Desillusionierend und pessimistisch wird auf eine positiv konnotierte Identifikationsfigur verzichtet, sämtliche Rollen ambivalent gestaltet, ihnen allen Dreck an den Stecken geheftet und sich niemand mit Ruhm bekleckern gelassen. Während sich die erwachsenen am Projekt Beteiligten wahlweise als ihre Autorität in Form von sexuellen Übergriffen auf die Jugendlichen missbrauchend oder gar nicht erst über welche verfügend entpuppen, üben sich die gelangweilten Jung-Soziopathen in Destruktivität sowie dem Ausleben ihrer niedersten Instinkte und kennen keinerlei Respekt vor irgendetwas. Dies gipfelt nach Diebstahl, Besäufnis und Sex mit der jungen Prostituierten Steva (Lena Nyman, „Ich bin neugierig – gelb/blau“) darin, letztere durch einen Hund vergewaltigen zu lassen.

Das mag wahnsinnig dreckig, schockierend und provokant klingen, doch passiert lange Zeit überhaupt nichts Skandalöses, zumindest nicht visuell. Die episodische, fragmentarische Handlung lässt kaum Spannung aufkommen und verliert sich in vielen offenbar in Echtzeit gedrehten Details. Dadurch wirkt „491“ recht langatmig und zäh, zumal es schwerfällt, das Verhalten der unzureichend charakterisierten Rollen nachzuvollziehen. Der Film selbst nimmt keine eindeutige Position ein, schwingt also auch keine moralistischen Zeigefinger, was mit zur skandalträchtigen Wirkung beigetragen haben dürfte, bietet aber auch keine Lösungsmöglichkeiten oder Alternativen an. Hier ist einfach jeder verkommen oder unfähig. Von der als Quasi-Pointe präsentierten Sodomie-Szene bekommt man selbstredend auch nicht das Geringste zu sehen, stattdessen wird auch gegen Ende wieder mit künstlerischen Standbildfolgen gearbeitet.

Letztlich ist „491“ ein sicherlich nicht uninteressantes Zeitdokument, das einen kritischen, gleichwohl negativen Blick auf (pseudo-)pädagogische Konzepte richtete und das eine oder andere filmische Tabu brach, indem es Sexualverbrechen mehr oder weniger offen ansprach, ferner ein filmhistorisches Beispiel für die Zensurhysterie einflussreicher moralistischer Kreise, aufgrund derer auch die deutsche Kinofassung reichlich Federn lassen musste. Im Jahre 2014 hat der Zahn der Zeit den Film aber seiner Wirkung beraubt, der gerade auch aufgrund seiner eher sperrigen Inszenierung überholt wirkt, relativ kalt lässt und über kein sonderliches Unterhaltungspotential verfügt – wobei letzteres sicherlich auch nie Intention Sjömans war.

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