"Disco sucks" ist nie ausgestorben. Im Gegensatz zur Discoszene, die in ihrer Urform schon 1982 wieder den inzwischen vergoldeten Löffel an New Wave und Synthpop abgab. Aber auch als Rockfan jüngeren Fabrikationsdatums hasste ich die Zappler meiner Generation mit ihrem oberflächlichen Popscheiß. Der Sound der 70er war mir da doch lieber. "Can't stop the Music" entstand in den letzten Atemzügen der Discoära, die sich hier aber mit einem Knall verabschieden darf. Mit einem Durchknall besser gesagt, der vom Kino oder heimischen Fernseher nicht viel mehr übrig lässt als einen regenbogenfarbenen Atompilz, der glitzernden Fallout auf die Erde regnen lässt. Wo der Film einschlägt wächst kein Gras mehr, sondern eine herrliche WIldblumenwiese des Wahnsinns.
Womit haben wir es zu tun? mit einer Biographie schon mal nicht, auch wenn Ähnlichkeiten zu realen Personen bestehen. Zunächst aber hagelt es Kündigungen: der Plattenverkäufer, Komponist und Gelegenheits - DJ Jack Morelli (Steve Guttenbergs Stand in für Real Life - Village People - Producer Jaques Morali) quittiert auf extravagante Art seinen Job in einem Kaufhaus, um seinem Traum von der Musikkarriere zu folgen und seinen Neustart mit BFF Samantha und ihrem Mitbewohner Fillipe (Für Village People - Nichtkenner: "Der Indianer") zu feiern. Blöderweise ist Jack zwar ein großartiger Komponist, der fetzige Songs schreibt, aber leider schlechter singt als eine Krähe mit Mandelentzündung. Um seine Arbeiten dennoch auf die Plattenteller des Landes zu bringen muss eine Band her, die - ich verarsch euch nicht - einfach mal eben von der Straße weggecastetwerden. So gesellen sich zum Native Fillipe der Cop Ray Simpson, der Cowboy Randy, Rocker und Mautkassierer Glenn, Soldat Alex und Bauarbeiter David, um die Village People ins Leben zu rufen, der legendären Gay Supergroup der 70er! Davon abgesehen, dass der Film in den 80ern spielt und nur zwei der Bandmitglieder tatsächlich schwul waren, ganz zu schweigen davon, dass im Film nicht einmal das Wort schwul fällt!
Aber das macht auch ehrlicherweise den Humor des Filmes aus: nicht, dass hier über Schwule gelacht wird. Vielmehr spielt der Film überdeutlich mit dem Image der Band und präsentiert seinen Zuschauern eine absurde Vielzahl an queer codierten Szenen, die uns aber als absolut asexuell verkauft werden: bestenfalls wird mal angemerkt, dass die Jungs irgendwie "anders" sind, ohne das "Andere" beim Namen zu nennen. Besonders, die "Y. M. C. A." - Szene ist ein John Waters'scher Hochgenuss: wildfremde Kerle werden beim Kampfsport, pumpen und schwimmen in detailverliebten Nahaufnahmen gefilmt und auch gerne schon mal per Splitscreen durch den Bildkader gejagt. Darüber hinaus beglückt uns der Film mit einer Reihe anderer absurder Musicalszenen wie einem ausartenden Milchwerbespot und dem Tagtraum von Bauarbeiter Dave, der beim Singen und Tanzen vor laufender Kamera einige Stahlträger trockenrammeln darf. Wem da nicht einleuchten will, für welches Publikum die Gruppe geschmiedet wurde, der will es auch einfach nicht wissen. Für die Zuschauer, denen es dann doch mit dem Queer Stuff etwas zu bunt wird hat der Film aber auch einige harmlosere Pointen auf Lager wie Samanthas Nervenzusammenbruch bei der Teppichreinigung, das absurd schnelle Straßencasting mit hyperaktiven Überleitungen und die Terroroma, die sich die Frechheit rausnimmt, Passanten mit einem Baguette anzugreifen. Das Wort der Wahl hier ist das inflationär rausgekotzte "Random", hier einmal mehr passend angewandt. Zudem sorgt der quirlige wie unbeholfene Jack immer wieder für Schmunzelmomente, beispielsweise, wenn er bekifft und ängstlich auf Kuschelcop Ray trifft: "Hi." - "Das seh' ich."
Ich für meinen Teil hatte auch als Hete großen Spaß an diesem biographisch wertlosen, aber dennoch herrlichen Quatsch und appelliere an meine Mitrocker da draußen: Stellt euch nicht so an! Disco hatte auch seine schönen Seiten. Am liebsten würde ich den Film mal auf einer Open Air - Kinoveranstaltung mit Pride Motto zeigen und dort gemeinsam mit anderen Durchgeknallten jederlei Geschlechts und Ausrichtung nicht über, sondern mit dem Film lachen. So, wie es sich gehört.