Das LIFE-Magazin stellt den Druck ein und auf reinen Online-Vertrieb um. Neben Entlassungen und Rationalisierungsmaßnahmen unter der Leitung eines neuen Managers (Adam Scott) muss ein Titelbild für das Cover der allerletzten Printausgabe her. Mauerblümchen und Tagträumer Walter Mitty (Ben Stiller) - zuständig für das Negativmagazin - hat ein Problem: das Foto von Starfotograph Sean O'Connell (Sean Penn) ist verschwunden. Um seinen Job bangend begibt sich Walter auf die Suche nach dem Negativ, die ihn rund um die Welt führt und aus seiner Isolation ausbrechen lässt...
Der Niedergang des LIFE-Magazins läutete das Ende des Fotojournalismus zugunsten der Fernsehberichterstattung ein. Ben Stiller wählte dieses im Jahre 2000 von Statten gegangene Szenario als vordergründigen Schauplatz für seine fünfte Regiearbeit (die Kurzfilme mal nicht mitgezählt). Hintergründig geht es aber mal wieder um ganz andere Themen, doch dazu später mehr.
An Hauptfigur Walter Mitty zieht das Leben vorbei, ohne dass er darauf Einfluss nehmen kann. Passiv erträgt er den nervigen Alltag oder er flüchtet sich - wie J.D. in SCRUBS - in tagträumerische Auszeiten, in denen er sich mit seinem tyrannischen Vorgesetzten spektakuläre, den Gesetzen der Physik trotzende Superhelden-Gefechte in den Hochhausschluchten New Yorks liefert. Wegen dieses Ticks ist ihm auch der nicht sonderlich liebenswert gemeinte Spitzname "Major Tom" sicher. Mehrere Schlaglöcher erschweren Walters Lebensweg: Heimlich ist er in eine Arbeitskollegin (Kirsten Wiig) verknallt. Bei seinem eHarmony-Account funktioniert die Zwinkertaste nicht. Erst als das Negativ für das Titelbild fehlt und die Existenz in Gefahr ist, reißt ihn irgendetwas aus seinem geistigen Winterschlaf. Erst zaghaft, dann mit immer mehr Begeisterung wandelt er sich vom Bürotrottel und Stubenhocker zum Globetrotter und Abenteurer. Die Suche nach Star-Fotograph O'Connell führt ihn zum Stiefelsaufen nach Grönland, zu einem Vulkanausbruch nach Island, in die Berge Afghanistans, Nepal, er skatet Downhill mit dem Longboard, überlebt eine Haiattacke... Am Ende findet er freilich den Fotographen, kehrt geläutert, belesen, weltmännisch und völlig wesensverändert nach New York zurück und krempelt dort erstmal sein verstaubtes Leben um.
WALTER MITTY handelt also im Wesentlichen von Ausbruch aus dem alltäglichen Trott, aus der Kleinbürgerlichkeit und Bürokratie. Die Schauplätze sind einzigartig, weswegen der Film ordentlich Fernweh weckt. Mittels Untermalung von besänftigender Schwülst-Musik von José Gonzalez oder Of Monsters And Men wird dann noch auf die Tränendrüse gedrückt bzw. das innere Lagerfeuer angeschürt.
Das Konzept ist alles andere als neu. Man kennt es aus Filmen wie GARDEN STATE oder CHEYENNE - THIS MUST BE THE PLACE, in denen auch innerlich eingefrorene Mauerblümchen auftauen und das Leben anpacken. Eine Masche, die immer wieder funktioniert - so auch (mit Einschränkungen) hier. Besonders in kalten Wintermonaten, in denen Wetter und Faulheit aufs heimische Sofa fesseln, lässt der Film träumen. Von Unternehmungslust, von guten Vorsätzen und vom Sommer, womit der deutsche Kinostart (01.01.2014) perfekt getimt ist.
DAS ERSTAUNLICHE LEBEN DES WALTER MITTY ist handwerklich einwandfrei gemachtes Popcorn-Kino. Top besetzt mit einem witzigen Ben Stiller (REALITY BITES, TROPIC THUNDER), einer zurückhaltenden Kristen Wiig (BRAUTALARM, PAUL - EIN ALIEN AUF DER FLUCHT) und einem erhabenen Sean Penn (DEAD MAN WALKING, U-TURN, MILK). Adam Scott hat mal wieder die Arschloch-Karte gezogen und schlüpft in die Rolle, die er am besten kann, nämlich - wie in STIEFBRÜDER - den unsympathischen Kotzbrocken, hier sogar mit Vollbart. Der Film ist leichte, kurzweilige Unterhaltung ohne tieferen Sinn. Er drückt alle möglichen Knöpfe in der Zentrale für Gefühlsdusseligkeit, deren Signale aber nur bedingt ankommen. Gegen Ende suhlt er sich noch einmal so richtig schamlos im Kitsch und das Happy End fällt schon fast übertrieben und unpassend aus. Spätestens dann nämlich ist der Film der Scheinheiligkeit überführt und die inhaltlichen Mängel stoßen härter auf. Dass der positive Gesamteindruck trotzdem erhalten bleibt, verdankt der Streifen seiner tollen Message: Nicht nur arbeiten, sondern ab und zu auch in Urlaub fahren! Eine andere könnte ich da echt nicht raushören, beim besten Willen nicht.
Fazit:
Poppige "Kleiner-Mann-ganz-groß"-Schnulze ohne Nachklang. Als Vorlage für den nächsten Urlaub geeignet.