Review

"Ich war aber noch an keinem denkwürdigen oder besonderen Ort."

Der alleinstehende Walter Mitty (Ben Stiller) fristet ein Leben im Schattendasein. Von Frauen wird er kaum wahrgenommen, seine Arbeit im Fotoarchiv des Life!-Magazin verwehrt ihm Anerkennung und allzu viel über sich zu erzählen hat er nicht. Nur in Tagträumen lebt er seine unerfüllte Existenz aus.
Als das Life!-Magazin aufgekauft wird, gesellt sich Walter ein weiteres Problem hinzu: Zugunsten eines Online-Magazins soll die Print-Ausgabe eingestellt werden. Eine letzte Ausgabe soll es aber noch geben. Für dessen Cover hat der legendäre Life!-Fotograf Sean O'Connell (Sean Penn) bereits das ihm zufolge beste Foto seiner gesamten Karriere gemacht. Doch ausge­rechnet dieses Foto ist verschwunden. Diesem unangenehmen Umstand verdankt es Walter, dass er erstmals Kontakt zu seiner attraktiven Kollegin Cheryl (Kristen Wiig) aufnimmt und sich auf die Suche nach Sean begibt.

"Das erstaunliche Leben des Walter Mitty" ist ein absolut klassischer Hollywoodfilm. Die Geschichte um einen unscheinbaren Durschnittsmenschen, der über sich selbst heraus wächst, erfreut sich großer Beliebtheit. Beladen mit abgegriffenen Klischees erzählt die Tragikkomödie genau solch eine Geschichte und verliert auf Dauer seinen roten Faden aus den Augen.

Regisseur und Darsteller Ben Stiller ("Nachts im Museum"-Reihe) setzt hier auf eine ungewöhnliche Ruhe. Aber auch in dieser eher drückenden Grundstimmung, schafft er es seinen typischen Humor gekonnt einzusetzen. Die Tagträume von Walter Mitty sind irgendwie schräg und befremdlich. Besonders Sprünge in gegenüberliegende Wohnungen, Explosionen und Szenen, die man eher in Actionfilmen erwarten würde. Dennoch passt der Schnitt während der laufenden Handlung, um Walters Sehnsüchte und Wünsche darzustellen. Der Wechsel zu seiner Gedankenwelt gelingt fließend und auch die Übergänge zurück in die Realität sind gut inszeniert.
Schade ist, dass die Gedankenwelt des Protagonisten recht zügig fallen gelassen wird. Die real erlebten Abenteuer haben nicht mehr die Intensität der fiktionalen und werden überaus perfekt zu einem geschlossenen Ende geführt. Auf diesem Wege erfüllt die Tragikkomödie auch alles, was man von einem wenig anspruchsvollen Film erwarten würde.

Der Kern des Films besagt, dass in Träumen alles möglich ist aber das wahre Leben viel aufregender sein kann. Erstaunlicherweise begegnen dem Protagonisten nach seinen ersten Schritten auf ungewohnten Pfaden keine wirklichen Hürden. Weder weite, zu Fuß zurückgelegte Strecken noch waghalsige Entscheidungen Schaden seiner Kondition oder seiner Psyche. "Das erstaunliche Leben des Walter Mitty" setzt somit weniger auf Realismus sondern eher auf eine angemessen lebensbejahende Stimmung, der es schließlich auch an Spannung und Überraschungen mangelt.

Die Landschaftsaufnahmen gehören zu den positiven Dingen des Films. Neben den toll in Szene gesetzten Panoramen sehen auch die digitalen Einschübe gut aus und geben der Tragikkomödie ihren ganz eigenen, teils skurillen und auch überzogenen Anstrich.

Ben Stiller ist grundsätzlich ein sympathischer Darsteller, der allerdings nie über sich hinaus wächst. Auf der langen Distanz baut sich somit kein emotionaler Zugang zu ihm und seiner Figur auf. Kristen Wiig und Sean Penn ("Milk", "Gangster Squad") geben sich souverän in ihren knapp bemessenen Nebenrollen.

"Das erstaunliche Leben des Walter Mitty" beraubt sich selbst seiner Möglichkeiten. Selbstfindungsprozess oder Komödie; irgendwo in der Mitte bewegt sich die Tragikkomödie, die trotz zahlreicher gelungener Einzelszenen weniger originell als erwartet ist. Der ganze Film ist voll von Brüchen, Ungereimtheiten und künstlichen Verbiegungen. Zugegeben, die Präsentation ist süß und warmherzig. Aber ohne Spannungskurve bleibt man zum Schluss eben doch ein wenig enttäuscht sitzen.

4 / 10

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