"Roses are red, violets are blue...
one is dead, and so are you."
Wenn mich jemand auf eine einsame Insel verbannen und mir barmherzigerweise erlauben würde, drei Filme zum Immer-und-immer-wieder-sehen mitnehmen zu dürfen... ich würde keinen Gedanken an My Bloody Valentine verschwenden.
Wenn mich jemand auf eine einsame Insel verbannen und mir barmherzigerweise erlauben würde, drei Slasherfilme zum Immer-und-immer-wieder-sehen mitnehmen zu dürfen... My Bloody Valentine wäre mit von der Partie (zusammen mit Tony Maylams The Burning und Michele Soavis Deliria).
George Mihalkas deftiges Valentinstagsgemetzel ist mir im Laufe der Jahre so sehr ans wild pochende Herz gewachsen, daß er mit schöner Regelmäßigkeit in meinem Player landet. Vor allem Lions Gates Entscheidung, die Untaten der ehemals arg wütenden Zensoren so gut es ging wieder rückgängig zu machen, war der sprichwörtliche Funke, der aus der immer schon vorhandenen Sympathie für den Film endlich die große Liebe entflammen ließ. Im (äußerst lesenswerten) Interview mit der Website Terror Trap (my bloody memories - an interview with director george mihalka) spricht Mihalka allerdings eine Szene an, die bei der restaurierten Fassung noch immer durch Abwesenheit glänzt, womit leider anzunehmen ist, daß selbst diese Veröffentlichung nicht vollständig ist. Schade, aber wohl nicht zu ändern. Wieso My Bloody Valentine den Großteil der Konkurrenz haushoch überragt, ist leicht erklärt.
Erstens ist der Film richtig gut gemacht. Das Budget mag mit geschätzten zwei Millionen Dollar recht gering gewesen sein, das Talent der Beteiligten war es nicht. John Beairds Drehbuch nach einem Konzept von Stephen Miller ist erstklassig strukturiert. Es beginnt mit einem Knall, schaltet dann einen Gang zurück und nimmt sich Zeit für die Einführung der verschiedenen Figuren, die für Slasherfilmverhältnisse ziemlich gut charakterisiert sind, und wenn es dann schließlich ans Eingemachte geht, sind die Morde geschickt und mit erstklassigem Timing in die Handlung integriert. Der gebürtige Ungar George Mihalka hat die Vorlage mit einem erstaunlichen Gespür für Atmosphäre und Authentizität umgesetzt, und ihm gelingen einige großartige Set-Pieces, die zum Besten zählen, was das Subgenre zu bieten hat. Im Vergleich zu Mihalkas stilsicherer Regie ist etwa der kultisch verehrte Friday the 13th regelrecht stümperhaft inszeniert. Die Schauspieler wiederum schaffen es, ihre Figuren so weit zum sympathischen Leben zu erwecken, daß man sie nicht sterben sehen will. Und Paul Zazas Score ist ebenso Klasse wie der wehmütige, von John McDermott zum Abspann vorgetragene Folk-Song namens The Ballad of Harry Warden.
Zweitens besticht My Bloody Valentine durch seine geniale Location, die mit Gold nicht aufzuwiegen ist. Ist die vom Bergbau lebende Kleinstadt Valentine Bluffs schon sehr glaubhaft in Szene gesetzt (und mit einer schönen Dosis Valentinstags-Flair veredelt), so überzeugt das Kohlebergwerk, in dem das letzte Drittel des Filmes spielt, auf ganzer Linie. Gedreht wurde in der seit 1975 stillgelegten Princess Colliery Mine in Sydney Mines in Nova Scotia, und die klaustrophobische Enge der Stollen, in Kombination mit der spärlichen Beleuchtung, sorgt für ein richtig mulmiges Gefühl im Bauch des Betrachters. Auch wenn es eine Ausstiegsmöglichkeit gibt... die Protagonisten sind quasi neunhundert Meter unter Tage eingesperrt und dem geheimnisvollen Killer, der mit seiner Spitzhacke hinter jeder Biegung lauern kann, ausgeliefert. Die Arbeit des für die Kamera verantwortlichen Rodney Gibbons kann man deshalb gar nicht hoch genug einschätzen, gelingt es ihm doch spielerisch, einerseits die unbehagliche Dunkelheit des Schauplatzes einzufangen, andererseits aber die Szenen so kongenial auszuleuchten, daß man immer sieht, was gerade passiert. Und es passiert so einiges, das könnt ihr mir glauben.
Drittens ist der von Peter Cowper gespielte Killer in seiner vollen Bergbauarbeiterkluft so dermaßen bedrohlich geraten, daß man der Figur durchaus einen ikonischen Status attestieren kann. Mit Ausnahme des Mörders in Joseph Zitos The Prowler (Die Forke des Todes), dessen Kampfadjustierung ähnlich effektiv für Angst und Schrecken sorgt, gibt es in der Slasherfilmgeschichte meines Wissens keinen Killer, der diesem hier das Wasser reichen kann (Leatherface lasse ich mal außen vor, da The Texas Chainsaw Massacre für mich kein Slasherfilm ist). In seiner dicken, schwarzen Montur und der unheimlichen, insektenhaften Atemmaske über dem Kopf erscheint er wie eine biomechanische Kreatur, die aus einem Gemälde von H. R. Giger entsprungen sein könnte. Jeder Quadratzentimeter seiner Haut ist bedeckt, nichts deutet darauf hin, daß sich ein "gewöhnlicher" Mensch darunter verbirgt. Wenn er dann noch schwer bewaffnet, schwer atmend und schweren Schrittes auf sein auserwähltes Opfer zustapft, wirkt er wie eine brachiale Naturgewalt, die durch nichts zu stoppen ist. Im direkten Vergleich dazu gibt Jason Vorhees mit seiner Hockeymaske ein geradezu jämmerliches Bild ab (und das, obwohl der Killer hier im Gegensatz zu Jason kein untotes Monstrum ist).
Und da bei My Bloody Valentine aller guten Dinge ausnahmsweise nicht drei, sondern vier sind... Viertens sind die verschiedenen Mordtableaus so originell gestaltet und wuchtig inszeniert, daß sie beim Zuschauer weit mehr Wirkung hinterlassen als vergleichbare Sequenzen in anderen Filmen. Das liegt nicht nur an den grandiosen Make-Up-Effekten von Thomas Burman, Ken Diaz & Co, sondern auch am gut durchdachten Szenenaufbau, welcher die Eigenheiten des jeweiligen Schauplatzes geschickt mit einbindet. Herausragend diesbezüglich ist der Mord im Duschraum, wo die arme Sylvia (Helene Udy) vom Killer erst durch herabfallende Monturen völlig entnervt wird, bis er die panisch kreischende Frau schließlich packt, zur nächsten Dusche schleppt und ihren Hinterkopf gegen ein Duschrohr rammt, welches ihren Schädel durchbohrt. Damit ist die Szene jedoch noch nicht zu Ende, da es sich der fiese Killer nicht nehmen läßt, das Wasser aufzudrehen. Und so wird das tote Mädel dann wenig später von ihrem Freund gefunden, am Duschrohr aufgespießt hängend, mit aus dem Mund sprudelndem Wasser. Ein absolutes Highlight der Slasherfilmgeschichte, nicht zuletzt, da die Schauspielerin die Panik ihrer Figur überaus glaubhaft vermittelt. Aber auch die anderen Kills geizen nicht mit Kreativität und wurden fantastisch umgesetzt; man denke nur an Mabel (Patricia Hamilton) im Trockner oder den miesepetrigen Barkeeper Happy (Jack Van Evera), den sein Schicksal beim Fallenstellen ereilt.
Nicht unerwähnt bleiben soll, daß unter der Oberfläche ein ganz böser Humor schlummert, daß sowohl das Tempo als auch der Bodycount recht hoch sind, daß die Schauspieler (u. a. Lori Hallier, Paul Kelman, Neil Affleck, Keith Knight, Alf Humphreys, Cynthia Dale, Carl Marotte, Gina Dick und Don Francks) ihre Sache durch die Bank weg gut machen, daß der Film eine zeitlose Qualität hat und nicht nur mit Stil, sondern auch mit Charme punktet, und daß My Bloody Valentine von Anfang bis Ende einfach eine runde Sache ist und wie ein Grubenhunt dahinrattert, ohne jemals ins Stocken zu geraten. Das garstige Ende rundet diesen kanadischen Schocker dann auch noch perfekt ab. Und das alles ist den Machern trotz immensen Termindrucks gelungen, schließlich mußte der Streifen, dessen Dreharbeiten Mitte September 1980 begannen, pünktlich zum Valentinstag 1981 in den Kinos sein. My Bloody Valentine ist ganz großes Slasherkino, das mehr als dreißig Jahre nach Entstehung und unzähligen Filmen, die ein ähnliches Terrain beackern, heller strahlt denn je.
2009 inszenierte Patrick Lussier ein unterhaltsames 3D-Remake, das mit spektakulären, ins Auge springenden Schauwerten nicht geizte und den Fan mit einigen gut umgesetzten und hübsch saftigen Kills erfreute (der Bodycount wurde gegenüber dem Original mehr als verdoppelt!). Das 3D ist zudem das beeindruckendste, das ich bis dato je im Kino erleben durfte. Gegen George Mihalkas Klassiker zieht die Neuverfilmung trotzdem deutlich den Kürzeren.