Review

Deutsche Komödien...

Das Problem, das ich mit diesen Werken habe, dürften viele kennen. Entweder sind sie mir zu seicht, harmlos oder zu lieb. Oder alles davon. "Bang Boom Bang", "Manta, Manta" oder "Was nicht passt, wird passend gemacht" waren da Ausnahmewerke und liegen schon viele etliche Jahre zurück. Was haben wir Deutschen zu bieten? Einen Til Schweiger, der nach "Wo ist Fred?" (2006) sich als Worker in Hollywood probiert hat und seitdem an dem Bill Murray-Syndrom leidet, nur noch Kackkomödien mit völlig absurden Namen auf den Markt wirft oder einen Bully Herbig, der mit "(T)Raumschiff Surprise" und schwuttigen Klamauk-Konsorten mein Vaterland in den Schmutz zieht. Entsetzlicherweise stehen noch verdammt viele Kinogänger auf diesen Schrott - aber Flaggschiffe sehen in meinen Augen anders aus. Ich mag es hart und dreckig, Fäkalhumor, Penisse und Vaginas so weit wie das Auge reicht und das bekommt man aus dem Land der Bratwürste eben meistens nicht...

Vielleicht hab ich durch meine German Angst auch ein paar Perlen verpasst, falls ja, sagt mir Bescheid, aber eins weiß ich: "Fack ju Göhte" hab ich mir aus unbeschreiblichen Launen der Natur ausgeliehen und hab am Schluss mit Ovationen, Pyro und Alkohol auf der Couch stehend den Film abgefeiert. Schauspieler Elyas M´Barek, der mir bis gestern noch unbekannt war und vom Namen her auch als ein türkisches Abendmahl durchgegangen wäre, ist mein neuer Held, mein neuer "Manni" des 21. Jahrhunderts. Auch wenn mein folgendes Jammern auf ganz hohem Niveau ist, ist "Fack ju Göhte" kein Meisterwerk geworden, aber ganz nahe dran.


M´Barek spielt den "im Block" aufgewachsenen Zeki Müller, der 13 Monate Haftstrafe wegen eines Bankraubs abgesessen hat und sich nun die vergrabene Beute holen will. Dumm nur, dass auf dem Platz, auf dem die Beute vergraben ist, mittlerweile die neue Turnhalle der Goethe-Schule steht. Zeki muss improvisieren und bewirbt sich dort als Hausmeister, schlittert aber irgendwie als Aushilfslehrer dann hinein. Während er sich tagsüber mit den unbelehrbaren Kids der 10b auseinandersetzen muss, kann er nachts dank eines Generalschlüssels munter nach seinem Schatz unter der Turnhalle graben. Doch die etwas tollpatschige Lehrerin Lisi Schnabelstedt (Karoline Herfurth) kommt dahinter, wer Zeki wirklich ist und von nun an heißt es: Improvisieren und unterordnen...

Die Idee, dass auf vergrabener Beute neue Bauten stehen, ist nicht neu - schließlich musste Martin Lawrence 1997 in dem Hammerfilm "Nix zu verlieren" als Cop getarnt nach seinem Diamanten suchen. Aber die Umsetzung ist eine ganz andere und man kann beide Filme nicht im geringsten vergleichen. Das bei dem deutschen Streifen schon nach 13 Monaten ein neues Gebäude steht, klingt etwas abgedroschen und nach dem Berliner Flughafen unmöglich. Aber Schwamm drüber, das Grundgerüst steht also im wahrsten Sinne des Wortes und auch die Sache mit der neuen Berufstätigkeit und den dazugehörigen Zeugnissen und Arbeitspapieren wird schnell gelöst, ohne dass man die Sache großartig hinterherfragen sollte.
Wenn man die Geschichte bis dahin schluckt (und das tue ich bis jetzt noch ohne Punktabzug), trifft Regisseur Bora Dagtekin den Zahn der Zeit und präsentiert uns mit dem Goldschatz M´Barek und seiner neuen Umgebung ein schönes Spiegelbild der heutigen Jugend. Ich weiß nicht wie oft die Low Society unbemerkt einen kräftigen Arschtritt bekommt, ohne es zu merken. Die Kritik in den zündenden Gags kommt so plakativ rüber, dass sie schon wieder irgendwie subtil wirkt.

Ein gutes Beispiel ist der Gastauftritt von Uschi Glas, die Lehrerin, die zum Beginn noch die Horrorklasse 10b hat und mit den Nerven am Ende ist, so dass sie nur noch einen Ausweg sieht und aus dem Fenster springt. Während die verletzte Pädagogin auf dem Schulhofasphalt liegt, kommt eine Menschentraube an Schülern zu ihr und bildet einen Kreis. Doch anstatt zu helfen, zückt jeder sein Smartphone, um Bilder und Videos von dem Unfall zu machen. Diese Szene ist der ultimative Arschtritt für die heutige Generation und von solchen Gags kann man noch einige erwarten.

Dadurch, dass Multi-Kulti, Smartphones und die zeitlich aktuelle vulgäre Sprache (danke an die deutschen Rapper da draußen, ihr Pfeifen) auf´s Korn genommen werden, passt M´Barek als Hauptdarsteller wie die Faust auf´s Auge - und nicht falsch verstehen, ich denke, M´Barek spielt den Charakter Zeki nicht viel, sondern der fiktive Charakter ist einer seiner eigenen, düsteren Erfahrungen im wahren Leben. Deswegen wirkt es so authentisch.
Zeki ist ein Rüpel, hat keinen Schulabschluss, kennt das Rotlicht-Milieu auswendig sowie das ABC des vulgären Fluchens auswendig und ist nicht auf die Schnauze gefallen, wenn er spontan handeln oder reden muss. Eigentlich ein Charakter, den man hassen könnte, aber Regisseur Dagtekin gelingt es, Zeki ins rechte Licht zurücken, so damit jeder von uns sofort spürt: Der Typ hat das Herz am richtigen Fleck sitzen. Auch wenn man da wohl so tief danach graben muss wie nach seiner Beute.

Hier stimmt die Konstellation grober Lehrer/verdorbene Schulklasse zu jeder Zeit. Doch kommen wir nun zu den Punktabzügen, die den Film minimal bröckeln lassen.

Zum einen ist das die Rolle von Katherine Herfurth, die seit "Vincent will Meer" auf der Nummer 1 der Liste der S.I.L.F.S. bei mir liegt (Schauspielerinnen, die ich mal gerne...). Sie ist der Gegenpol zu Zeki. Gebildet aber auch mit extremen menschlichen Defiziten ausgestattet (wobei sich vieles dabei ergänzt und der eine von dem anderen lernen kann und umgekehrt). Aber manchmal liegt ihre Rolle an der Grenze zum Overacting, wirklich kurz davor, dass der Film nerven würde. Zum Glück hält sich das in Grenzen oder ich drücke es mal besser so aus: M´Barek kämpft tapfer dagegen an, bleibt besser im Gedächtnis zurück und so vergisst man gerne genau diese Rolle der nervenden Kuh, die sinnbildlich für den sonstigen deutschen Bockmist steht, den keine Sau braucht.

Einen weiteren (kleinen) Minuspunkt gibt es für den doch schon ausgelutschten Pfad der bösen, bösen Schulklasse, die sich dann doch noch bekehren lässt. Zu oft hat man das schon gesehen und auch hier wirkt es wenig glaubwürdig, wird in diesem Fall dann auch einfach dem Zuschauer so dahingerotzt ohne es tiefgründig und glaubhaft rüberzubringen. Wenn auf diesen Punkt stärker eingegangen wäre, wäre es ein prima Beispiel für ein Paradoxon. Eigentlich wünsche ich mir von Vornherein diese Konstellation, dass der Charakter Zeki auf die Terrorklasse 10b trifft, was anfangs nicht selbstverständlich ist. Dann trifft das Gewünschte ein und ja, Donnerkeil noch einmal kritisiere ich das auch noch. Geht´s noch? Daran erkenne ich aber selbst, dass der Regisseur nur wenig Spielraum hatte und den verdammt schmalen Grat in dieser Hinsicht nicht optimal getroffen hat.

Ansonsten gibt es nichts zu bemängeln und man wird viel zu lachen haben, wenn man auf Komödien der härteren Gangart steht. Ich freu mich auf das Jahr 2030...

8,5/10

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