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Geht es um den deutschen Genrefilm, oder besser gesagt: dessen Mangel, dann klammert man meist ein Genre aus, das die hiesige Filmwirtschaft oft bedient: Die Komödie, vor allem die Beziehungskomödie. Während dort Schweiger und Schweighöfer die Aushängeschilder des starren Rezepts sind, konnte Bora Dagtekin 2013 mit „Fack ju Göhte“ einen frischen Riesenerfolg landen.
Hauptinspirationsquelle für Dagtekins Film ist nämlich weniger das vom „Der bewegte Mann“-Erfolg geprägte Komödienkino, sondern die Paukerfilme der 1960er und 1970er sowie das amerikanische Kino. Die Prämisse erinnert so an „Der Diamanten-Cop“: Der Kleinkriminelle und Bildungsverweigerer Zeki Müller (Elyas M’Barek) kehrt nach abgesessener Haftstrafe frei und will die Beute holen, die Komplizin Charlie (Jana Pallaske) vergraben hat – doch dort steht nun die neue Turnhalle einer Gesamtschule.
Zeki will dort als Hausmeister anheuern, wird aber durch begrenzt glaubwürdige, für eine derartige High-Concept-Komödie aber vollkommen ausreichende Umstände als Vertretungslehrer eingestellt. Während er sich einen faulen Lenz machen will, gerät er bald mit der Referendarin Lisi Schnabelstedt (Karoline Herfurth) aneinander, die als hyperkorrekte Idealistin das genaue Gegenteil des lockeren Raubeins ist – und dementsprechend natürlich beste Partnerin für eine Screwball-Comedy um Gegensätze, die sich anziehen.

Als Lisi spitzkriegt, dass Zeki seine Zeugnisse gefälscht hat, zwingt sie ihn die Klassen zu tauschen und schiebt im ihre Klasse zu: Die Problemklasse 10b. Die haben bisher jeden Lehrer kleingekriegt, doch Zeki greift zu unkonventionellen Erziehungsmethoden…
Einer der Glücksgriffe von „Fack ju Göhte“ sind sicherlich die starken Hauptdarsteller: Elyas M’Barek schafft es Zeki nie zu arschig, sondern eher ungeschliffen und allen Asi-Macho-Allüren zum Trotz sympathisch darzustellen. Er harmoniert wunderbar mit Karoline Herfurth, der vom Drehbuch nicht immer das dankbarste Material angeboten wird, die aber ebenfalls versteht die zickig-hysterische Referendarin mit dem Herz aus Gold über Standards herauszuheben. Katja Rieman als toughe Direktorin und Jana Pallaske als Komplizin supporten hervorragend, während Jella Haase und Max von der Groeben als Anführer des widerspenstigen Pennälerrudels in ihren schrillen Rollen aufgehen. Als Hommage an die alten Paukerfilme wirkt Uschi Glas in einer Gastrolle als überforderte Lehrerin mit.
Neben diesen deutschen Komödienhits sind es aber vor allem die amerikanischen Highschool-Comedys, an denen sich Dagtekin orientiert. Obwohl Look und Locations nie auf US-Film machen, sondern „Fack ju Göhte“ stets als genuin deutsche Produktion zu erkennen geben, so hat der Film eine Unbeschwertheit und Frechheit, die eher an die Vorbilder jenseits des Teiches erinnern. Das bedeutet zwar auch einige bekannte Stereotypen, von der Besserer-Mensch-Werdung Zekis über das Zusammenkommen des gegensätzlichen Paares bis hin zur Entdeckung von Talenten in den Problemschülern, doch auch eine entsprechende Unverkrampftheit, die deutsche Abschlussbälle wie amerikanische Prom Nights in Szene setzt, Theateraufführungen zu aufwändigen Schuljahreshighlights erklärt und die Schulzeit etwas glamouröser erscheinen lässt als sie vielleicht sein mag, aber genau damit eben auch das Genre bedient, welches das Teenagersein so abfeiert.

Vor allem das Comedy-Timing kann sich sehen lassen, egal ob die Schüler Streiche spielen, Zekis unorthodoxe Unterrichtsmethoden Treffer mit einer Paintballknarre, Exkursionen zu Hartz-IV-Empfängern und Verschaukeln der Schüler beinhalten oder der Dialogwitz ausgespielt wird. „Heul leiser, Chantal“, „Boah, nicht schon wieder KZ“ oder Zekis Erwiderung auf seinen Status als „Bruder“ sind nicht nur enorm zitierfähig, sondern Beispiele schlagfertigen Dialogschreibens. Hin und wieder verlässt sich der Film da manchmal zu sehr auf Klischees und Überzeichnungen, gerade Lisis Gezicke ist manchmal etwas übertrieben und auch undankbar, wenn sich Macho Zeki dann auf ihre Kosten profilieren darf, doch insgesamt funktioniert der Humor ziemlich gut – auch wenn manches noch etwas lockerer sein könnte, das Timing hier und da noch etwas pointierter sein dürfte. Doch das sind Details, an denen die angekündigte Fortsetzung (und viele andere deutsche Komödien) arbeiten dürfen, die den Filmspaß aber nicht empfindlich trüben.
Dagtekin beweist zudem auch, dass er ein gutes Gespür für die heutige Jugend hat, inklusive Sprach- und sonstigem Verhalten, das er durch den Kakao zieht, aber nie bloßstellt. „Fack ju Göhte“ bedient keinen Prollvoyeurismus, hat für seine Figuren Respekt, setzt sich nicht tiefgründig, aber leicht kritisch mit „Berufswünschen“ wie Sozialhilfeempfänger oder Drogendealer auseinander und bedenkt auch Umstände wie das Elternhaus von jungen Rowdys. Das mag zwar kein tiefschürfender Sozialkommentar sein, verortet „Fack ju Göhte“ aber stimmig in seinem kulturellen Kontext und zeigt auch wie Dagtekin sich selbstreflexiv mit seinem Thema in einem populären Unterhaltungsfilm auseinandersetzt.

So darf die deutsche Mainstreamkomödie gern öfter aussehen: Mit Dialogwitz, toller Besetzung und Willen amerikanisch inspirierten Unterhaltungskino ist „Fack ju Göhte“ eine spaßige Komödie, trotz kleinerer Schwächen, etwa gewissen Vorhersehbarkeiten und einer weiblichen Hauptfigur, die manchmal etwas zugunsten des Macho-Protagonisten runtergebuttert wird. Insofern: Etwas chauvi, aber ansonsten fett krass lustig, Alter, ich schwör!

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