Matthias Schweighöfer ist seit geraumer Zeit Garant für zwei Dinge: publikumswirksame, zielgruppenorientierte Erfolge an den Kinokassen und das Abonnement auf die ewig gleich wirkende Rolle des End-Zwanzigers / Anfang-Dreißigers, der trotz (in verschiedenen Variationen) gescheiterten Lebens- und/oder Liebesphasen sympathisch locker über den Verlauf des Films doch noch auf den rechten Lebens- und/oder Liebespfad findet.
Genau so verhält es sich auch wieder bei „Frau Ella“, bei dem Schweighöfer zwar seinem alten Freund Markus Goller („Friendship!“) den Regiestuhl überlassen hat, dem man jedoch dennoch den Einfluss und die Handschrift von Hauptdarsteller und Produzent Matthias Schweighöfer anmerkt.
Sascha (Matthias Schweighöfer) hat seine Ambitionen, ein erfolgreicher Arzt zu werden, begraben, weil er nicht Teil des Kassen- und Patientenabzocker-Systems sein will, und verdingt sich jetzt als Taxifahrer. Während eines scheinbar ganz normalen Arbeitstags offenbart Saschas Freundin Lina (Anna Bederke) ihm, dass sie schwanger ist. Eine Nachricht, die ganz und gar nicht in die Lebensplanung des 30jährigen passt. Noch unter Schock baut Sascha mit dem Taxi einen Unfall, der ihn ins Krankenhaus und an die Seite der 87jährigen Ella (Ruth-Maria Kubitschek) bringt…
Was darauf folgt, ist eine auf Zufall basierende Kollision der Generationen und Werte, die in einer leichten Systemkritik ihren Aufhänger für einen Selbstfindungs-Roadmovie findet. Beide Protagonisten finden über die gemeinsame Reise nach Frankreich zu dem, was sie insgeheim suchten, aber nie offen zu suchen wagten. Und auch ihr Begleiter, Saschas bester Freund Klaus (August Diehl), findet schließlich als jener, der als einziger von den dreien auch zuvor bewusst Suchender war, zu seinem „Ziel“.
Was sich zu leicht süßlichem Kitsch mit allzu hohem Moralingehalt entwickeln muss, stellt sich zunächst im Prolog zum Roadtrip des ungleichen Trios als sympathisches Aufeinanderprallen von Generationen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, dar. Vor allen Dingen Ruth-Maria Kubitschek glänzt in jenen Szenen, in denen sie – wohl bewusst darauf angelegt – auch mit ihrem eigenen Alter kokettiert. Auch wenn manche Szenen – vor allen Dingen jene, in denen die Weltfremdheit von Frau Ella durch das Drehbuch allzu sehr auf die Spitze getrieben wird – übertrieben und aufgesetzt wirken: das erfrischende Agieren der drei zentralen Figuren dieser Tragikomödie lässt den Zuschauer diesen Makel vergessen.
Der anschließende Selbstfindungstrip wird von Goller gekonnt in schöne Bilder gepackt. Der inflationäre Gebrauch der Vogelperspektive, tolle Landschaftsaufnahmen sowie die Inszenierung der Ankunft in Paris, die wie ein Werbefilm des französischen Tourismusverbandes für die Stadt der Liebe anmutet; das sind die Dinge, die die Zielgruppe – neben einem Matthias Schweighöfer in seiner Paraderolle – sehen will. Das ist in der Tat alles schön anzusehen, tröstet aber über die flache und vorhersehbare Dramaturgie dieses Roadmovies nur unzulänglich hinweg.
Die wenigen starken Momente gehören während dieser Reise August Diehl, der seiner Figur Klaus Facetten zu verleihen vermag, die man bei Schweighöfer (nicht nur in „Frau Ella“) schmerzlich vermisst. Die Dreierbeziehung der Reisegruppe ist zwar Bestandteil der Handlung, doch die noch im Prolog greifbare Präsenz der Kubitschek ist nicht mehr vorhanden. Ihre Figur der Frau Ella scheint über weite Strecken des Films nur noch als Namensgeber für den Film zu fungieren.
Das dramaturgische Element des Films, das neben dem lieblosen Vorantreiben der Steigerung zum Spannungshöhepunkt auch an der mangelnden Fallhöhe seiner Protagonisten krankt, lässt das geneigte Publikum im Finale noch ein paar Mal die Taschentücher zücken, ehe man sich in der Gewissheit, „nun auch diesen Schweighöfer-Film verfrühstückt zu haben“, aus dem Sessel erheben kann, um „Frau Ella“ binnen kurzer Zeit wieder aus seinem filmischen Gedächtnis zu löschen.
Fans des sympathischen Hauptdarstellers dürften mit der neuerlichen Variation der „Schweighöfer-Blaupause“ zufrieden sein und in „Frau Ella“ einen guten Film zu sehen bekommen. Alle anderen sollten sich auf eine optisch ansprechende und recht prominent besetzte Literaturverfilmung auf Fernsehfilm-Niveau mit geringer Halbwertszeit einstellen. Aber vielleicht ist das auch eine der entscheidenden Zutaten des Erfolgsrezepts…
Bis zum nächsten Mal, wenn uns wieder die Botschaft „von und mit Matthias Schweighöfer“ auf den Filmplakaten im Lichtspielhaus unseres Vertrauens begegnet, haben wir schon wieder vergessen, dass uns alter Wein in neuen Schläuchen serviert wird und lösen dann in freudiger Erwartung eines lockeren, frischen Filmes aus deutschen Landen unser Kino-Ticket. Déjà-vu, ick hör dir trapsen…