Mit "Ohnmacht" stand für 2014 mittlerweile der dritte Kölner Beitrag zur "Tatort"-Reihe am gestrigen Sonntagabend auf dem Programm. Nach dem nervenaufreibenden, spannenden, extrem wendungsreichen und kammerspielartigen Psychothriller "Franziska" und dem beklemmenden, aber auch langatmigen Familiendrama "Der Fall Reinhardt", beschäftigte sich das Ermittler-Duo Ballauf/Schenk hier mal wieder mit einer brisanten und aktuellen Thematik:
Jugendgewalt. Ein Phänomen, das längst vom fiktiven Grauen des "Tatorts" eingeholt worden ist. Jugendliche, die sich willkürlich aus den Mengen ihre Opfer suchen, und diese fast zu Tode prügeln.
Die Attacke dieser kaltblütigen Brutalo-Kids, die ihre Taten auch noch mit dem Handy filmen und ihre Opfer und auch die Polizei verhöhnen, endet im "Tatort" jedoch tödlich. Ein junger Musikschüler erliegt den Verletzungen, die ihm mit Schlägen, Tritten und einer Geige in der Öffentlichkeit - vor den Augen unzähliger Passanten - beigebracht worden sind. Kriminalhauptkommissar Max Ballauf wird zufällig Zeuge der brutalen Attacke, die auch ihm beinahe das Leben gekostet hätte. Einer der Schläger wirft ihn auf die Bahngleise - in dem Moment, als die U-Bahn in den Bahnhof einfährt...
Persönlich betroffen und mit Selbstvorwürfen behaftet, wird er vom Staatsanwalt von der Leitung der Ermittlungen abgezogen - was ihn nicht davon abhält, sich in die Untersuchungen einzumischen. Die vermeintlichen Täter sind schnell ermittelt - und ebenso gewieft und abgebrüht wie auch skrupellos und brutal.
Nach dem letztjährigen Berliner "Tatort: Gegen den Kopf" behandeln Autor Andreas Knaup und Regisseur Thomas Jauch ein weiteres Mal die Thematik. Während bei den Berliner Kollegen die minutiöse Rekonstruierung und Aufklärung des Verbrechens im Vordergrund stand, setzt "Ohnmacht" verstärkt auf die familiären Hintergründe und zeigt einmal mehr das Versagen des Justizapparates und die Hilflosigkeit der ermittelnden Beamten, die von der Kaltschnäuzigkeit der Verdächtigen angewidert sind.
"Ohnmacht" - der Titel bringt es auf den Punkt: Genau so wie Ballauf und Schenk verfällt auch der Zuschauer in Wut und Empörung darüber, wie leichtfertig die Kids mit ihrer Tat umgehen und mit welcher selbstsicheren Überlegenheit sie die Beamten stets abweisen. Ohnmacht darüber, wie die Haftrichterin aufgrund der Gesetzeslage für die Täter entscheiden muss - obwohl forensische Beweise für die Schuld sprechen, diese aber rechtswidrig gesichert wurden. Geschützt von hilflosen Eltern, die bereits aufgegeben haben, und praktisch gedeckt von einem fragwürdigen Justizapparat, der Täter aufgrund von Formfehlern laufen lässt - ein Hohn für die Hinterbliebenen des Opfers und auch für die Beamten.
Für die einen mag das Verhalten der Jugendlichen zugunsten einer spielfilmtauglichen Handlung, die in erster Linie unterhalten will, etwas dick aufgetragen sein - aber für so realitätsfern oder übertrieben halte ich die Charakterzeichnung dieses "Tatorts" nicht.
Hoch anzurechnen ist auch, dass "Ohnmacht" sich vom herkömmlichen Klischeebild der gern skizzierten "Hartz 4-Sozialkitschromantik" distanziert und die Täter aus geordneten Verhältnissen stammen. Saubere Fassaden, die angesichts der brutalen Tat langsam zu bröckeln beginnen, und einen Blick auf die Abgründe werfen, die sich auch in gehobenen Reihenhaussiedlungen abspielen. Das alles wird nicht nur kurz angerissen, sondern anhand der drei Familien anschaulich portraitiert.
Die schauspielerischen Leistungen sind dabei über jeden Zweifel erhaben, die Dialoge bringen es auf den Punkt und Musik und Kamera harmonieren perfekt miteinander. Die Handlung weist keinerlei Längen auf, überrascht mit einigen Wendungen und Entwicklungen, und bleibt bis zum Finale spannend und dramatisch. Auch wenn die Aufklärung beziehungsweise die Überführung des Trio Infernale etwas zu konstruiert wirkt, verabschiedet sich der Kölner Beitrag nach der obligatorischen "Wurstbudenszene" mit einem Paukenschlag, der noch lange nach dem Abspann nachwirkt.
9/10