„Ist das jetzt ,Versteckte Kamera‘, ist das ,Verstehen Sie Spaß?‘?!“
Der sage und schreibe bereits 24. Fall des komödiantischen „Tatort“-Teams um Hauptkommissar Thiel (Axel Prahl), dessen Assistentin Krusenstern (Friederike Kempter) und seinen bornierten Kumpel, den Pathologen Prof. Dr. Boerne (Jan Josef Liefers), wurde am 20.10.2013 erstausgestrahlt – und der bis dahin ernsteste „Münsteraner“. Das Drehbuch ließ man von Orkun Ertener verfassen, der mit „KDD – Kriminaldauerdienst“ bereits Fernsehkrimierfahrung sammeln konnte; mit der Regie betraute man „Dorfpunk“- und „Fraktus“-Regisseur Lars Jessen, der zuvor bereits den „Tatort: Borowski und die einsamen Herzen“ inszeniert hatte. Der Titel „Die chinesische Prinzessin“ ist eine Anspielung auf Giacomo Puccinis Oper „Turandot“.
„Red‘ ich Chinesisch, oder was?!“
Songma (Huichi Chiu, „Casino Barcelona - Die Glückssträhne“) ist nicht nur eine tatsächliche Nachkommin eines chinesischen Adelsgeschlechts, sondern auch eine harsche Kritikerin des politischen Systems ihres Heimatlands sowie eine geachtete Künstlerin, in deren Eigenschaft sie ihre Werke im Westfälischen Landesmuseum ausstellt. Auf der Vernissage lernt sie Boerne kennen, der von ihrer Schönheit äußerst angetan ist. Er lädt sie in seine Leichenhalle ein, wo Songma sich vom Ambiente fasziniert zeigt und beide sich näherkommen. Am nächsten Morgen jedoch erwacht Boerne neben Songmas Leiche: Jemand hat sie ermordet. Und Boerne kann sich an nichts erinnern, hat dafür massenweise Kokain im Blut. Damit ist er dringend tatverdächtig, doch sein Kumpel Thiel glaubt an Boernes Unschuld…
Bereits der Prolog zeigte, dass gerade noch ganz andere Asiaten unterwegs sind, die nicht unbedingt Gutes im Sinn haben. Songma, eine offenbar vom chinesischen Aktionskünstler Ai Weiwei inspirierte Figur (sein weibliches Pendant sozusagen), bekommt in diesem „Tatort“ Gesellschaft von ihren Assistenten Xia Miao (Yvonne Yung Hee Bormann, „Die Friseuse“) und Zhao Yu-Tang (Aaron Le, „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“), vom Kulturattaché Wang (Maverick Quek, „Soul Kitchen“), Kurator Jürgen Martin (Tonio Arango, „Baron Münchhausen“), dem Generalkonsul sowie Angehörigen der chinesischen Minderheit der Uiguren. Die Triaden-Mafia wird außerdem ins Spiel gebracht und irgendjemand hat Interesse an Songmas Notebook oder zumindest einem USB-Stick. Was zur Hölle hier los ist, kapieren weder Thiel noch das „Tatort“-Publikum so wirklich. Ist es anfänglich noch durchaus von Interesse, wer Songma warum ermordet und Boerne in eine solch missliche Lage gebracht hat, wirft man schon bald das Handtuch angesichts einer immer überfrachteteren Handlung, die immer neue Stichwörter angefangen bei Regimekritik über Kunstschmuggel bis hin zu Terrorismus gibt, ohne irgendetwas davon stringent zu verfolgen. So stolpert man zwischen antichinesischen Klischees und Ressentiments, Politik und Verschwörungen durch den Fall, der immer größere Teilnahmslosigkeit verursacht, welche er durch ein paar Actioneinlagen zu kaschieren versucht.
Doch auch sein Stammensemble ist natürlich für manch unterhaltsamen Moment gut: Nicht nur Boerne ist arg verkatert, auch Thiel – der hatte nachts zuvor mit Nadeshda noch einen bei sich zu Hause gehoben und bekommt vom Drehbuch peinliche Momente spendiert, wenn er am nächsten Morgen glaubt, er habe evtl. Sex mit ihr gehabt und das herauszufinden versucht. Aus dem Katerzustand beider Protagonisten hätte man jedoch mehr herausholen können, ebenso aus Boernes Aufenthalt im Untersuchungsgefängnis, doch dafür bleibt in diesem zu Tode verschachtelten Fall keine Zeit. Dass die Konzentrationsversuche des aufmerksamen Teils der Zuschauerinnen und Zuschauer nicht einmal belohnt, sondern mit einer absurden Pointe abgestraft werden, bedeutet den endgültigen Todesstoß fürs Drehbuch.
Anders verhält es sich mit der Regie: Dieser „Tatort“ ist prima gefilmt, nicht selten ein echter Augenschmaus; das Ensemble gibt sein Bestes und der aus dem häufig erzwungen Dialogwitz zwischen Boerne und Thiel resultierende Nervfaktor ist diesmal gering. Wie es Jessen gelungen ist, dieses Skript überhaupt irgendwie in knapp 90 Minuten unterzubringen, ist mir ein Rätsel (und weshalb Thiel ständig „Moinsen!“, also „Moin zusammen!“, zu Einzelpersonen sagt, ebenfalls). Fazit: Regie top, Drehbuch Flop und in China ist ein Sack Reis umgefallen.