Mexiko zur Zeit der Revolution: Der kleine Gauner Cuchillo landet zu Unrecht im Knast und wird dort von dem Revolutions-Politiker Ramirez gebeten, ihm bei der Flucht zu helfen. Diese gelingt, doch in einem kleinen Dorf wird Ramirez erschossen. Bevor er stirbt, kann er Cuchillo noch von 3 Millionen Dollar in Gold erzählen, das irgendwo in Texas versteckt ist und dringend vom aktuellen Revolutions-General Santillana benötigt wird. Verfolgt von seiner wütenden Geliebten, einem Ex-Sheriff, mexikanischen Soldaten und Kopfgeldjägern versteckt er sich bei einer Vertreterin der Heilsarmee. Doch die hat auch schnell andere Pläne mit ihm.
Regisseur Sergio Sollima zählt neben Sergio Leone und Sergio Corbucci zu den prägenden Namen des Italowestern. Während Leone den Stil definierte und Corbucci ihn oft ins Zynische und Brutale trieb, versuchte Sollima, politische Themen stärker einzubinden. Lauf um dein Leben ist der zweite Teil seiner inoffiziellen „Cuchillo“-Reihe mit Tomas Milian (mehr dazu am Schluss) und knüpft thematisch an die Mexikanische Revolution an. Diese Phase Anfang des 20. Jahrhunderts war geprägt von Aufständen gegen Diktatur und soziale Ungleichheit, ein komplexer Konflikt, der im Italowestern gern als Hintergrund dient.
Die Grundidee ist tatsächlich ziemlich gelungen. Eine bauernschlaue, aber ständig flüchtende Figur mit unterschwellig mehr Kontrolle über die Situation, als gedacht, taugt als starker Aufhänger. Auch die Art und Weise, wie das Gold als klassischer MacGuffin in die Handlung eingebunden ist, hat ihren Reiz und sorgt für ein paar originelle Momente. Dazu kommen Details wie der Einsatz von Wurfmessern, die im Western wahrlich nicht häufig vorkommen und dem Ganzen eine kleine, ungewöhnliche Note geben. Zudem sind sie namensgebend, denn Cuchillo ist das spanische Wort für Messer.
Das Problem ist eher die Umsetzung und möglicherweise, wie bei mir, Tomas Milian, der mir allgemein und als Held wider Willen einfach nicht sympathisch genug ist. Der trägt den Film, keine Frage. Aber genau das ist auch das Problem. Sein Cuchillo ist laut, oft eher nervig als charmant und für meinen Geschmack zu überdreht. Das kann schnell anstrengend werden und strapaziert die Geduld mehr, als dass es unterhält. Allerdings ist die Figur auch bewusst als Gegenentwurf zum stoischen Revolverhelden angelegt worden. Als solcher liefert wiederum Donald O’Brien als Cassidy eine solide Vorstellung.
Strukturell zerfällt der Film mit Ramirez, Heilsarmee und Burton City in lose zusammenhängende Episoden und zieht sich manchmal etwas. Er springt von Idee zu Idee und bindet zu viele Figuren ein, ohne daraus echte Spannung zu entwickeln. Mit seinem Auftritt als Revolutions-General Santillana bringt Genre-Veteran John Ireland noch eine nötige Portion Präsenz in die Geschichte. Seine kurze Szene unterstreicht zwar den episodischen Charakter des Films, verleiht den politischen Verwicklungen aber ein markantes Gesicht. Und vielleicht sind Mexiko und die Revolution auch nicht ganz mein Setting.
Inszenatorisch ist das aber alles solide bis gut. Sollima weiß, was er tut. Die Bilder sitzen und das Tempo innerhalb einzelner Szenen passt auch weitgehend. Unterstützt wird die Inszenierung durch den inoffiziellen Score von Ennio Morricone. Offiziell genannt wird hier Bruno Nicolai, der faktisch aber nur seinen Namen zur Verfügung stellte. Im Vergleich zum ersten Teil ist die Musik hier deutlich verspielter und greift folkloristische mexikanische Elemente auf, was den Ton der Handlung und Cuchillos rastlose Flucht perfekt untermalt. Dennoch bleibt das Ganze unspektakulär und ohne echten Biss. Für einen Regisseur, dessen Western regelmäßig als besonders bedeutend hervorgehoben werden, fehlt hier einfach das gewisse Etwas, das den Film wirklich aus der Masse hervorhebt. Der revolutionäre Funke zündet einfach nicht.
Ordentlicher Italowestern mit interessanter Grundidee und ein paar eigenwilligen Details, stellenweise originell, aber insgesamt zu wenig packend. Viele Ideen, wenig Wirkung. Wer aber mit dem Setting und Tomas Milian etwas anfangen kann, wird Sollimas Western deutlich mehr abgewinnen können als ich.
Die "Cuchillo-Trilogie"
Zentralfigur dieser inoffiziellen Trilogie von Sergio Sollima ist in zwei der drei Filme der mexikanische Bandit Cuchillo, gespielt von Tomas Milian. Die Filme hängen erzählerisch,abgesehen von der Figur Cuchillos in Teil 1 und 2, nicht direkt zusammen, bilden aber durch Sollimas Regie, Ennio Morricones Musik und die politische Thematik eine Einheit.
Der erste Film ist Der Gehetzte der Sierra Madre (La resa dei conti, 1966), in dem Sollima den Charakter Cuchillo einführt. Hier wird er von Gesetzeshüter Lee Van Cleef gejagt.
Lauf um dein Leben (Corri uomo corri, 1968) ist die direkte Fortsetzung, in der Tomas Milian als Cuchillo die alleinige Hauptrolle übernimmt. Der Film ist deutlich politischer und thematisiert die mexikanische Revolution.
Obwohl zwischen den beiden anderen Filmen gedreht, wird Von Angesicht zu Angesicht (Faccia a faccia, 1967) in der Regel als Abschluss der Trilogie bezeichnet. Er gehört aber nur thematisch zur Reihe, denn Tomas Milian spielt hier nicht Cuchillo, sondern den ähnlich angelegten Banditen Bennet. Er gilt als einer der intelligentesten Italowestern überhaupt.
Da Lauf um dein Leben die direkte Fortsetzung der Geschichte von Cuchillo ist, wird er oft als Abschluss der Figur Cuchillo gesehen, während der in der Mitte produzierte Von Angesicht zu Angesicht als das „intellektuelle Herzstück“ der Trilogie gilt. Viele Fans und Kritiker sehen Bennet auch als eine Art „düsteres Echo“ oder alternative Version von Cuchillo, weshalb der Film organisch in die Reihe und vor allem ans Ende passt. Daher wird die Trilogie nicht chronologisch nach ihrem Erscheinen, sondern inhaltlich geordnet.