Es gibt wohl kaum eine Spielart im Exploitation-Filmbereich, die stärker Emotionen zu schüren imstande ist als der Rachefilm. Was ist es doch befriedigend, wenn es die/der Gepeinigte (oder jemand an ihrer/seiner Stelle) dem abartigen Schurkenpack mit Schmackes und ohne Erbarmen heimzahlt. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und das ist auch gut so, schließlich ist das nicht die Realität, sondern - um den legendären Werbespruch zu zitieren - it's only a movie, it's only a movie, it's only a movie... Und je widerwärtiger, sadistischer und brutaler der kriminelle Abschaum vorgeht, desto befriedigender ist der darauffolgende Rachepart. Zum Beispiel - an dieser Stelle komme ich nicht umhin darauf hinzuweisen, daß in den folgenden fünf Absätzen der eine oder andere Spoiler enthalten sein könnte (falls man die erwähnten Filme noch nicht kennen sollte) - ...
...wenn Jennifer ihren Vergewaltiger in die Badewanne lockt, ihm den Penis massiert und ihn kurz vor dem Orgasmus kastriert (Day of the Woman aka Ich spuck auf dein Grab, 1978),
...oder wenn Max Rockatansky Toecutter, den Anführer der mörderischen Biker-Gang, frontal in einen entgegenkommenden Truck hetzt (Mad Max, 1979),
...oder wenn Andrew Norris einem von Stegmans Punks die Hand absägt und ihn anschließend, Rücken voraus, auf die rotierende Kreissäge wirft (Class of 1984 aka Die Klasse von 1984, 1982),
...oder wenn Brenda ihren Widersacher mit Farbe bespritzt und ihn anschließend bei lebendigem Leibe abfackelt (Savage Streets aka Savage Streets - Die Straße der Gewalt, 1984),
...oder wenn die Braut ihrer Gegnerin Elle Driver das verbliebene Auge herausreißt, auf den Boden wirft und genüßlich zertritt (Kill Bill: Vol. 2, 2004).
Oder auch wenn Zoe einem der widerlichen Rednecks mit einer zerbrochenen Glasflasche den Bauch zersticht und ihm mit bloßen Händen die Gedärme aus dem Leib reißt, wie es in Savaged geschieht, den Film, um den es hier geht.
Wobei es unklar ist, inwieweit unsere versierte Darmrupferin zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch Zoe ist. Zu Beginn der Geschichte ist Zoe (Amanda Adrienne Smith) eine hübsche, junge Frau, die sich alleine auf den langen Weg quer durchs amerikanische Hinterland macht, um sich mit ihrem (farbigen) Verlobten Dane (Marc Anthony Samuel) zu treffen. Trotz ihrer Behinderung - sie ist taub und tut sich deshalb auch entsprechend schwer, sich verständlich zu artikulieren - ist sie selbstbewußt, entschlossen und lebenslustig. Außerdem ist sie so liebenswert, daß sie dem Zuschauer, obwohl nur dürftig charakterisiert, sofort ans Herz wächst. Die Autofahrt verläuft entspannt, bis sie in New Mexico plötzlich Zeugin zweier rassistisch motivierter Morde wird. Trey (Rodney Rowland) und West (Tom Ardavany), die Anführer der kleinen Gruppe Hinterwäldler, können natürlich nicht zulassen, daß die Öffentlichkeit Wind von ihren mörderischen Freizeitaktivitäten bekommt, und so verschleppen sie Zoe kurzerhand in ihre Behausung.
Dort wird die Unglückliche mit Stacheldraht gefesselt, gefoltert, vergewaltigt und anschließend getötet und verscharrt. Wie es der Zufall so will, findet der Indianer Grey Wolf (Joseph Runningfox) die Frau, und da er noch einen Funken Leben in ihr spürt, nimmt er sie mit zu einem heiligen Platz und führt umgehend ein schamanisches Ritual durch. Die Zeremonie ist zwar von Erfolg gekrönt, doch zu welchem Preis? Nicht nur Zoes Seele ist zurück, auch der ruhelose Geist von Apachen-Häuptling Red Sleeve, der von den Vorfahren der Killerbande getötet wurde, nutzt die Gunst der Sekunde und schlüpft in ihren geschundenen Körper. Red Sleeve wittert seine Chance, endlich Rache für all das begangene Unrecht zu üben. Mit Messer, Speer, Tomahawk sowie Pfeil und Bogen erklären Zoe und Red Sleeve die Jagdsaison auf sadistische Rednecks für eröffnet.
Michael S. Ojedas Savaged ist ein beinharter und überraschend intensiver Rape-Revenge-Kracher mit einem originellen Twist, schließlich ist es nicht nur die Gepeinigte, die sich an ihren Peinigern rächt, sondern auch noch der Geist eines vor langer Zeit ermordeten Indianerhäuptlings, der keine Ruhe gefunden hat. Dieses übernatürliche Element sorgt einerseits für frischen Wind, andererseits erhöht es die Glaubwürdigkeit des Geschehens (sofern man gewillt ist, diese Wende zu schlucken). Zoe ist damit nicht mehr die kräftemäßig weit unterlegene Frau, die dem Pack Saures gibt, sondern eine echte Kriegerin, die mit Waffen umzugehen weiß. Ja, mehr noch, sie ist gewissermaßen ein Rachedämon, den nichts und niemand von seinem Vorhaben abbringen kann. Hinzu kommt, daß es Grey Wolf leider nicht gelungen ist, Zoe rechtzeitig zurückzuholen.
Der Körper, den sie und Red Sleeve "bewohnen", ist nur mehr totes Fleisch, und der Verwesungsprozeß schreitet rasant voran. Die Zeitspanne, die den Beiden zur Verfügung steht, ist gering, und sie müssen sich ordentlich ins Zeug legen, um ihre Rache zu vollziehen. Abwarten und auf eine günstige Gelegenheit hoffen ist also nicht drin. Darüber hinaus sitzen die Hinterwäldler nicht tatenlos herum und drehen Däumchen, nein, sie setzen sich energisch zur Wehr, was dazu führt, daß sich der Zustand des eh schon stark in Mitleidenschaft gezogenen und verfaulenden Körpers weiter verschlimmert. Ojeda und seine FX-Künstler sparen nicht mit drastischen Details. So streift sich Zoe beispielsweise das Fleisch, als sie sich den Verlobungsring vom Finger zieht, gleich mit ab, sodaß nur mehr der blanke Knochen zurückbleibt. Splattertechnisch wird einiges geboten, wobei die Effekte überwiegend praktischer Natur sind. Bäuche werden geöffnet, Hälse durchbohrt, Herzen entfernt, Köpfe abgetrennt, und zum großen Finale wird sogar die Kettensäge angeworfen.
Ojeda setzt auf eine triste, humorlose Grundstimmung und zieht die Geschichte ohne einen Funken Ironie durch. Savaged soll weh tun, und das tut er auch. Der Hauptgrund, daß der Streifen so blendend funktioniert, ist zweifellos Amanda Adrienne Smith, die in der Hauptrolle eine unfaßbare Tour-de-Force-Performance abzieht. Ihre Wandlung von der süßen, fragilen, hoffnungsvollen jungen Frau zum besessenen, blutrünstigen, erbarmungslosen Racheengel ist ebenso glaubhaft wie die innere Zerrissenheit, die sie in bestimmten Momenten eindringlich zum Ausdruck bringt. Sie weiß genau, was mit ihr passiert. Sie weiß, daß ihr Körper verrottet und daß ihre Uhr abläuft. Daß die Uhr eigentlich schon abgelaufen ist und daß es keine Zukunft mehr für sie gibt. All das bringt Smith in den ruhigeren Passagen des Filmes so gut rüber, daß man ständig mit ihr mitleidet, selbst dann, wenn der Indianer in ihr das Kommando übernimmt und seine Gegner unerbittlich niedermetzelt.
Leider ist auch Savaged nicht frei von Schattenseiten, die das Seherlebnis ein klein wenig trüben. Der CGI-Crash ist ziemlich mißlungen, Marc Anthony Samuel kann als Zoes Verlobter nicht überzeugen, die Rednecks sind allesamt eindimensionale Stereotypen, die nur wenige Klischees auslassen (wobei es jedoch locker reicht, um die Bastarde aus tiefstem Herzen zu hassen), und auch der stark stilisierte Look des Filmes (die kontrastreichen, düsteren, farbgefilterten Bilder wirken zum Teil, als hätte man ihnen jegliche Wärme entzogen) ist etwas gewöhnungsbedürftig. Aber kalt kommt Savaged zu keiner Zeit rüber. Die Emotionen kochen hoch. Erst bei Zoes Martyrium (das recht kurzgehalten ist), dann bei den befriedigenden Racheakten, und zwischendurch immer mal wieder bei ihrer zwischen Freude und Trauer, Hoffnung und Resignation, Schmerz und Wut pendelnden seelischen Verfassung. Und am Ende... Ja, am Ende hat man unwillkürlich einen dicken Kloß im Hals und Ojeda und Smith schaffen es, ihr Publikum zu berühren. Großartig.
P.S.: Einige Filmkritiker zogen Parallelen zwischen Savaged und Alex Proyas' The Crow (1994), befanden, Zoe wäre so etwas wie das weibliche Gegenstück zur Krähe. Und tatsächlich sind diverse Gemeinsamkeiten nicht von der Hand zu weisen. In Punkto Emotionalität, Kompromißlosigkeit und Intensität sehe ich Savaged allerdings klar voran.