Carlo Lizzani, dessen Karriere als Regisseur noch während der Phase des Neoraelismus mit "Achtung Banditi!" (1951) begann - zuvor hatte er an den Drehbüchern zu "Caccia tragica" (Tragische Jagd, 1947) und "Riso amara" (Bitterer Reis, 1949) unter Giuseppe De Santis mitgewirkt - und der zu den sechs Regisseuren neben Michelangelo Antonioni, Federico Fellini, Alberto Lattuada, Dino Risi und Francesco Maselli gehörte, die mit "L'amore in città" (1953) die lang anhaltende Tradition des italienischen Episodenfilms begründeten, widmete sich auch dem Italo-Western, als sich das Genre 1966 - 1968 auf seinem Höhepunkt befand. "Requiescant" (Mögen sie in Frieden ruhen) wurde nach "Un fiume di dollari" (Eine Flut von Dollars, 1966) sein zweiter und letzter Western, bevor er 1968 "Banditi a Milano" drehte, der das Polizieschi-Genre der 70er Jahre vorweg nahm.
Bis zu seinem Suizid am 05.10.2013, der an den Freitod seines ebenfalls hoch betagten Kollegen Mario Monicelli erinnert, den dieser am 29.11.2010 beging, ließ Lizzani kaum ein Genre aus - dabei immer bestrebt, sein Publikum zu unterhalten, ohne seinen eigenen Anspruch und seine politisch links gerichteten und gesellschaftskritischen Überzeugungen zu verraten. Die Besetzung von "Requiescant" entsprach dieser Haltung, denn mit Lou Castel spielte ein Akteur die Hauptrolle, der unter Marco Bellocchio als ein an der bürgerlichen Gesellschaft erkrankter Mörder in "I pugni in tasca" (Mit der Faust in der Tasche, 1965) reüssierte, bevor er in Damiano Damianis "Quien sabe?" (Töte, Amigo!, 1966) neben Gian Maria Volonté als skrupelloser Nutznießer der mexikanischen Revolution auftrat. "Requiescant" spielt zeitlich in der Vorphase des mexikanischen Aufstands gegen die US-amerikanische Besatzung und versteht sich als vorrevolutionärer Western, worin sich deutliche Parallelen zu den aktuellen politischen Ereignissen 1967 zeigen, als der Widerstand gegen das Engagement der USA in Vietnam wuchs.
Besonders die Mitwirkung von Pier Paolo Pasolini, der auch am Drehbuch beteiligt war, lässt keinen Zweifel an der politischen Dimension des Films. Nur unter Carlo Lizzani spielte Pasolini zweimal eine größere Rolle (zuvor noch in "Il gobbo" (Der Bucklige von Rom, 1960)) in einem nicht von ihm selbst gedrehten Kinofilm. Als Pater Juan konnte Pasolini seine Überzeugungen nur wenig verklausuliert wiedergeben - er verabscheut Gewalt, aber als Realist weiß er, dass ein starker Anführer wie "Requiescant" (Lou Castel) notwendig ist, um die Unterdrücker zu besiegen. Zwar ist dieser dank seiner Schießkünste in der Lage, die Feinde zu dezimieren, aber Pasolini gab den intellektuellen Gegenpol zu dem ehemaligen Offizier Ferguson (Mark Damon), der die ortsansässige mexikanische Bevölkerung zehn Jahre zuvor in einen Hinterhalt gelockt hatte, um sie zu töten und ihr Land an sich zu reißen.
Mark Damon, der auf die Heldenrollen festgelegt war ("Johnny Yuma", 1966), brilliert hier in der Rolle eines regionalen Usurpators, dessen rassistische, menschenverachtende und misogyne Haltung keine äußerliche Attitüde ist, sondern eine tief empfundene Emotion, die er auch angesichts seines möglichen Todes nicht aufgibt. Trotzdem ist der blass geschminkte, sein Altern nicht akzeptierende, gebildete Mann kein typischer Sadist, wie er in vielen Western auftrat, sondern ein aus seiner inneren Überzeugung handelnder Mensch, dessen abschließender Monolog nicht zufällig an die Argumente erinnert, die jedesmal von einer Besatzungsmacht hervorgebracht wurden, wenn sie gezwungen waren, einen Staat in dessen Unabhängigkeit zu entlassen. Ferguson steht hier symbolisch für die selbstgerechte Haltung westlicher Industriestaaten, weshalb es nicht überrascht, dass in der stark gekürzten deutschen Kinoversion sowohl Pasolinis, als auch Mark Damons Reden fehlten, was dem Film seine innere Schlüssigkeit nahm.
Obwohl "Requiescant" über überzeugende Charaktere verfügt und sich die eigenständig gestaltete Story wenig vorhersehbar entwickelt, wird der Film kaum einmal in einer Liste der besten Italo-Western genannt. Dabei lag Carlo Lizzani sehr viel an einem spannend erzählten Western, weshalb er auch Adriano Bolzoni für das Drehbuch hinzuzog, der seit seiner Mitarbeit bei "Per un pugno di Dollari" (Für eine Handvoll Dollar, 1964) fest im Genre verankert war. Mit "L'uomo che viene da Canyon City" (Die Todesminen von Canyon City) hatte er 1965 schon einen rauen, politisch weniger motivierten Revolutionswestern entworfen. Entsprechend verfügt "Requiescant" über alle signifikanten Elemente des Genres, beginnend beim überragenden Revolverschützen, skrupellosen Banditen, schönen Frauen und stilsicher inszenierten Duellen inmitten einer klassischen Story über einen Rächer, der es mit einem weit überlegenen Gegner aufnimmt.
Doch die Kombination aus Gesellschaftskritik und Unterhaltung irritierte viele Betrachter, da Lizzani besonders die Figur des "Helden" gegen die Erwartungen entwickelte. "Requiescant" ist zwar der gewohnt schnelle Scharfschütze, wurde aber bei dem Massaker seines Dorfes am Kopf verletzt und verdankt sein Leben einem zufällig vorbei kommenden erzreligiösen Prediger, der den mexikanischen Jungen zu sich aufnahm und in seinem Geiste erzog. Coole Sprüche und lässige Umgangsformen sind nicht von ihm zu erwarten, weshalb die einfältig wirkende Figur nicht zur Identifikation einlädt. Eine hinsichtlich der politischen Ausrichtung des Films konsequente Vorgehensweise, denn ein klassischer Vigilant - wie gerecht seine Sache auch wäre - hätte einen zu individuellen, zudem konservativen Charakter.
Wie schwer sich gerade Anhänger des Western-Genre mit Lizzanis originellem Beitrag taten, wird daran deutlich, dass innere Zusammenhänge in Frage gestellt wurden, die in der Regel als gegeben akzeptiert werden, denn Lizzani nahm sich letztlich die selben Freiheiten wie ein Sergio Leone oder Sergio Corbucci. Warum ein Clint Eastwood oder "Django" überragend schießen können, wird nicht hinterfragt, Requiescants plötzlich entdeckte Begabung dagegen als unlogisch betrachtet. Auch das es den Protagonisten wieder an den Ort eines vor langer Zeit begangenen Verbrechens zurücktreibt, gehört zu den klassischen Mythen eines Genres, das von der Erfüllung schicksalshafter Verwicklungen lebt, aber besonders die Nähe zum Horror-Film, die der Figur des Ferguson angedichtet wurde, verdeutlicht die Unfähigkeit, diese intelligent entworfene Figur in ihrer Tragweite anzunehmen. Denn der Horror ist in "Requiescant" sehr realistisch und der Zusammenhang zu den aktuellen politischen Ereignissen unverkennbar. Lizzani gelang damit eine überragende Genre-Umsetzung, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren hat und zudem prächtig unterhält. (9/10)