„Into the furnace!"
„Auge um Auge", das klingt zunächst einmal nach der x-ten Variation des v.a. in den letzten Jahren filmisch doch arg strapazierten Rachethemas und ein tiefes, resigniertes Gähnen macht sich beinahe reflexartig breit. Auch das Filmposter, welches Hauptdarsteller Christian Bale mit einem Jagdgewehr im Anschlag zeigt, ist nicht gerade dazu angetan, diese Befürchtungen zu zerstreuen.
Andererseits steht Regisseur Scott Cooper nach seinem Debut mit dem preisgekrönten und vom Feuilleton bejubelten Country-Drama „Crazy Heart" nicht unbedingt im Verdacht reißerische Dutzendware abzuliefern. Mit Forest Whitaker, Woody Harrelson, Sam Shephard, Willem Dafoe, Casey Affleck und eben Bale hat er zudem ein Ensemble versammelt, das geradezu nach Anspruch, Tiefgründigkeit und Bedeutungsschwere schreit. Als Cineast wird man da zumindest wieder neugierig.
Und tatsächlich, „Out of the furnace" (so der erheblich passendere Originaltitel) ist kein vordergründiger, redundanter, schablonenhafter und dutzendfach gesehener Revenge-Thriller. So weit, so gut. Leider ist „Out of the furnice" dagegen ein vordergründiges, redundantes, schablonenhaftes und dutzendfach gesehenes Milieu-Drama der Marke „Abgesang auf den American Dream".
Eine geschlagene Stunde lässt sich Cooper Zeit, um die Tristesse in dem von Verfall und Niedergang gezeichneten Stahlarbeiter-Kaff Braddock elegisch auszubreiten. Der erfolgreiche Strukturwandel der einstigen „Steel City" Pittsburgh hat offenbar einen großen Bogen um die am Fuß der Appalachen gelegene Kleinstadt gemacht. Dort hält es nur noch Kleinkriminelle wie den korrupten Buchmacher Petty (Willem Dafoe), oder den wie Generationen vor ihm im örtlichen Stahlwerk für ein besseres Leben schuftenden Russell Baze (Bale).
An jenem Baze seziert Cooper dann auch in geradezu quälender Langsam- und Schwerfälligkeit die völlig Perspektivlosigkeit und Desillusioniertheit der zurück gebliebenen, ehrlichen kleinen Leute. Und um das menschliche Drama so richtig spürbar zu machen, schickt er seinen Antihelden durch regelrechte Kaskaden schicksalhafter Tiefschläge.
Als wäre drohende Arbeitslosigkeit und der vor sich hinsiechende Ort nicht Tristesse genug, wandert Baze auch noch wegen eines unglücklichen Autounfalls ins Gefängnis, von wo aus er hilflos zusehen muss, wie sein kranker Vater stirbt und sein aus der Armee entlassener Bruder mit dem zugegebenermaßen wenig verheißungsvollen Zivilleben in Braddock nicht zurecht kommt. Als er schließlich aus der Haft entlassen wird, muss er auch noch feststellen, dass seine Freundin - für die er zuvor Doppelgeschichten gearbeitet hatte - die Warterei nicht mehr ertragen hat. Sie hat ihn aber nicht nur einfach (für den örtlichen Polizeichef) verlassen, sondern erwartet auch noch ein Kind.
Eine solche Lawine an Nackenschlägen würde selbst bei Antihelden aus der Feder des in dieser Hinsicht wenig zimperlichen Shakespeare für einen ganzen Dramenzyklus reichen, in Coopers zeitlupenartig erzählter Rezessions-Drama wirkt dieser unnötige Overkill einfach nur enervierend und ein Stück weit auch lächerlich. Dazu kommt, dass es dem wie traumatisiert durch den Film stolpernden Bale zu keinen Zeitpunkt gelingt, trotz permanent resigniertem Blick und zahlreichen Tränenattacken so etwas wie Empathie beim Zuschauer zu entfachen. Wieder einmal zeigt sich die mimische Limitiertheit des überschätzten „Charkterdarstellers" Bale, der eigentlich nur drei Typen beherrscht. Das arrogante Arschloch („American Psycho", der öffentliche Bruce Wayne), den grüblerischen Pessimisten (Der private Bruce Wayne) und das zappelige Nervenbündel („The Fighter"). Immer wirkt er dabei auf seltsame Weise zugleich angestrengt und gelangweilt, was es ungemein schwer macht, sich mit seinen Figuren zu identifizieren.
Während man also mal wieder dem nur vordergründig groß aufspielenden Bale in einer noch dazu fast auf der Stelle tretenden Trübsal-Geschichte zusehen muss, bekommen die mit erheblich vielschichtigeren Möglichkeiten ausgestatteten Kollegen lediglich mimische Krümel hingeworfen. Forest Whitaker ist als wenig tatkräftiger Polizeichef und privater Rivale Bazes völlig verschenkt und kann der blassen Figur in seinen wenigen Szenen keinerlei Profil verleihen. Willem Dafoe wird vom unausgegorenen Skript auch nicht gerade mit potentiellen Glanzauftritten versorgt und ist als Kleinganove bestenfalls Edelsupport. Zoe Saldana als Bazes Ex-Freundin ist der gewohnten Schminke beraubt ebenso blass wie ihre Vorstellung und Sam Shephard ist als Bazes treuer Freund zwar der einzig halbwegs positiv denkende Charakter, wird in dieser Funktion aber dramaturgisch sträflich vernachlässigt und ist damit nicht mehr als ein überflüssiger Sidekick. Zu guter letzt bleibt auch Casey Affleck als Kriegsheimkehrer mit Aggressionsproblem eine schablonenhafte Figur, für die man kaum Sympathien empfindet, geschweige denn mit der man mitleidet.
Das wiegt umso schwerer, da Bazes Bruder der eigentliche Motor der Handlung ist und dessen Verschwinden in den Bergen den eigentlichen Racheplot erst in Gang bringt. Denn in der zweiten, etwas temporeicheren Filmhälfte bekommt das gesellschaftskritische Familien-Drama dann „endlich" dem mit dem deutschen Titel angekündigten Vigilanten-Schlenker verpasst, der das festgefahrene Ruder aber auch nicht mehr herumreißen kann. Rodney hat sich entgegen dem Rat Pettys mit dem in den Bergen als Redneck-Drogenbaron residierenden Harlan DeGroat eingelassen. Woody Harrelson spielt diesen brutalen Psychopathen als tickende Zeitbombe zwischen Wahnsinn und Tumbheit und schafft es als Einziger seiner Figur Leben einzuhauchen. Die Gefährlichkeit DeGroats ist förmlich greifbar und mit der Fahrt Rodneys und Pettys in die Appalachen steuert Bazes Familientragödie geradezu zwanghaft auf ihren finsteren Höhepunkt zu.
Letztendlich fragt man sich, was Cooper mit seiner zweiten Regiearbeit eigentlich wollte. Denn trotz geradezu greifbarer Ambitioniertheit, eines durch und durch stimmigen Settings - passend rostig bebildert von gekonnter Kameraarbeit - sowie geballter Ausnahmekompetenz auch vor der Kamera, hat er praktisch nichts Relevantes zu erzählen. Das Zerrbild des American Dream anhand wirtschaftlicher Rezession und damit einhergehender kleinstädtischer Implosion ist weder filmisch unbeackertes Gebiet, noch eine in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit fundamental neue Erkenntnis.
Der Film hat also keinerlei mehrwertrelevante Botschaft, die er noch dazu in einem unerträglich schleppenden Tempo geradezu episch auswalzt. Der Selbstjustiz-Schlenker in der zweiten Hälfte kommt zwar vorhersehbar, wirkt aber dennoch innerhalb des Gesamtkonzepts nicht stimmig und wird durch einige arg holprige Konstruiertheiten des unglaublich drögen Skripts mehr schlecht als recht eingeläutet. Schon auf dem Papier kann sich das für den namhaften Cast nicht sonderlich spannend gelesen haben. Schade um das in diesem Fall sinnlos verschleuderte Talent. Insgesamt ein über weite Strecken aufreizend langweiliger Film, den man getrost im Feuerofen des Vergessens verheizen kann.