Wenn es unter den „Avengers" jemanden gibt, dem man - abgesehen natürlich von dem selbstverliebten Egomanen Tony Stark - auch außerhalb der Gruppensitzungen gerne zusieht, dann ist es der hammerschwingende Donnergott Thor. Anders als der etwas blasse und steife Superpatriot Captain America, oder der schüchtern-fahrige Wissenschaftler Bruce Banner, besitzt Thor eine gehörige Portion entwaffnenden Charme, der sein aufgeblasenes Ego ein ums andere Mal erfrischend konterkariert. Auch optisch sticht er sämtliche Mitstreiter mühelos aus, wenn er mit wallender Mähne in blitzender Rüstung durch seine Feinde hämmert. Schon sein erster Leinwandauftritt war dementsprechend ein rundum gelungenes, augenzwinkerndes Superheldenspektakel, das neben flotter Action auch eine Menge Humor zu bieten hatte. Die Vorraussetzungen für einen Nachschlag konnten also besser kaum sein.
Das sahen wohl auch die Macher des finanzierenden Marvel-Studios ganz ähnlich. Schon die Besetzungsliste macht deutlich, dass man mit „Thor - The Dark Kingdom" unbedingt an den erfolgreichen Originalfilm anzuknüpfen gedachte. Neben Chris Hemsworth in der Titelrolle sind auch Sir Anthony Hopkins und Rene Russo (Thors Eltern) wie auch Nathalie Portman (Dr. Jane Foster) und Stellan Skarsgard (Dr. Selvig) wieder mit von der Partie. Eine zentrale Rolle übernimmt zudem erneut Tom Hiddelston als Thors zwielichtiger und intriganter Bruder Loki, eine durchaus clevere Entscheidung, avancierte doch Hiddleston spätestens mit seinem Bad Guy-Auftritt in „The Avengers" zum Liebling der Fans und sorgte für die entscheidende Prise „menschlicher" Bosheit inmitten all der gesichtslosen Monster und Fantasy-Krieger auf Seiten der Gegner. Ein wenig schade ist, dass Thors „Clique" seiner engsten Freunde diesmal lediglich Kurzauftritte gegönnt sind, denn aus diesem illustren Trupp wäre auch dramaturgisch noch so einiges heraus zu holen, aber vielleicht hat man sich diese Möglichkeit auch für einen dritten Teil offen gelassen.
Der einzig nennenswerte Unterschied zur Original-Mannschaft ist dann auch nicht vor, sondern hinter der Kamera zu finden. Regisseur Kenneth Branagh wurde durch Alan Taylor ersetzt. Und diese Veränderung ist leider deutlich zu spüren. Während bei „Thor" Branaghs Vorliebe für Shakespeare-Stoffe sowohl in der Interaktion der Figuren wie auch in der pomphaften Ausstattung Asgards unverkennbar waren, ist der merklich düsterere Grundton und Look des Sequels zweifellos Taylors „Game of Thrones"-Erfahrungen geschuldet. Auch die Schwerpunktverlagerung in Richtung Fantasy dürfte auf die Neubesetzung des Regiestuhls zurück zu führen sein. Die Erde ist in „Thor - The Dark Kingdom" nur ein Nebenkriegsschauplatz unter vielen. Viel spielt sich im allgemeinen in dem Universum der neun Welten ab und im besonderen in Thors Heimat Asgard.
Die eigentliche Handlung ist - vergleichbar den früheren Marvel-Verfilmungen - relativ simpel und dient lediglich als Vehikel für visuelle Schauwerte, aufwändige Actionszenen und verbale Kabbeleien. Letztere sorgen dann immerhin für die dringend benötigte Portion Kurzweil in einer ansonsten recht belanglosen Story um ein das Universum bedrohendes Elixier, mit dem die Dunkel-Elfen unter ihrem finsteren Anführer Malekrit die Macht an sich reißen wollen. Regisseur Taylor und sein Autorenteam verlieren sich dabei in einem unausgegorenen Mix aus „Herr der Ringe", „Game of Thrones" und „Star Wars"-Anleihen. Hier wird erst deutlich wie gekonnt Branagh im ersten Teil die verschiedenen Facetten des Thor-Universums austarierte und mit einer feinen Note Selbstironie abschmeckte. Taylor wirkt dagegen mit all den Zutaten überfordert und liefert eine eher angestrengte Leistung ab.
Was den Film schließlich doch noch über den Superhelden-Durchschnitt rettet, ist das bestens aufgelegte Ensemble und dabei insbesondere die süffisant-zwielichtige Vorstellung Tom Hiddelstons. Das Zweckbündnis zwischen Thor und Loki gehört klar zu den gelungenen dramaturgischen Einfällen des Drehbuchs und bietet reichlich Raum für gepfefferte Dialoge und überraschende Wendungen. Hier läuft auch Hemsworth zu gewohnt großer Form auf, während er ansonsten inmitten des insgesamt übertriebenen Effektgewitters öfters mal eher verloren wirkt.
„Thor - The Dark Kingdom" ist also ein launiger Nachklapp mit ein paar Schönheitsfehlern. Der neue Regisser Alan Taylor schwingt das Regiezepter leider nicht mit der Souveränität und Leichtigkeit seines Vorgängers Branagh und überbetont unnötigerweise den Fantasy-Aspekt, was den Film letztlich austauschbarer und redundanter macht.
Das beinahe komplett aus dem ersten Teil übernommene - und erneut prächtig harmonierende - Darstellerensemble macht dieses Manko zumindest in so weit wett, dass auch die Fortsetzung noch genügend Spass macht um einen dritten Auftritt zu rechtfertigen. Eine Rückkehr von Kenneth Branagh wäre dabei allerdings mehr als wünschenswert, schließlich hätte auch dessen Muse Shakespeare garantiert seine Freude an den Intrigen am Königshof von Asgard sowie an der Hassliebe der ungleichen Thronfolger-Brüder Thor und Loki gehabt.