Fliegende Kamera
Richard Linklaters „Slacker“ liebt man oder hasst man, fühlt man oder eben nicht, versteht man oder man schläft ein - dazwischen gibt es wohl wenig. In der ziemlich perfekten, einzigartigen und treffenden Stimmumgscollage der frühen 90er-Jahre fährt er mit der Kamera (und nur mageren 3000$ Budget!) durch die Straßen von Austin, Texas, auf denen sich eine Menge mittelalter, gebildeter, aber nicht selten recht blanker Menschen rumtreiben, ihre Wege kreuzen und... sich unterhalten?! Denn mehr passiert eigentlich nicht in diesem langen Skit. Doch wie flott, humorvoll und interessant das Ganze inszeniert und geschrieben ist, wie hier aus der Not mal wieder die berühmte Tugend gemacht wird, das ist schon bemerkenswert. Damals wie heute.
Ein Slacker - das würde ich in etwa mit „Abhänger, Gammler, Chiller, Träumer, Versager, stillen Revoluzzer, Lebender“ übersetzen. Und von dieser Art gibt es in Linklaters Kultfilm eine Menge. Das Script bietet ein paar der besten Zeilen, die ich je gehört habe (vielleicht sogar etwas improvisiert?!), die vielen Amateur(!)-Darsteller wirken nicht nur echt, sie sind es auch, und selbst wenn man sich natürlich erstmal damit anfreunden muss, dass keine klassische Geschichte erzählt wird und dass man zu kurze Zeit mit den einzelnen Leuten verbringt, um tiefergehende Sympathie aufzubauen, kann ich mir dem ganz speziellen Sog dieses „göttlichen Auges“ einfach nie entziehen. Egal ob der Film nebenbei läuft, man nur mal kurz reinschaut oder ihn konzentriert im Kino mit Gleichgesinnten bewundert, egal ob man ganz bei der Sache oder high ist, egal ob man ihn das erste oder das fünfundzwanzigste Mal sieht - „Slacker“ ist ein Phänomen. Von Verschwörungstheorien und Anarchisten, Madonnas Mumu und hypnotisierenden Fernsehen, Kunst und Realität, Staat und Volk, Überwachung und Freiheit. Kurz: der Magie in den kleinen Dingen des Lebens und dem ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Altman wäre stolz.
Fazit: eine Perle des modernen, amerikanischen Indiekinos - wild und ruhig, alles und nichts, überall und nirgends, innovativ und anders, banal und wichtig, nebenbei und mittendrin. Muss man sich drauf einlassen, so ganz ohne Geschichte, länger gehende Charakterzeichnungen und bleibende Figuren - aber dann einer der besten Dialog-, Monolog- und Moodmovies seiner Zeit, Generation, Epoche. 90er Total!