Cole Haddons Serienkreation gibt der überfilmten Figur des Dracula zwar ein paar neue Kniffe, keine aber, die eine Wiedererweckung nötig gemacht hätten. Als Großindustrieller wird er eingeführt, erleuchtet von Teslaspulen und Glühbirnen, die ein angehendes neues Zeitalter symbolisieren. Geselligkeit, diplomatische Fähigkeiten und Redegewandtheit stehen auf seiner Vita. Der Kontrast zum klassischen Burggrafen aus den meisten Verfilmungen ist offensichtlich, mindestens ebenso sehr wie das Konzept, auf dem die zehn Episoden beruhen: gute alte Rache unter dem Deckmantel des modernen Fortschritts verstecken und im Geheimen Vergeltungspläne schmieden.
Das größte Problem ist offensichtlich der Hauptdarsteller selbst: Jonathan Rhys Meyers mag auf dem Papier eine gelungene optische Entsprechung Draculas abgeben, wirkt aber viel zu schmächtig, unbedrohlich und in Hinblick auf die Figurenkonzeption auch zu uncharmant gegenüber beiderlei Geschlecht. Wie soll auch eine Serie über den Vampir-Archetypen glücken, wenn dieser nicht jede Szene an sich reißt, in der er zugegen ist? Es gibt Schauspieler, die mit viel weniger Screentime eine viel höhere gefühlte Präsenz erzeugen könnten. Rhys Meyers hingegen vermag in keinerlei Richtung Bedeutsames zu vermitteln.
Der zentrale Komplex um Mina Harker ist mehr oder weniger unversehrt vorhanden, wird aber völlig emotionslos abgehandelt. Selbst die zwei, drei brutaleren Einschübe (abgerissene Arme, aufgespießte Körper) nimmt man eher ungerührt zur Kenntnis, die Darstellung des Vampirismus hat man sogar lange Zeit nicht mehr so unoriginell und unspektakulär gesehen wie hier.
Interessanter ist die Neuausrichtung Van Helsings, die zu einer ungewohnten Nähe zwischen ihm und Dracula führt. Dass er ausgerechnet von Thomas Kretschmann gespielt wird, der selbst gerade erst Dracula gespielt hatte, gibt dem Ganzen nochmal einen besonderen Kniff. Weiterhin verleihen die mit Van Helsings Forschungen verknüpften technischen Gerätschaften der Serie, die im Drehort Budapest durchaus schöne Fleckchen findet, immerhin einen schmucken Steampunk-Look, der in einer explosiven Finalfolge mündet.
Doch die Konflikte sind insgesamt einfach zu schwach für einen Serienstoff, dessen Naturell es ist, in jeder Szene das Pathos zu beschwören. Das Versagen lastet seitens des Drehbuchs ebenso schwer wie in der Umsetzung vor der Kamera.
Man kann trotz allem mal einen Blick riskieren, wenn man anständig produzierte Historienstoffe nach dem Muster von „Ripper Street“ zu schätzen weiß. Für mehr hätte es zumindest eines charismatischeren Hauptdarstellers bedurft. Ob „Dracula“ – wie so viele Serien – erst in der zweiten Staffel richtig losgelegt hätte, wird man nie erfahren. Der Cliffhanger am Ende der letzten Folge ist offensichtlich einer, der um das Schicksal der Serie noch nicht wusste; mit etwas Fantasie lässt er sich aber immerhin zu einem offenen Ende umdeuten, das den Zuschauer selbst zum Drebuchautoren einer nie realisierten zweiten Staffel macht.