„Abyss“ - das war 1989 die nach „Piranha II – Fliegende Killer“, „Terminator“ und „Aliens“ nach Auffassung der FSK bisher familientauglichste Regie-Arbeit des Kanadiers James Cameron, für die er erneut auch das Drehbuch verfasste. Sein hochbudgetiertes Unterwasser-Science-Fiction-Spektakel erhielt eine FSK-12-Freigabe und hat weit weniger Horror zu bieten, als man seinerzeit vor Veröffentlichung annahm. Ich beziehe mich in meiner Kritik auf den längeren Director’s Cut.
Ein Atom-U-Boot ist im Meer unweit der kubanischen Küste versunken. Die Navy ist auf die schnelle und professionelle Hilfe einer mobilen Bohrplattform und deren Taucher angewiesen, um es zu bergen, bevor sowjetische und kubanische Spionageschiffe es erreichen und ein Hurrikan zu wüten beginnt. Ferner hat die Navy Interesse daran, an Bord des U-Boots gelagerte Atomwaffen zu bergen, wovon die eigentlich mit der Suche nach Überlebenden beauftragte Besatzung der Bohrplattform nicht sonderlich begeistert ist. Es kommt zum Konflikt zwischen den Navy Seals um den langsam aber sicher den Verstand verlierenden Lieutenant Hiram Coffey (Michael Biehn, „Terminator“) und Bohrmeister Virgil „Bud“ Brigman (Ed Harris, „Creepshow“). Zwischen allen Stühlen setzt die Chefkonstrukteurin der Plattform, Dr. Lindsey Brigman (Mary Elizabeth Mastrantonio, „Scarface“), geschiedene Ex-Frau Brigmans, der sich ihr emotional noch stark verbunden fühlt. Doch plötzlich fällt die elektrische Versorgung aus und der aufgezogene Starksturm fordert seinen Tribut. Mitten in all dem Chaos tauchen seltsame Wasserwesen auf, die zunächst von nur wenigen, später von immer mehr Besatzungsmitgliedern gesichtet werden. Offenbar ist man nicht allein…
Seine Charaktervorstellungen gestaltet Cameron zunächst mit vielen Seifenoper-Elementen, bedingt durch das Aufeinandertreffen der geschiedenen Brigmans, zwischen denen das letzte Wort offensichtlich noch nicht gesprochen ist. Das aufwändig gestaltete Unterwasser-Ambiente sorgt für konfliktverschärfende Klaustrophobie, die es unmöglich macht, den Meinungsverschiedenheiten etc. aus dem Weg zu gehen. Das gesunkene U-Boot entfacht eine internationale Politik-Krise. In Minute 42 erscheint erstmals ein unidentifizierbares Objekt auf der Bildfläche, spielt jedoch noch eine untergeordnete Rolle in Anbetracht faszinierender Unterwasseraufnahmen des Wracks voller Leichen und den zahlreichen Katastrophenszenarien an Bord, die Erinnerungen an „Das Boot“ wach werden lassen. Nachdem Besatzungsmitglied „One Night“ (Kimberly Scott, „Flatliners - Heute ist ein schöner Tag zum Sterben“) zu Beginn noch dem Two-Tone-Klassiker „Too Much Pressure“ lauschte, der sich augenzwinkernd auf den Unterwasserdruck bezieht, besteht der folgende Soundtrack in erster Linie aus ständigem Marschgetrommel, was die Dominanz der Navy Seals und die militärische Bedeutung der Mission verdeutlicht. Die erste richtige Begegnung „von Angesicht zu Angesicht“ mit den eigenartigen Lebensformen erfolgt erst nach 65 Minuten mit einer, ähem, schwulen Qualle, gefolgt von einem rosa Riesenrochen. Einmal abgesehen von der Farbgebung überraschen mich diese Konfrontationen wenig, denn meine ganz eigene Theorie besagt ohnehin, dass die noch weitestgehend unerforschten Ozeane voller außerirdischer Lebewesen sein müssen, die im Laufe der Jahrtausende ins Meer geplumpst sind.
Seinen ersten richtig großen Spezialeffekt-Trumpf spielt „Abyss“ nach etwas über 80 Minuten aus, wenn ein genial animierter, transparenter Wasserwurm mit schemenhaften Konturen verblüfft und sogar ein menschliches Antlitz annehmen kann. Diese wegweisenden Computereffekte stammen von „Industrial Light & Magic“, die auch für die vielgerühmten „Terminator II“-Effekte verantwortlich zeichnen und hier bereits einen Vorläufer der dort verwendeten Morphing-Technologie zeigen. Die Kamera sorgt sogar kurz für eine subjektive Point-of-View-Perspektive des Wesens. Die Musik wird fröhlicher und unter der gestressten Besatzung herrscht endlich einmal wieder gute Stimmung. Diese währt jedoch nicht lange, denn Cameron widmet sich wieder verstärkt dem Interessenskonflikt der Parteien und den daraus resultierenden heftigen Unterwasser-Stunts und -Kämpfen. So unübersichtlich diese bisweilen auf den Zuschauer wirken, so gewinnt der Film doch deutlich an Spannung. In einer berührenden Szene sind sich die Brigmans längst wieder näher gekommen und Lindsey opfert sich in einer ausweglosen Situation, will freiwillig ertrinken, um anschließend wiederbelebt zu werden. Ein hochemotionaler Moment, der auf dramatische Weise sowohl das noch immer (oder wieder?) bestehende Vertrauen zwischen den ehemaligen Eheleuten als auch die inneren Konflikte Buds unter Beweis stellt und Entscheidungen einfordert, die niemand im Publikum jemals wird treffen müssen wollen. Cameron fährt Achterbahn mit den Gefühlen seiner Zuschauer, wenn er sie in eindringlichen Szenen lange im Unklaren darüber lässt, ob die Reanimation erfolgreich ausgehen wird.
(Achtung, spätestens ab jetzt folgen Spoiler!) Wer nun warum genau dieses oder jenes tut, trat während meiner Erstsichtung – insbesondere nach diesen aufwühlenden Momenten – zusammen mit jeglicher Sachlichkeit in den Hintergrund, dennoch blieb „Abyss“ dramaturgisch fesselnd. Das Pathos bricht sich bahn, wenn im Zuge einer selbstlosen Bombenentschärfung der Märtyrer-Tod gestorben wird. Zum nach dem militärischen Drill des Einstiegs immer emotionaler gewordenen Film passt das, zumindest besser als Schwarzeneggers Abgang in „Terminator II“ wenige Jahre später. Überhaupt wird „Abyss“ zu einem für Cameron-Verhältnisse ungewöhnlich pazifistischen Film, der vor dem Hintergrund des (eigentlich kurz vor seinem vorläufigen Ende stehenden) Kalten Kriegs die Angst vor einem Atomkrieg zwischen den Weltmächten aufgreift und in US-kritischer Form sämtliches Säbelrasseln verurteilt. Zum Niederknien ist dann die tricktechnisch formvollendete Reise Buds an der Hand eines Außerirdischen durchs Unterwasserreich, das von den extraterrestrischen Wesen bislang unerkannt beherrscht wird. Dort befindet sich nicht nur eine Atemzone für Bud, sondern auch das aktuelle TV-Programm in Überlebensgröße. Wie Cameron und sein Team hier die verschiedenen Elemente und Ebenen miteinander verweben, ist schon eindrucksvoll. Doch anstatt den Film mit der Rüge für die Menschheit durch die Wasser-Aliens zu beenden, setzt Cameron noch einen drauf und präsentiert Bilder einer stehenbleibenden (!) Flutwelle, die im Begriff ist, die starkfrequentierten Strände zu erfassen. Der Soundtrack spielt dazu erhabene, epische Musik.
Zusammengefasst ist „Abyss“ ein Cameron-typisch technisch beeindruckender Film, der nach Ausflügen des Regisseurs in Dystopien und ins Weltall bis auf den Grund taucht, um sein positives Karma zu verbreiten, in Zeiten des politischen Umbruchs Hoffnung zu spenden und zu Solidarität und Menschlichkeit aufzurufen. Obwohl durchaus intelligent gemacht, hadere ich dennoch etwas mit der oberflächlich bleibenden Aussage, die wenn überhaupt nur im Ansatz die Gründe für Kriege aufgreift und in ihren Allgemeinplätzen trotz 610 Meter Tiefe etwas Tiefgang vermissen lässt. Vielleicht spricht aus mir auch gerade nur desillusionierte Zyniker, der seit „Abyss“ zigfach miterlebt hat, wie selbst die größten Kriegstreiber unverhohlen von Frieden zu reden wagen. Unzweifelhaft ist jedoch, dass Cameron verstärkt auf Sentimentalität setzt, dabei in Richtung fast schon Spielberg’schen Kitsches tendiert und zentimeterdick aufträgt, was ihn vorerst in meiner konservativen Bewertung einen Punkt kostet. Auch muss ich zugeben, dass ich manch Nebenrolle als interessanter besetzt empfand als die Hauptrollen. Die Kombination aus Katastrophenszenario und (zumindest lange Zeit) tragischer Liebesgeschichte erinnert zudem bereits an seinen 1997er Welterfolg „Titanic“ und das Happy End trägt dafür Sorge, dass „Abyss“ nach fast drei Stunden wirklich niemanden (mehr) wehtut.