James Camerons „Abyss“ ist ähnlich wie „Deep Star Six“ und „Leviathan“ ein Tiefseefilm, geht aber inhaltlich weniger dem Horrorgenre zugewandte Wege.
Ein amerikanisches, mit Atomraketen bestücktes U-Boot verfolgt ein seltsames Objekt durch die tiefe See – bis in einen gewaltigen Unterwasserabgrund. Doch das wendungsfähige Objekt kann entkommen, während das schwerfällige Gefährt gegen die Wand kracht und dort liegen bleibt. Damit beginnt Camerons Werk atmosphärisch ohne zuviel vorwegzunehmen, auch wenn man bereits ahnt, dass das Objekt außerirdischen Ursprungs ist – und nicht russischer Herkunft, wie viele Charaktere hier vermuten. Aber der Film spielt ja auch zu einer Zeit, in der der Kalte Krieg noch aktuell war bzw. entstand in ihr.
Da die Rettungsmannschaften der Navy zu weit entfernt sind, greift das US Militär zu einer ungewöhnlichen Maßnahme. Die erste Unterwasserbohrstation für Öl soll sich zu dem Graben bewegen, eine Seal-Team aufnehmen und mit diesen das Wrack bergen – auch wenn einige Militärs der angeblichen Chaotentruppe und Virgil ’Bud’ Brigman (Ed Harris) nicht ganz vertrauen. Die Truppe der unkonventionellen Ölbohrer dürfte sicherlich Inspiration für Michael Bays Helden aus „Armageddon“ gewesen sein, auch wenn „Abyss“ kaum Gags im Gegensatz zu diesem enthält.
Zusammen mit dem Seal-Team unter der Leitung von Hiram Coffey (Michael Biehn) fährt auch Buds Ex-Frau Lindsey (Mary Elizabeth Mastrantonio) herunter, welche die Bohrstation konstruiert hat. Bei der Bergungsaktion brechen nun diverse Streitereien aus: Bud und Lindsay streiten sich, das herrische Seal-Team überschreitet teilweise seine Kompetenzen usw. Dies ist nicht gerade hilfreich, denn in der Tiefe wartet noch etwas ganz anderes…
„Abyss“ ist im Gegensatz zu vielen ähnlichen Filmen nicht auf plumpen Horror aus, sondern stellt Camerons wohl ambitioniertesten Film dar. Leider ist Cameron nicht unbedingt der Mann der leisen Töne, denn die meisten seiner Werke bewundert man aufgrund der Effekte und der Action. So wird die moralische Botschaft am Ende mit dem Holzhammer in die Köpfe geklöppelt und das auch noch sehr ausgiebig, obwohl jeder Zuschauer den Wink mit dem Zaunpfahl auch direkt versteht. Immerhin beschreitet Cameron bei der Gestaltung der Aliens neue Wege, die weder dumpfe Killer á la „Alien“ oder „Predator“ noch plumpe Knuddelfiguren á la „E.T.“ sind, doch ich will nicht zuviel verraten. Als wahre Bedrohung entlarvt Cameron hier die Menschheit, was vor allem durch Coffey deutlich wird, der sich absolut in Kalte-Kriegs-Paranoia verstrickt sowie die politischen Verwicklungen, die über der Meeresoberfläche beim Sinken des U-Boots beginnen.
Handwerklich kann sich der Film sehen lassen, denn hiervon versteht Cameron etwas. Die Unterwasseraufnahmen sind malerisch und sehen absolut klasse aus; zudem gibt es eine große Anzahl davon. Action darf man nicht soviel erwarten, aber ein nettes Duell unter Wasser gibt es dennoch zu bestaunen. Neben der Atmosphäre sind auch die Effekte sehr gelungen; lediglich gegen Ende sehen die Tricks etwas antiquiert aus, aber man muss auch das Alter des Films berücksichtigen.
Was dem Film leider vollkommen abgeht, ist Tempo. Cameron erzählt seinen Film sehr gemächlich, stellenweise sogar etwas langatmig. Dabei gewinnen die Figuren leider nicht soviel Tiefgang, wie man sich wünscht; lediglich Bud und Lindsey werden ausgiebig charakterisiert. Hierbei gewinnt „Abyss“ eine stellenweise sehr romantische Note, die aber gelegentlich ins Kitschige kippt, z.B. bei der Reanimation oder dem Abstieg. Dies sind dann auch die Szenen, die an den Nerven des Zuschauers zerren, da Cameron seinen Film hier einfach zu sehr auswalzt und es verpasst auf den Punkt zu kommen. So kommt die Spannung auch auf ein nur durchschnittliches Niveau.
Ed Harris gibt eine ordentliche Vorstellung auf hohem Niveau, auch wenn er nicht ganz an seine Glanzleistung in „The Rock“ heranreicht. Mary Elizabeth Mastrantonio ist ihm ebenbürtig und auch Michael Biehn erweist sich bei dieser wiederholten Zusammenarbeit mit James Cameron als brauchbarer Fiesling, auch wenn seine Rolle etwas oberflächlich bleibt. Die restlichen Nebendarsteller können sich ebenfalls sehen lassen und agieren recht überzeugend.
Handwerklich top und atmosphärisch dicht, doch leider nicht so außergewöhnlich wie die meisten anderen Filme Camerons: Dafür ist der Film einfach zu langatmig und die Botschaft zu sehr mit dem moralischen Zeigefinger eingebläut. So bleibt ordentliches Abenteuerkino mit schicken Bildern, das von mir 6,5 Punkte erhält.