Der beruflich gescheiterte New Yorker Ex-Polizist Matthew Scudder (Liam Neeson) hilft aus eher privaten Motiven bei der Aufklärung einer Mordserie, bei der die Erpresser ihre entführten weiblichen Opfer zerstückeln. Mit der Erfahrung aus seinem früheren Beruf, seiner ganz eigenen Intuition sowie der unerwarteten Hilfe eines Strassenkindes gelingt es ihm am Ende, die gefährlichen Psychopathen zur Strecke zu bringen. A Walk Among the Tombstones, so der Originaltitel dieses Thrillers, spielt sich zwar kaum auf Friedhöfen ab (eher in tristen Hinterhöfen, schäbigen Wohngegenden oder auch gepflegten Anwesen diverser Rauschgifthändler) weist aber schon dezent darauf hin, daß es hier mal wieder um Mord und Totschlag geht.
Die wichtigste Erkenntnis vorab: es geht also doch - der seit seiner Entdeckung als Oskar Schindler zuletzt in zahlreichen Actionrollen (96 Hours, Non stop, Run all night etc.) eher in stupider Rambo-Manier herumballernde Liam Neeson kann immer noch Charakterrollen übernehmen, die er auch glaubhaft rüberbringt.
Bei einem Treffen ehemals Süchtiger erfährt Scudder (Neeson) nebenbei von dem scheußlichen Mord an einer Frau - zunächst interessiert, lehnt er private Ermittlungen dann erst einmal ab, da der Auftraggeber/Betroffene selbst ein Drogendealer ist. Dan Stevens als erstaunlich schmalbrüstiger, ja beinahe intellektuell wirkender Dealer Kenny Kristo, dessen Frau ermordet wurde obwohl er das Lösegeld bezahlt hatte, schafft es dann aber doch, Scudders Cop-Instinkte zu wecken. Der ermittelt dann erst einmal in verschiedene Richtungen und stellt sich dabei nicht immer besonders geschickt an, wie bei einer recht auffälligen Erkundigung in einem Shop, was ihm Prügel einbringt - ebenso jedoch (und noch viel wichtiger) die Sympathie des Zusehers, da man sich mit diesem gebrochenen Helden, der sich stets unaufdringlich und korrekt verhält, gerne identifiziert und jederzeit mitfiebern kann. Dieser Scudder ist kein unfehlbarer Superheld, sondern muß selbst noch Lehrgeld zahlen und hart arbeiten an der Lösung - als er von einem Dach auf die gegenüberliegende Wohnung herunterschaut, wird er selbst beobachtet, ohne es allerdings zu bemerken. Solchermaßen dann überraschend entdeckt, meistert er die Situation durch argumentative Überzeugung: Der wankelmütige, zum Mord entschlossene Verdächtige legt sein Messer freiwillig zu Boden...
Gelungen ist auch die kleine Buddy-Story in A Walk Among the Tombstones, als Scudder den auf der Strasse lebenden schwarzen Jungen TJ (Brian Bradley) trifft, der ihm - zunächst unerwünscht - bei den Ermittlungen hilft. Obwohl etwas klischeehaft angelegt, agiert der an Sichelzellenanämie leidende TJ überzeugend unspektakulär, und auch Scudder (z.B. seine Moralpredigt bezüglich Schusswaffen) handelt so unaufdringlich, daß hier eine glaubhafte Verbindung zwischen den beiden entsteht.
Ungewohnt bodenständig sind auch die Perspektiven dieses Films, der nicht nur am Schluß reichlich dystopisch wirkt, zeigt er doch viele gebrochene Menschen - die Opfer (zumindest ein überlebendes), die Hinterbliebenen, die (vergeblich) ermittelnden Cops, rückfällige Drogensüchtige, ganz normale Menschen aus der Nachbarschaft (netter Einfall: Das Erinnerungsvermögen bezüglich einer Werbeaufschrift an einem Lieferwagen), erstaunlich kultivierte und zurückhaltende Drogenbosse (ganz anders als man dies beispielsweise aus The Sopranos kennt), einen Mitwisser, der Selbstmord begeht, ja selbst die Täter sind Geschädigte - gänzlich unsympathische Psychopathen zwar, deren Beweggründe ähnlich wie in 8MM - Acht Millimeter in nihilistischen Erklärungsversuchen verlaufen, ohne jemals die wahren Gründe aufzudecken, aber dennoch Geschädigte, die ausserhalb jeglicher menschlicher Normen ihr grausames Verhalten relativ selbstbewußt durchziehen.
So bleibt am Ende ein überdurchschnittlicher Thriller über menschliche Abgründe, in angemessenem Tempo erzählt und routiniert abgefilmt, den man sich auch gerne ein zweites Mal anschaut. 8 Punkte.