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Eigentlich ist das eine recht geschickte Geschäftsidee: Die Frau eines Großdealers entführen und gegen Geld wieder freilassen. Man kann davon ausgehen, dass der Dealer nicht die Polizei einschaltet, und das Geschäft in Ruhe über die Bühne gehen kann. Allerdings ist dies nur die halbe Wahrheit – In Wirklichkeit haben die Typen, die hinter der Entführung stehen, niemals die Absicht gehabt, die Frau wieder freizulassen. Im Gegenteil wird sie noch während der Entführung getötet, und das in einem Stil, für den das Wort Bestialisch nicht mal ansatzweise eine Beschreibung ist.
Der Dealer, Kenny Kristo, engagiert über seinen drogenabhängigen Bruder den Ex-Cop und ohne Lizenz ermittelnden Privatdetektiv Scudder. Und Scudder findet bald heraus, dass Kenny nicht der einzige ist, dessen Frau entführt und viehisch abgeschlachtet wurde. Scudder kennt viele Leute in New York, und weil es ihn offiziell kaum gibt, und weil Scudder jeden ernst nimmt, mit dem er zu tun hat, haben die Leute im Umkehrschluss auch Vertrauen zu Scudder. Und melden sich bei ihm, wenn wieder eine Frau entführt wird. Dieses Mal ist es die 14-jährige Tochter eines Russen. Scudder stellt ein „Team“ zusammen, bestehend aus einem halbwüchsigen Straßenjungen, einem Dealer und einem Junkie. Und geht damit gegen zwei kranke Irre vor, die entführte Frauen stückchenweise über die Stadt verteilen …

Klingt irgendwie … krank …, diese Inhaltsangabe. Da könnte man einen Slasher draus machen, einen bluttriefenden und effektstrotzenden SAW-Nachzügler, oder halt einfach einen ekelhaften und völlig verschmodderten Film. Und was macht Regisseur Scott Frank? Da möchte ich mich aus meinem Text zu Franks Erstling DIE REGELN DER GEWALT von 2007 selber zitieren: „Mir gefällt, wie Scott Frank sich die Zeit nimmt um die Charaktere einzuführen, die Geschichte von Grund auf aufzubauen, und einfach Wert legt auf klassisch-altmodisches Storytelling. Mir gefällt, wie die Schauspieler [..] mit ihren Rollen verwachsen und das Leben am Rand der Gesellschaft so natürlich darstellen, als würde es kein anderes geben. [..] Ein ruhiges und sich geschickt steigerndes Krimi-Drama, das mit einer unglaublichen Logik zielsicher auf einen bleihaltigen Schluss hinsteuert.“ Der Schluss ist hier allerdings nicht bleihaltig sondern vielmehr gewalttätig, was zu RUHET IN FRIEDEN auch erheblicher besser passt. Aber sonst sehe ich in diesen beiden Filmen einen Regisseur am Werk, der fast unter dem Radar ruhige und gleichzeitig gewaltstrotzende Großstadtdramen mit einer Selbstverständlichkeit inszeniert, die einen staunen lässt. Liam Neeson läuft durch die Straßen, er redet, er schaut seinen Liam Neeson-Blick, er läuft, er redet … Und dabei steigt ganz unmerklich die Spannung, sammeln wir gemeinsam mit ihm Bruchstücke von Informationen, die ganz allmählich den Blick auf ein Verbrechen lenken, dessen Monstrosität schaudern lässt. Auch ganz ohne blutige Details, und gerade deswegen. Niemand muss sehen, wie Leila Alvarez wirklich zu Tode gekommen ist – Das, was wir sehen, und was damit das Kopfkino auslöst, das reicht vollkommen zum Fürchten.

Zwar scheint die eine oder andere kleine Episode überflüssig, und sind nicht alle Gespräche immer zielführend, aber im Gesamtbild ergänzt sich das alles zu einem großen und schmutzigen Gemälde einer großen und schmutzigen Stadt, in der viele Menschen leben und dies vor allem nebeneinander her. Wenn man sich dieses Gemälde dann genauer anschaut fällt auf, dass der Film sehr viel mit der Vorspiegelung von Tatsachen, mit Lügen und mit Scheingebilden zu tun hat: Der Detektiv der so tut als ob er ein Cop wäre, der aber nicht einmal eine Lizenz zum privaten Schnüffeln hat. Die Dealer die so tun als wären sie Bauunternehmer oder Schauspieler (und im Grunde ihres Herzens beide gutbürgerlich sind). Der taffe Straßenjunge TJ der so tut als ob er der megacoole Gangstarapper ist, und hinter dessen rauer Schale sich viel Talent und noch viel mehr Angst versteckt. Die Killer die so tun als ob sie DEA-Agenten seien. Jeder hat seine Fassade, und jeder meint, dass er sein wahres Ich verbergen muss. Der Titel, A WALK AMONG THE TOMBSTONES, könnte sich also auch auf diese steinernen Mienen beziehen, auf diese Fassaden die etwas Kaltes und Abweisendes darstellen sollen, während doch tatsächlich in jedem Menschen die Gefühle brodeln. Scudder kommt nicht so richtig damit klar, dass er einmal aus Versehen ein Kind erschossen hat. Die Dealer kommen nicht damit klar, dass ihre Familienangehörigen entführt und zerstückelt werden. Und Peter, der kleine Bruder von Kenny Kristo, kommt mit seinem ganzen Leben nicht klar und ist an der Nadel gelandet, trotz allerbester Grundvoraussetzungen. Als echter Straßenjunge hat TJ wahrscheinlich am meisten Übung darin, sein wahres Ich zu verschleiern, und seine Angst zu übertünchen. Die Angst, im Regen zu stehen, und an seiner seltenen und brandgefährlichen Krankheit zu sterben …

Scudder bewegt sich souverän zwischen all diesen Grabsteinen menschlicher Existenz, und gerade diese Souveränität ist das was den Film ausmacht. Es gibt der Handlung bei all ihrer Kälte eine menschliche Note, Scudder scheint wie der einzige Mensch zwischen Toten. Oder eben zwischen Grabsteinen. Und jeder, mit dem er spricht, taut ein kleines bisschen auf, und jeder sieht ein wenig von seiner Fassade bröckeln, von seinem eigenen Grabstein absplittern. Das ist, neben der coolen und spannenden Krimihandlung das Schöne an diesem Film – Dass er seine wenigen Knalleffekte gekonnt und zielsicher verteilt, und dazwischen eine richtige Geschichte erzählt. Eine Kunst, die in den 2010-er Jahren der Filmgeschichte allmählich immer seltener wird …


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