Review

„Gedanken-Espresso"

Wie so häufig wenn unverbrauchte Stoffe im großen Stil funktionieren, dauert es für gewöhnlich nicht lange bis Ähnliches ein paar Etagen tiefer versucht wird. Jüngstes Beispiel ist der Mystery-Thriller „Mindscape", der einige Parallelen zu Christopher Nolans Blockbuster „Inception" aufweist. In beiden Fällen geht es um die Fähigkeit in die Gedankenwelt anderer Menschen einzudringen, um dort verborgene Informationen zu beschaffen.
Während Nolan actionreich und bildgewaltig mit den potentiellen Möglichkeiten von Traummanipulationen herumspielte, nähert sich der Spanier Jorge Dorados der phantastischen Thematik sicher auch budgetbedingt eher auf subtile und psychologische Weise. Auch bei ihm geht es um das Platzieren falscher Informationen in fremden Gehirnen bzw. um das Aufspüren (un-)bewusst versteckter Fakten, allerdings auf einer ungleich persönlicheren und enger gefassten Ebene.

So ist „Mindscape" zwar kein Kammerspiel, aber doch im wesentlichen ein Zwei-Personenstück, bei dem sich der Mind-Detective John Washington und seine Klientin Anna Green einen cleveren gedanklichen Schlagabtausch liefern, bei dem bald völlig unklar ist, wer hier wen analysiert, manipuliert oder therapiert. Vordergründig hält Washington alle Kontrollfäden in der Hand. Engagiert von Annas verzweifelten Eltern, soll er via Gedächtnisanalyse herausfinden, ob es sich bei der unter einer Essstörung leidenden Jugendlichen um eine hilflose Traumapatientin, oder doch eine manipulative Soziopatin handelt.
Allerdings hat auch der vermeintlich souveräne und abgeklärte Mind-Detective schon bessere Zeiten gesehen. Seit dem Selbstmord seiner Frau, den er trotz seiner ausgewiesenen Fähigkeiten nicht verhindern konnte, ist der einzige Star der Abteilung nur noch ein alkoholisierter und deprimierter Schatten seiner selbst. Vielleicht gerade deshalb stimmt schnell die Chemie zwischen den beiden und John legt relativ mühelos und zügig Schicht um Schicht aus Annas düsterer Erinnerungswelt frei. Doch gerade als er sich kurz vor dem Ziel wähnt und die drohende Abschiebung Annas in eine Nervenheilanstalt abgewendet scheint, beginnen die vermeintlich klaren Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion zu verschwimmen ...

Wie in den allermeisten Zeitreise- bzw. Zeitebenenszenarien ist auch „Mindscape" nicht in letzter Konsequenz logisch, schlüssig und plausibel. Dennoch gelingt es Dorado bis zum etwas zu offensichtlich angekündigtem Schlusstwist ein enormes Maß an Spannung und atmosphärischer Dichte aufzubauen. Das liegt zum einen an den kühl stilisierten Bildern Oscar Faunas („The Orphanage", The Impossible"), der das kanadische Montreal als düster-mysteriöse (fiktive) US-Metropole visualisiert. Einen ähnlichen Look besitzen auch die in Barcelona gedrehten Innenaufnahmen, so dass Bildsprache und Plot eine symbiotische Einheit bilden.
Zum anderen profitiert der Film aber auch intensiv von dem wunderbaren Zusammenspiel der beiden Protagonisten. Der auf Bad Guys abonnierte Engländer Mark Strong zeigt dabei in seiner ersten Hauptrolle, dass er erheblich mehr zu bieten hat, als Sherlock Holmes, Kick-Ass, Robin Hood oder John Carter den Marsch zu blasen. Als John Washington ist er gleichzeitig desillusioniert, optimistisch, einfühlsam, verwirrt und engagiert. Die 20-jährige Taissa Farmiga (jüngste Schwester Vera Famigas) zeigt ein ähnlich vielschichtiges Repertoire und legt Anna mal als hilfebedürftiges Opfer, mal als kecke Verführerin, mal als naive Unschuld, mal als schlagfertige und scharfzüngige Zynikerin an. Die vielzitierte Chemie zwischen den beiden Darstellern ist dann schließlich der entscheidende Kitt für das Zusammenhalten der nicht unbedingt originellen, aber definitiv spannenden Geschichte.

„Inception" für Arme wäre demnach eine etwas unfaire Herabwürdigung. Wer sich von ersterem berauschen ließ, wird auch bei „Mindscape"  lohnendes entdecken. Zu Nolans üppigem Hauptgang verhält sich Dorades Film wie ein abschließender Espresso. Ein stilsicherer, dezenter Nachklapp mit eigener Note. Eine unaufdringliche, aber geschmackvolle Ergänzung.

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