Review

Blacksmith Scene (1893) von William K.L. Dickson
Roundhay Garden Scene (1888) von Louis Aimé Augustin Le Prince
Woman Spanking a Baby (1887) von Eadweard Muybridge


Innovationen der Filmästhetik aus der Zeit vor den Filmpalästen & Kinos

Das frühe Kino, das sind: Wogende Wellen, Straßenansichten mit Kutschen und Passanten, ankommende Züge, Arbeiter (welche eine Fabrik verlassen), Schleiertänze, exotische Artisten, tanzende Hunde und stop motion-Tricks, bei denen Köpfe rollen oder Objekte aus dem Nichts erscheinen bzw. verpuffen. Man kann daraus - wie Siegfried Kracauer in seiner Theorie des Films mit ihrer Errettung der äußeren Wirklichkeit - zwei Tendenzen ableiten; eine, welche mit der Montage die Realität ins Phantastische umformt - und eine, welche innerhalb der Einstellung eine Bewegung wiedergibt. Méliès ließ sich tendenziell für die eine, Lumière tendenziell für die andere Richtung als Beispiel anführen. Méliès setzte sich scheinbar durch und es dauerte eine ganze Weile, ehe - z.B. mit Tarkowskij - wieder die Bewegung in der Einstellung zurecht als entscheidende kinematographische Qualität gewürdigt worden ist.

Dass es durchaus eine Kunst - und keine Selbstverständlichkeit - ist, Bewegungen eindrucksvoll einzufangen, zeigen Blicke auf den frühen Film, der vor 1895 und ab 1874 oder 1878 entstanden ist. (Oder auch schon ab 1834, wenn man die laufenden Bilder des Zoetrops berücksichtigen will.) Der Astronom Pierre Jules César Janssen hielt 1874 (in Nagasaki, 50jährig) die "Passage de Venus" fest: Rund vier Dutzend Aufnahmen des 1874er Venustransits zeigen, wie sich die Venus allmählich vor die Sonne schiebt, wo sie schließlich als kleiner, schwarzer Fleck am Rande des leuchtenden Runds erscheint. Ein vollständiges Vorbeiziehen wird nicht festgehalten; was jedoch festgehalten worden ist, zeigt bereits eine klare Bewegung zwischen einer benennbaren Ausgangssituation und einem benennbaren Ergebnis: Zu Beginn ist nur die Sonne zu sehen, derweil die Venus noch in der Schwärze des Alls verborgen bleibt. Das Ende des "Films" tritt dann ein, wenn die Venus schließlich zur Gänze vor der Sonne zu sehen ist. Das hat bereits eine klare Dramaturgie: Von der Unsichtbarkeit zur völligen Sichtbarkeit verläuft die Bewegung in "Passage de Venus". Eine ähnlich erstaunliche Dramaturgie präsentierte zwei Jahre darauf Eadweard Muybridge mit seinem ersten Zoopraxiscope-"Film" "Sallie Gardner at a Gallop" (1878): Ein knappes Dutzend Photographien zeigt das Rennpferd Sallie Gardner mit seinem Jockey beim Gallopp, um die Frage zu klären, ob es beim Gallopp einen Zeitpunkt gibt, bei welchem keines der Beine des Pferdes den Erdboden berührt. (Es gibt ihn.) Auch hier gibt es eine abgeschlossene Bewegung, die allerdings zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrt: In den Zoopraxiscope-Vorführungen konnte das Pferd - nach Vorbild der Zoetrop-Bilder - in Endlosschleife am Galloppieren gehalten werden. (Zugleich konnte man auch die einzelnen Stadien als unbewegliche Photographien nebeneinander bewundern.)

Kaum hatten sich die laufenden Aufnahmen ein wenig etabliert, kaum hatten sich die Möglichkeiten, laufende Bilder herzustellen, vervielfältigt, da kam zunächst auch diese geschlossene Bewegung ein wenig abhanden. Kein Entstehen astronomischer Phänomene, keine rhythmischen Bewegungsstudien entstanden, sondern z.B. ein Gruß in die Kamera wurde festgehalten. In "Dickson Greeting" (1891) grüßt Filmpionier William K. L. Dickson in die Kamera. Fraglos eine sympathische Geste, die über 125 Jahre später auch eine Menge Melancholie hervorruft. Aber die kurze Bewegung des Hutes, die Dickson da vollführt, ist aus filmästhetischer Sicht der Rede kaum wert. Ähnliches gilt für den jahrgangsgleichen "Men Boxing" (1891), in welchem immerhin die Unterarme eine vollständige Kreisbewegung ausführen dürfen... eine runde Sache ist aber auch das kaum. Wesentlich beeindruckender fällt hingegen Dicksons berühmte "Blacksmith Scene" aus. Es hat seinen Grund, dass dieser Dickson wesentlich beliebter ist, als vorangegangene Beispiele: Der filmhistorisch sicherlich interessante Punkt, dass es sich hierbei um den ersten beworbenen und kommerziell ausgewerteten Film handeln soll, dürfte wenig damit zu tun haben. "Blacksmith Scene" ist ein toller Film, weil er wirklich eine Szene vermittelt: Da stehen drei Schmiede um einen Amboß, beginnen mit ihrer Arbeit, legen (nach einem nicht allzu auffälligen Schnitt oder Filmriss) ihre Werkzeuge ab, trinken der Reihe nach einen Becher leer, beginnen wieder zu schmieden, um dann am Ende des Films den mittleren Schmied noch etwas Feinarbeit leisten zu lassen. Das ist kein klassischer Dreiakter, aber es hat eine grundsätzlich dramatische Bewegung, es hat Rhythmus und eine klare Struktur; es gibt hier eine Inszenierung, welche die Bewegung der Figuren vor der Kamera etwas komplexer und geordneter ausfallen lässt.
Später hat Dickson noch manch andere - aus filmhistorischer Sicht denkwürdige - Filme gedreht: Den ersten Filmauftritt von Westernlegende Annie Oakley ("Annie Oakley" (1894)), einen frühen Tonfilm-Versuch ("Dickson Experimental Sound Film" (1895))... aber nichts davon besitzt den Anmut dieser "Blacksmith Scene", die schon im Titel große Ambitionen erkennen lässt und bei aller Kürze doch so glaubwürdig - wenngleich sichtbar gestellt - ein charakteristisches Geschehen auf wenige Sekunden komprimiert und dabei über einen stimmigen Einstieg, einen Höhepunkt und einen Ausklang verfügt.
8/10

"Roundhay Garden Scene" ist ein anderer früher Filmklassiker aus der Zeit vor den Kinos, der aus den Arbeiten seines Schöpfers heraussticht: Louis Aimé Augustin Le Prince, der am 16. September 1890 unter bis heute ungeklärten Umständen verschollene Filmpionier, hat im Laufe seiner kurzen Karriere vier Filme in den Jahren 1887/1888 angefertigt. Diesen Werken ist die überaus kurze Laufzeit von etwa ein, zwei Sekunden gemeinsam - aber "Roundhay Garden Scene" ist sicher der sympathischste, witzigste und gewitzteste dieser Filme. "Man Walking Around the Corner" (1887) zeigt, was der Titel verspricht - oder vielleicht noch nicht einmal das: Ein Mann schaut zu Beginn noch in Richtung der Kamera, um gleich in den ersten frames eine Kurve zu machen und nach links in die Bildmitte zu schreiten. Anfang und Ende ereignen sich abrupt, der Höhepunkt (die Kurve) ist bereits zu Beginn zu sehen. Es ist gewiss aufregend, diese frühen Bewegtbilder zu sehen, aber über Eleganz, Vitalität, Rhythmus verfügen sie noch nicht. Das gilt auch für die kurze Straßenansicht in "Traffic Crossing Leeds Bridge" (1888) und den tänzelnden Akkordeon-Spieler in "Accordion Player" (1888) - "Roundhay Garden Scene" gibt sich da etwas verspielter und erkennt vor allem die Bedeutung gut sichtbar in Szene gesetzter, strukturierter Bewegung: zwei Herren und zwei Damen aus Le Princes familiären Umfeld befinden sich in einem Garten. Eine der Frauen tritt - schwarz gekleidet - auf der Stelle, derweil ein weiß gekleideter Mann sichtbar beschwingt im Halbkreis um sie läuft und am Ende des Films Richtung Kamera blickt, dann aber von der Frau vor ihm verdeckt wird. Links neben der Frau befindet sich - etwas weiter im Vordergrund - eine weiß gekleidete Frau, welche der Kamera allmählich den Rücken zudreht, derweil ein schwarz gekleideter Mann einen großen Bogen um sie macht (und am Ende ebenfalls der Kamera den Rücken zudreht). Auch dieser Film beginnt - und endet vor allem - etwas abrupt, ist aber nicht bloß dynamischer, vitaler (und etwas alberner) als die anderen Filme, sondern behandelt die abgeschlossenen Wechsel von der Vorder- zur Rückansicht (und umgekehrt). Als wissenschaftliche Bewegungsstudie taugt das freilich wenig, aber als amüsanter, rein ästhetischer Blick auf vielfältige Bewegungen ist "Roundhay Garden Scene" einen Blick wert - wenn auch diese Szene nicht jene Anmut, Dramaturgie, Anschaulich- & Glaubwürdigkeit besitzt, welche Dicksons fünf Jahre später folgende "Blacksmith Scene" auszeichnet.
6,5/10

Eadweard Muybridge, der größte Pionier des Bewegtbildes, begann wie erwähnt mit Zoopraxiscope-Werken, welche meist eine geschlossene Bewegung aufwiesen, um in Endlosschleife laufen zu können: galloppierende Pferde, rennende Bisons, trabende Katzen, fliegende Vögel, gehende Männer, Jungen beim Bockspringen... In den 1880er Jahren entstehen Unmengen von Bewegungsstudien, wobei das Interesse an Menschen, an bekleideten und nackten Männern und Frauen zunimmt, während zugleich der wissenschaftliche Ansatz einem ästhetischen Interesse weicht: Frauen rauchen und räkeln sich, werfen sich ins Heu oder verbergen verschämt mit ihren Händen ihre Blöße. Diese Bewegungen ergeben auch keine fließend wiederholbaren Schlaufen mehr.
Dennoch entstammt gerade diesen Aufnahmen eine ästhetische Innovation: Im Grunde hatte Muybridge schon immer mit dem bullet time-Verfahren gearbeitet, welches später durch "Matrix" (1999) populär wurde - mehrere Kameras machen aus verschiedenen Perspektiven Aufnahmen, welche dann den Eindruck einer Fahrt ergeben, sofern man sie entsprechend aneinander reiht. Doch in früheren Werken wie "Sallie Gardner at a Gallop" bleibt der Hintergrund neutral: Ross und Reiter wirken, als würden sie auf einem Laufband laufen; oder neben einer seitwärtsfahrenden Kamera vor eintönigem Hintergrund. Ganz anders verhält sich das etwa in "Woman Spanking a Baby". Die nackte Frau, die ein Kleinkind über ihr Knie legt, um ihm den Hintern zu versohlen, wird aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen, welche in ihrer Aneinanderreihung den Eindruck einer 540°-Fahrt um beide Personen ergeben. Diese Szene, bei der nicht so ganz klar ist, ob ein wissenschaftliches, ästhetisches oder erotisches Interesse am (Frauen)körper ausschlaggebend war, fällt als Bewegtbild trotz der Kreisfahrt nicht unbedingt rund aus: Der Film beginnt und endet abrupt, die vermeintliche Kamerafahrt stellt keine Möglichkeit einer sauberen Endlosschleife mehr her... allerdings besitzt diese spektakuläre "Fahrt" eine Dynamik, welche in Stummfilmzeiten frühestens in den späten 10er Jahren - wenn nicht gar erst Mitte der 20er Jahre - annähernd wieder erreicht wird. Die Dynamik mag nicht an "Matrix" heranreichen, aber der Eindruck unbändiger Vitalität ist enorm. Dieser passionierte Blick auf die Körper, dieser vitale Blick der vermeintlich kreisenden Kamera kommt zu dieser Zeit ohne jede Konkurrenz daher und weist Muybridge als leidenschaftlichen Visionär aus. (Leidenschaften trieben ihn auch als Privatmann um: 1874 erschießt er einen Liebhaber seiner Frau.) Eines der am schönsten bewegten Bewegtbilder seiner Zeit... 8/10

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