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“Am Anfang war das Feuer” ist eine Geschichte über die Entwicklung der Menschheit im Rahmen einer über Jahrtausende währenden Evolution und Adaption an die neuen Gegebenheiten, welche als Früchte der Erde entwachsen. Es wird ein Teilausschnitt dieser ewig währenden Kette gezeigt, in der ein entscheidender Sprung vollzogen wird.
Unter Wissenschaftlern und Experten hält sich schon lange die These einer Stufenentwicklung, der zufolge die Evolution kein fließender Prozess ohne Übergänge ist, sondern eine Abfolge von plötzlichen Entwicklungsschüben, die jeweils ganz abrupt in kürzesten Zeitperioden erfolgen. Filmemacher Jean-Jacques Annaud (“Der Name der Rose”, “Duell - Enemy at the Gates”) nimmt sich nun, möglicherweise allerdings auch etwas forciert durch das limitierte Rahmenfenster des Filmformats, dieser These als Hintergrund an und setzt sie hinter einen semidokumentarisch gedrehten Film, der bezüglich seiner Ausdrucksstärke nur in Stanley Kubricks “2001 - Odyssee im Weltraum” seinen Meister findet.

Atmosphärisch taucht der Zuschauer von der ersten Minute an direkt ins Geschehen ein. Er wird sozusagen direkt in die Vergangenheit zurückgesetzt und folgt den Bildern als passiver Beobachter so, als sei er selbst mitten in der urzeitlichen Wüste aus Steinen, Pflanzen, Erde, Wasser und Feuer gefangen. Hauptverantwortlich für diese Intensität ist der vollkommene Verzicht auf verständliche Dialoge oder einen Off-Kommentar, welcher erinnernd an eine Tierdokumentation den dokumentarischen Aspekt in den Vordergrund geschoben hätte. Das wäre aber nicht Sinn und Zweck von Annauds Vergangenheitsreise gewesen. Vielmehr soll der Betrachter an seine eigenen Wurzeln erinnert werden und seine eigene genetische Abstammung in den verfremdeten Verhaltensformen des Ulam-Stammes und seiner Feinde wiedererkennen. Bei einer reinen Dokumentation ist dies nicht möglich; deutlich spürbar befindet sich dort die Glasscheibe des Fernsehers zwischen Zuschauer und Inhalt. Nicht so bei Annaud.
Dementsprechend tendiert der reine Informationsgehalt gegen Null. Überhaupt rezipiert man Informationen nur über Mimik und Gestik der Hauptdarsteller sowie durch ihre Aktivitäten und Aufeinandertreffen mit anderen Spezies. Ob diese Treffen in der Form tatsächlich stattgefunden haben, wird nicht deutlich und steht auch nicht zur Debatte.

Im Vordergrund stehen die Verhaltensweisen der Darsteller. Wesentlich teilen sich zwei Protagonisten und zwei Begleiter den Großteil der Screentime. Die Ausgangslage sieht wie folgt aus: Der rückständige Ulan-Stamm wurde von Neandertalern angegriffen und verlor dabei fast alle Mitglieder, aber noch schlimmer, das Feuer. Anzumerken ist, dass das Feuer als Zentrum des Lebens vorzeitlicher Gemeinschaften galt. Es hielt Raubtiere von der Gruppe weg, es ließ sich zur Zubereitung von Nahrung verwenden und war einfach in jeder Hinsicht ein Vorteil gegenüber rivalisierenden Kommunen. Nun werden von den Ulam die drei stärksten Männer (Everett McGill, Ron Perlman, Nameer El-Kadi) ausgesandt, um wieder in den Besitz des Feuers zu gelangen. Auf dem Weg begegnen ihnen allerlei Gefahren in Form von Mensch und Tier. Bei einer Gruppe von Menschenfressern stoßen sie auf ein junges Mädchen in Gefangenschaft namens Ika (Rae Dawn Chong), Angehörige eines weiterentwickelten Stammes, die sich fortan der Gruppe anschließt.

McGill, Perlman, El-Kadi und Chong haben nun begrenzte Möglichkeiten der Ausdrucksweisen zur Verfügung. Während die drei Darsteller des Ulam-Stamms durch Masken agieren müssen, ist Chong über Gesicht und Körper vollkommen bemalt. Das Schauspiel erfolgt daher größtenteils über die Augen, was speziell beim Hauptdarstellerpaar McGill und Chong eine lobende Erwähnung wert ist. Der anfangs angesprochene plötzliche Sprung in der Evolution vollzieht sich nämlich in “Am Anfang war das Feuer” zwischen diesen beiden Figuren. McGill und Chong hatten nun die schwierige Aufgabe, den verwirrenden Sprung vom reinen Notwendigkeitsdenken, in dem die Gemeinschaft wie auch die darin enthaltene Gewalt und der Sex nur eine Art des Überlebens sind, zur Entwicklung zwischenmenschlicher Liebe und sozialer Bedürftigkeiten aufzuzeigen. Bedenkt man die Dimensionen dieses Sprungs, kommt man fast zu dem Schluss, dass es sich hier um den Gewinn der essenziellen Bedeutung der Anthropologie handelt. Es wird die Liberalisierung von der biologischen Notwendigkeit des Seins gezeigt, wodurch eben jene um die Sozialität und Soziabilität, die Fähigkeit und Notwendigkeit zum sozialen Handeln, erweitert wird. Und dies darzustellen, ist im eigentlichen Sinne gerade in einem Film von 96 Minuten Dauer ein Ding der Unmöglichkeit. Zumindest aber im Sinne der repräsentativen Symbolik gelingt es den Hauptdarstellern, genau dies deutlich zu machen, diesen Wandel darzustellen.
Eine wichtige Stütze dafür ist natürlich die Gestik, die eigentlich noch mehr verrät als jeglicher Gesichtsausdruck. Obwohl mir die Verhaltensweisen mitunter gar noch etwas zu “menschlich” bzw. “modern” schienen, begibt sich die Körpersprache der Beteiligten immer wieder in den Dienst der Deixis und weist auf materielle oder geistige Sachverhalte hin. Dafür gibt es diverse Beispiele: Als sich eine Stammesfrau etwa am Fluss bückt, um Wasser zu holen, missversteht ein männliches Stammesmitglied dies als Einladung zum Sex und folgt seinem Trieb gedankenlos. Ein anderes Mal wird eine Frau, die gerade vergewaltigt wurde (was übrigens angesichts der fehlenden sozialen Normierung hier als natürlicher Prozess dargestellt wird) durch das etwas verächtliche Werfen eines Stückes Fleisch für ihre Taten “belohnt”, wobei die anschließende Handbewegung einen deutlichen Einblick in das Gedankenleben des Mannes gibt. In diesen Szenen vollzieht sich die Evolution dann tatsächlich evolutionär, also in kleinen, kaum erfassbaren Schritten, die sich nuanciert weiterentwickeln hin zu dem, was wir jetzt sind. Man wird folgerichtig daran erinnert, dass auch wir nicht das Ende der Entwicklung sein müssen, sondern uns selbst noch entwickeln, nur Teil eines immer währenden Prozesses sind, dem kein Lebewesen dieser Welt, nicht einmal der urzeitliche Hai, vollständig widerstehen kann.

Ein drittes Kommunikationsinstrument findet sich in der Sprache der Vorzeitmenschen. Romanautor Anthony Burgess (“Clockwork Orange”, “Der Fürst der Phantome”) schuf eigens für diesen Film eine urzeitliche Sprache, die den Akteuren zur rudimentären Verständigung dienen sollte. Burgess legte die Sprache insgesamt onomatopoetisch an, was bedeutet, dass sie lautmalerisch orientiert ist und die einzelnen Silben sich mit den natürlichen phonetischen Ausdrucksweisen des Menschen - Lachen, Geschrei und Gestöhne - schneiden. Durch diesen Ansatz wirkt das gesamte Sprachkonstrukt sehr natürlich und realistisch. Da auch hier über die rein informative Schiene nichts läuft, stehen einmal mehr Intonation, Sprachrhythmus und ähnliche Faktoren im Vordergrund, die der Zuschauer zu interpretieren hat.

Wo natürlich die Kommunikation in derart primitiver Form abläuft, hebt sich der Score hervor. Und dieser verhilft dem Film schließlich zur notwendigen Struktur. Mit Bedacht wählte Komponist Philippe Sarde eine insgesamt recht zurückhaltende musikalische Untermalung, die sich in unzähligen Szenen vollkommen zurückzieht, um in Schlüsselszenen mit wohldurchdachter Dramaturgie auszubrechen und in den Klimax einzustimmen. Stets die Authentizität erhaltend, werden je nach Figur durch Flötenspiel, Bass und andere Instrumente die meist zaghaften Handlungen der Ulam kommentiert. Das angenehme Minimalspiel der Akteure bekommt somit in Sachen Ausdrucksstärke Rückendeckung, ohne selbst in die Gefilde des Overactings zur Kompensation des Sprachverlusts zu fallen.

Annaud strukturiert seinen Film beinahe episodenhaft, ohne dabei jedoch Kontinuitätssprünge in Kauf zu nehmen. Die Odyssee der drei Ulam und ihrer Begleiterin folgt einer Berg- und Talfahrt mit stets neuen Gefahren, wobei der Hauptaspekt der Herausbildung von Konventionen und sozialen Strukturen jedoch nie vergessen wird. Sehr beeindruckend ist die vorsichtige und ehrfürchtige Näherung an die Mammuts, um deren Vertrauen zu gewinnen und auf ihre Stärke gegen die Feinde setzen zu können - eine symbiotische Beziehung zwischen zwei Spezies. Man mag anführen können, dass die Mammuts alles in allem doch recht mechanisch aussehen, aber das wäre mir jetzt ehrlich gesagt zu banal.

Betrachtet man das Wesentliche, so gelingt es Jean-Jacques Annaud, mit minimalen Mitteln ein maximales Ereignis zu rekonstruieren: den Sprung in die Menschlichkeit. Als Werkzeuge zur Darstellung dienen lediglich die Augen der Hauptdarsteller, ihre Körpersprache sowie die von Anthony Burgess kreierte Urzeitsprache. Den Darstellern McGill, Chong, Perlman und El-Kadi ist es zu verdanken, dass diese Werkzeuge sinnvoll genutzt wurden, so dass der Zuschauer hautnah miterleben darf, wie sich aus reiner Lebensnotwendigkeit das entwickelt hat, was wir “Konventionen”, “Sozialität” oder “Soziabilität” nennen. Im Umkehrschluss werden wir effektiv an unsere Wurzeln erinnert. Der legendäre Jump Cut aus Kubricks “2001" mit dem geworfenen Knochen wird uns zu diesem Zwecke natürlich nicht geboten; da müssen wir dann selbst weiterdenken.

Diese Kritik erscheint auch bei www.filmbesprechungen.de

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