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In den seligen 70ern vollzog sich eine unheimliche Entwicklung in Italiens Filmindustrie, wo man langsam aber sicher den Giallo dahin siechen ließ, um sich auf die Kopien amerikanischer Erfolgsfilme mit kleinem und kleinstem Budget zu konzentrieren und dem Schmodder Tor und Tür zu öffnen.

Pupi Avati hat sich von diesem Trend nie einnehmen lassen und seine Hinterlassenschaft sind einige ungewöhnliche und stilistisch ungewöhnliche Filme und so viele Genres er auch beackert hat, seine Gruselfilme lagen schon immer erfreulich neben der Spur.

So auch bei „The House with the laughing windows“, einem Film, der streng genommen gar nicht mal richtig ein Horrorfilm ist, da in ihm nichts Übernatürliches enthalten ist und auch der Gewaltanteil relativ dezent eingesetzt. Stattdessen handelt es sich eher um einen unheimlichen Thriller, womit aber dem Gesamtwerk auch nicht ordentlich Rechnung getragen wird.

Ähnlich dem Giallo läßt sich auch hier die Hauptfigur allen Gefahren zum Trotz herab, einem mörderischen Geheimnis auf die Spur zu kommen, wenn auch Leib und Leben bei weitem nicht so oft in Gefahr scheinen, wie in den Werken Bavas oder Argentos. Um so intensiver ist allerdings die Bedrohung, die Avatis Film im Ganzen ausstrahlt, obwohl die Bilder zwischen Idylle und heruntergekommener Verlorenheit hin und her schwanken.

Die Hauptfigur, Stefano, betritt mit dem Filmbeginn für ihn unbekanntes Land im wahrsten Sinne des Wortes, steigt von einer Fähre auf eine dem italienischen Festland vorgelagerte Insel, wo er in eine fast hermetische, schräge Gemeinschaft nicht unfreundlicher, aber irgendwie seltsamer Dorfgenossen gerät, für die er eine halbzerfallene Wandmalerei in der Kirche restaurieren soll.

In fremden Umgebung, mit merkwürdigen Zeitgenossen, steigt für Stefano gemeinsam mit dem Zuschauer der Grad der Verunsicherung über die komplette Filmlänge ständig an – dafür sorgen gleich mehrere Elemente.
Zum einen war der Künstler des Bildes offenbar ein Maler der Agonie, er hat hauptsächlich Tote und Sterbende gemalt und sich vor ein paar Jahren offenbar nach seinem letzten Werk selbst in Brand gesetzt. Dazu kommt, daß der Märtyrer auf dem Bild noch ein paar Geheimnisse in petto hat, kommen bei der Restauration nach und nach doch zwei andere Gestalten zum Vorschein, die den Armen gerade blutigst erdolchen.
Gibt einem das schon seltsames Gefühl, so steigert sich die Abstrusität der Dorfbewohner die Schrägheit zur Bedrohung. Stefanos Kontaktperson ist ein kleinwüchsiger Stockträger, im Dorf macht sich ein dem Alkohol zugetaner Bewohner mit seinen Tiraden verdächtig, der Polizist ist übertrieben jovial, der Priester nett-tüdelig, der Gehilfe ein notdürftig gegen den Wahnsinn delirierender Depp und eine mit ihm angekommene Frau hat nie unbedingt den besten Ruf weg. Sein einziger Kumpel auf der Insel macht mysteriöse Andeutungen über seinen Fund (den Filmtitel) und gibt daraufhin bald den Löffel ab – und irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht.

Was an „House...“ so gut funktioniert, ist, daß eigentlich gar nichts Besonderes passiert. Tatsächlich ist der Motor der Bedrohung Stefano selbst, der aus Eigeninitiative und schierer besorgter Neugier immer weiter bohrt, um die Wahrheit über das Ableben seines Freundes und des Künstlers zu erfahren. Wie der Zuschauer will er mehr wissen und reitet damit zunehmend in sein Verderben, denn eigentlich tut man so gut wie nichts, außer ihm irgendwann zu raten, doch vielleicht besser abzureisen.
Man weiß, das diese Story ein böses Ende nehmen wird und wird doch unausweichlich magisch davon angezogen, was eine interessante Parallele zur Figur an den Tag bringt.

Spätestens, wenn Stefano fadenscheinig aus dem Hotel entfernt wird und in einem abgelegenen Landhaus unterkommt, wo er sich um eine bettlägerige Alte beinahe nicht kümmern muß, ist etwas im Busch – und dann gibt’s doch wieder eine Leiche.

Über all dem hängt eine Atmosphäre von Verlorenheit und Zerfall – das durch Wetterkatastrophen abgeschnittene Dorf, ein ehemaliger Kurort, der sich von dem Gemälde Tourismuszuwachs verspricht, ist zwar nicht gerade unfreundlich, aber irgendwie auch nicht recht lebendig, immer wieder muß man durch karge und wilde Landschaften sich kämpfen, um von einem Ort zum anderen zu wechseln.

Dabei wird kein besonders hohes Tempo angeschlagen, die Geschichte entwickelt sich eher sperrig und verspielt, läßt Raum für umgebende Betrachtungen und kommt erst gegen Ende so richtig in Fahrt, wenn man als Zuschauer endlich dazu neigt, endlich Fersengeld geben zu wollen.

Das Abgestorbene, trotz des Lichts Leblose des Ortes, der leise Zerfall, das beredte Schweigen – irgendwann weiß man nicht mehr, warum Stefano unbedingt darauf dringt, den Fall aufzuklären, spätestens wenn er der Leiche einer ihm gut bekannten Person gegen Ende gegenüber steht.
Aber das wäre natürlich eine Verschwendung an der Schlußpointe, die man sowohl als genial wie als lächerlich empfinden kann, bizarr ist sie auf jeden Fall und kann auch nicht unbedingt vorher gesehen werden.

Mehr über das Geheimnis hinter der Geschichte zu erzählen, hieße, zuviel zu verraten, deswegen soll jeder, der des Filmes (den es nicht in Deutsch, nur im Original mit englischen UT gibt) habhaft werden kann, selbst erfahren – eine ungewöhnliche Gruselerfahrung kann versprochen werden. Würde der Film nicht so zäh anlaufen und sich nicht so lange vage geben, er wäre perfekt. So ist er zumindest herausragend für die 70er. (8,5/10)

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