„Make the audience suffer as much as possible.“
Dieser Ausspruch stammt von Alfred Hitchcock, der es allerdings bei aller Spannung nie so weit getrieben hat, wie der südkoreanische Überflieger Park Chan-wook mit diesem knochenharten und bis zum Erbrechen bitteren Machwerk, das höchstens bei fragwürdigen Zeitgenossen gute Laune hinterlassen dürfte.
Erzählt wird zunächst die Geschichte vom Taubstummen Ryu und seiner Schwester, die dringend eine Spenderniere benötigt, die das Krankenhaus allerdings nicht auftreiben kann, weswegen Ryu sich an ominöse Organhändler wendet, die ihm aber nur all sein Erspartes und eine eigene Niere entwenden. Nun plötzlich hat das Krankenhaus doch eine passende Niere auftreiben können, doch Ryu hat nicht mehr das Geld um die Operation zu bezahlen. Seine anarchistische Freundin Yeong-mi überredet ihn die Tochter eines reichen Geschäftsmannes zu entführen um das benötigte Geld einzufordern. Dem Mädchen würde kein Haar gekrümmt, Ryus Schwester würde wieder gesund, die Familie der Tochter würde wieder näher zusammen wachsen, jeder hätte gewonnen. Doch natürlich kommt es anders, denn als Ryus Schwester bewusst wird, was sein Bruder für sie auf sich nimmt, möchte sie keine Last mehr sein und bringt sich um, das kleine Mädchen ertrinkt durch einen unglücklichen Zufall im Fluss.
Soweit die Einführung.
Park hat uns die Figuren vorgestellt, er hat uns mit ihnen fühlen lassen. Er hat uns sie verstehen lassen. Jetzt steuert alles auf die alles vernichtende Katastrophe zu, die sich im rachesüchtigen und verzweifelten Vater des kleinen Mädchens manifestiert. Wir wissen, dass der Film nicht nur kein gutes, sondern ein unvorstellbar grausames Ende nehmen wird, doch zögert Park dieses so weit hinaus, dass es schmerzt. Wir werden Zeuge davon, wie der Vater immer mehr abwrackt und sich, nur um sich selbst abzustumpfen, die Obduktion der eigenen Tochter anschaut. Wir werden Zeuge von Ryus eigenem Racheakt an den perversen Organhändlern, die er für das gesamte Desaster verantwortlich macht. Der Film lässt sich viel Zeit, bevor er die ersten Gewaltszenen auf den Zuschauer loslässt, aber wenn sie kommen, kommen sie gewaltig.
Präsentiert wird uns das ganze in kargen, tristen Bildern, Kamerabewegung ist aufs Minimum reduziert, keine Spur von der wilden Ästhetisierung des Nachfolgers Oldboy, die Trostlosigkeit dieses Films erinnert mehr an die Werke Kim Ki-duks.
Von der visuellen und erzählerischen Ebene abgesehen zeigt Park uns dann noch auf schmerzhafte Weise, wie fies eine Tonspur sein kann: Von der Obduktion ist nichts zu sehen, aber allein die Klänge sind zutiefst ekelerregend, die Schreie von Yeong-mi, als sie die Stromstöße einstecken muss, sind eine einzige Tortur. Und dann ist da noch das ständig präsente Gewimmer der Protagonisten, das sich letztlich sogar über den Abspann erstreckt.
Park hat hiermit sicherlich keinen schönen Film erschaffen, aber eindringlicher und bitterer kann ein Kinobesuch kaum sein. Die Figuren besitzen genug Tiefe um auch nachvollziehbar zu sein, man begreift jede ihrer Handlungen, auch die des rächenden Vaters, auch wenn man sie gewiss nicht alle gutheißt. Meilenweit ist diese Geschichte von bunten, fröhlichen Rachefilmchen wie Kill Bill entfernt, hier hat die Rache nichts Positives, es gibt keine Gewinner, nur viel Blut, Schmerz und Seelenpein.
Harter Stoff, sicher nichts für Menschen mit schwachen Nerven und Magen. Für alle anderen spreche ich eine uneingeschränkte Empfehlung aus.