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Noch bevor Chan-wook Park mit „Oldboy“ zum neuen Regiewunderkind erkoren wurde und uns mit seinen theatralischen Bilderfluten zu ersäufen drohte, schuf er mit „Sympathy for Mr. Vengeance“ eine vergleichsweise stille Reflexion über Rache, deren Auswirkung und seine nur zu schnell enden wollende Genugtuung. Der Beginn der Vengeance-Trilogie ist auch gleichzeitig der am wenigsten beachtete. Die tristen, oft trostlosen Bilder erinnern u.a. an den italienischen Neorealismus oder in ihrer kühlen, analytischen Distanziertheit an die Filme von Stanley Kubrick. Dass seine hitzig verspielte Gewaltoper „Oldboy“ auf wesentlich mehr Zuschauerinteresse gestoßen ist, verwundert also eher weniger. Die Realisierung von „Sympathie for Mr. Vengeance“ schien eine Herzensangelegenheit von Chan-wook Park gewesen zu sein, denn erst nach dem überaus erfolgreichen „Joint Security Area“ waren die Geldgeber gewillt grünes Licht für diesen zu geben und ihm freie Hand bei dessen Realisierung zu gewähren. Wie auch bei „Oldboy“ und später bei „Lady Vengeance“ wird die Spirale der Gewalt nicht durch Bosheit, sondern durch unbekümmerte Naivität, pure Verzweiflung und letzten Endes durch Liebe ausgelöst.

Die ernüchternd trostlose Geschichte handelt von dem taubstummen Ryu (Shin Ha-kyun), seiner todkranken Schwester, einem Geschäftsmann (Song Kang-ho) und seiner jungen Tochter. Nachdem Ryu seinen Job verloren hat, scheint die Hoffung seiner Schwester eine kostspielige wie lebensrettende Nierentransplantation zu ermöglichen in weite Ferne gerückt zu sein. Er wendet sich an eine skrupellose Organmafia, doch die missbrauchen seine Lage und lassen ihn nackt, um sein Geld betrogen und um eine Niere weniger in einem verfallenen Gebäude zurück. Ryus Freundin Yeong-mi drängt ihn zu dem fatalen Entschluss durch Kindesentführung und Erpressung an das dringend benötigte Geld zu kommen. Die Wahl des Opfers fällt auf den Geschäftsmann Park Dong-jin und seine Tochter.

Die kühlen Bilder verströmen das Gefühl einem groß angelegten Experiment beizuwohnen. Wie Laborratten agieren die Figuren und lösen ein ums andere Mal irreversible Schäden aus. Durch blinde Rache, auf die ausschließlich jeder der Figuren nachvollziehbare Gründe hat, oder durch grenzenlose Naivität werden die grausamsten Dinge begangen und damit eine abgründige, in konsequenten Nihilismus endende Spirale vorangetrieben. Die nicht enden wollende Gewalt wird in statischen Bildern geschildert und verfehlt seine Wirkung nicht. Die Teils recht heftigen Gewaltszenen fallen nicht eruptiv über einen her wie noch bei „Oldboy“, sondern folgen fast einer perversen Logik. Der Weg der Rache hat nichts glamouröses, gar romantisches oder führt in irgendeiner Weise zu einem befriedigendem Ziel, sondern wird von einem nahezu unbeeinflussbaren Geschick gelenkt und löst fast mit empirischer Sicherheit eine immer weitere Kreise ziehende Kettenreaktion aus.

Die Rache aller Figuren wird durch das zurückhaltende aber auch sehr fesselnde Ausleuchten des Martyriums, das sie durchstehen mussten (und müssen) nachvollziehbar und vielleicht sogar verständlich, und doch ist eine Abkehr der Gewalt bzw. der Verzicht auf die „verdiente“ Rache der einzige Ausweg aus dem Wahnsinn. Die erhöhte Warte des Zuschauers bringt damit den wahren Irrsinn einer auf Rache pochenden Gesinnung treffend auf den Punkt.
Zugegeben, diese Schilderung der Sinnlosigkeit von Rache ist nicht neu und wurde schon in zig Filmen mit leider oft moralinsaurer Botschaft mehr oder weniger befriedigend dargebracht. „Sympathy for Mr. Vengeance“ stellt sich allerdings als ein besonders konsequenter Vertreter heraus, der sich auch keineswegs in die Irrungen eines pathetisch moralinsauren Geflechts verläuft. Dass der Film kein gutes oder versöhnliches Ende nehmen kann, wird bereits in den ersten Minuten klar. Es ist ein depressiv stimmender und ja, fast misanthropischer Blick den Chan-wook Park auf diese Geschichte nimmt. Seine Figuren sind berechenbare mit aufrechtem Haupt in ihr sicheres Verderben schreitende und ausschließlich emotionsgelenkte Figuren. Besonders der Geschäftsmann löst durch seine immer grausameren Taten, Ekel und Abscheu aber erstaunlicherweise auch Empathie aus. Spätestens wenn er vor Trauer vergehend seine tote Tochter halluziniert oder der taubstumme Ryu verzweifelt eine Qual um die andere durchsteht um seiner Schwester zu helfen, entsteht beim Zuschauer eine „Grauzone“ die irgendwo zwischen den dummen wie abscheulichen Taten der Beteiligten und ihren zumindest nachvollziehbaren Gründen liegt. Eine wenn man so will passiv-neutrale Sicht wird nun auf das wilde Treiben möglich und eröffnet dadurch eine klarere Herangehensweise. Die titelgebende Sympathie für die Rächer gilt für alle Parteien und damit schließt sich eine schlichte Gut/Böse-Kategorisierung von vorneherein aus.

Sympathy für Mr. Vengeance“ ist kein richtender aber ein höchst moralischer Film. Er stellt den in Trauer und Tod mündenden Weg der Rache plausibel und schockierend dar. Lässt jede manipulative Überdramatisierung aus und bemüht sich um einen kühl entlarvenden sowie erhabenen Blick auf das gemütserhitzende Thema. So emotionsgeladen und getrieben seine Figuren, so distanziert und analytisch sein Blick auf sie.
Mit durch die Bank vorzüglichen Schauspielern besetzt und mit technisch gewohnt guter Leistung ist „Sympathy for Mr. Vengeance“ ein kompromisslos düsterer im reinen Nihilismus und kalter Gewalt endender Film, der sich in seinem drückend ausweglosen Finale wie ein heftiger Faustschlag in den nüchternen Magen anfühlt. Besteht man auf Vergleiche, so bietet sich sowohl formal als auch inhaltlich Krzysztof Kieslowskis „Ein kurzer Film über das Töten“ an.

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