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Der pensionierte Sheriff Roy (Ed Harris) lebt mit seiner Frau auf einem breiten Streifen Land an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Der Pferdefreund ist nicht sehr begeistert davon, daß häufig mexikanische Migranten die Wege auf seinem Besitz nutzen, um in die Staaten zu kommen, seine Frau Olivia dagegen sieht die Sache wesentlich entspannter. Eines Morgens macht sich Miguel (Michael Peña), Sohn eines wohlsituierten Mexikaners, auf den Weg in die USA - er hat noch einen zweiten Mann dabei, den er im Auftrag seines Vaters in die USA geleiten soll. Als die beiden den ausgetretenen Pfad auf Roys Land betreten, begegnen sie dessen Frau auf einem Ausritt, die ihnen Wasserflaschen und eine Decke schenkt. Leider sind zu jener Zeit auch drei halbwüchsige Rotznasen in der Gegend, die mit Papas Gewehren aus dem unversperrten Waffenschrank den illegalen Migranten "einen Schrecken einjagen wollen", wie sie selbst sagen. Die Schüsse auf Miguel und seinen Begleiter verfehlen ihre Wirkung nicht, aber auch Olivia, die noch in der Nähe ist und Roy auf der Farm haben sie gehört. Als nun Olivia zu den beiden in Deckung gegangenen Mexikanern reitet, fällt ein weiterer Schuß: Das Pferd bäumt sich auf und die abgeworfene Reiterin schlägt mit dem Kopf auf einem Felsen auf, Minuten später ist sie tot. Während die feigen Heckenschützen sich schnell verdrücken, hat Miguel, der auf ihren (letzten) Wunsch hin ihr Pferd einfängt, noch dessen Zügel in der Hand, als Roy am Tatort eintrifft. Die Schuldfrage scheint klar...

Aus einer Allerweltssituation heraus entwickelt sich Frontera durch die Verkettung unglücklicher Umstände zu einem fesselnden Drama, das vor allem von der starken Persönlichkeit des ex-Sheriffs Roy lebt: Eine ganz hervorragend gespielte Charakterrolle, für die Ed Harris wie geschaffen scheint. Roy ist mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung ein stiller, aber dennoch aufmerksamer Beobachter, der nicht viel Worte macht und sich gut im Griff hat - als er am Tatort eintrifft, sieht er die verängstigten Mexikaner noch flüchten, dennoch macht er von seiner gezückten Waffe keinen Gebrauch. Als er den Schmerz über den Verlust seiner Frau zu verarbeiten sucht, hilft er seinen amtierenden Nachfolgern bei der Spurensuche - und entdeckt in Form der Patronenhülsen eine eindeutig zuzuordnende Munition. Hier bekommt die gerne geglaubte Version, daß zwei Migranten die Täter waren, erste Risse. Roy ist kein Freund der Mexikaner, aber er möchte die Wahrheit herausfinden.
Die beiden Mittelamerikaner hatten sich nach dem Vorfall getrennt, und der eine ist tatsächlich straffällig geworden - inzwischen wurden sie beide geschnappt und präsentieren jeweils ihre Version der Story, die ihnen jedoch nicht geglaubt wird. Roy aber besteht auf einem persönlichen Gespräch mit Miguel - nach dieser kurzen Unterredung wird alles anders...

Neben der Ermittlungsarbeit der Polizei wird auch das Schicksal der Mexikaner beleuchtet: Miguels Frau Paulina (Eva Longoria) hatte sich ebenfalls auf den Weg in die Staaten gemacht - sie hat einen miesen Schlepper bezahlt und wird gemeinsam mit anderen in einem engen Bus in die USA gebracht. Dort jedoch werden sie in eine verlassene Garage gesperrt und um weiteres Geld erpresst - die hübsche Paulina wird sogar vergewaltigt...
Aus dieser unguten Situation heraus, die für alle Beteiligten nur Schmerz und Leid bringt, entwickelt Roy zusammen mit einer Polizistin heraus eine Strategie, wie man "weitermachen" kann - Ed Harris verkörpert hierbei einen grundsoliden Typ Amerikaner, der nichts auf vorherrschende Meinungen oder Stimmungen gibt, sondern sich selbst ein Bild macht und entsprechend handelt. Ohne allzugroßes Pathos, nur mit dem gesunden Menschenverstand und einer Portion Mitmenschlichkeit gelingt es, die verfahrene Situation halbwegs zu bereinigen. Nicht, daß alle am Ende das bekommen, was sie verdienen, ein Teil des Geschehens bleibt auch bewußt offen, aber trotz des erlittenen Leids ist ein Sonnenstrahl am Horizont zu sehen - und das stimmt den Zuschauer anhand der wenig erbaulichen Szenen zuvor versöhnlich.

Obwohl bereits 2014 gedreht ist Frontera vielleicht aktueller denn je in einem Amerika, dessen derzeitiger Präsident Trump mit seiner aggressiven Rhetorik gegenüber Mexikanern (Mauerbaupläne etc.) für eine vermeintliche(!) Rechtfertigung der Taten jugendlicher Heckenschützen sorgt - im Film ist übrigens auch ein erwachsener Amerikaner zu sehen, der mit einem Aufkleber an seinem Pick-up ("Amerikaner, die tun, was die Regierung sich nicht traut") ganz gezielt aus dem Hinterhalt mordet, indem er Migranten von hinten auf Distanz erschießt. Auch einen korrupten Polizisten, der den Schlepper-LKW gegen Bargeld durchfahren läßt sowie die miesen Methoden jener Schlepper selbst werden beleuchtet. All dies läuft in ruhigem Tempo neben- und nacheinander ab, kaum eine Szene ist kameratechnisch oder musikalisch besonders hervorgehoben - der Zuschauer mag sich selbst ein Bild machen. Ein unaufdringliches Stück heutiger USA mit normalen, nicht fehlerfreien Menschen beiderseits der Grenze und einem glänzend aufspielenden Ed Harris - sehenswert! 8 Punkte.

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