"Die durch die Hölle gehen" von Michael Cimino ist seit vielen Jahren ein anerkannter sogenannter Anti-Kriegsfilm. Im Gegensatz zu "Ein Jahr in der Hölle" von Peter Weir (siehe dazu meine letzte Review) ist dieser Film von 1978 nicht in Vergessenheit geraten, obwohl beide Filme vor einem realen politischen Hintergrund spielen, der inzwischen 30 bis 40 Jahre zurück liegt.
Und obwohl beide Filme mehr Interesse haben an der Darstellung menschlicher Beziehungen und Charaktere als an einer raffinierten Story.
Also warum bleibt der "Deer Hunter" in unserem Gedächtnis ?
Der Grund liegt für die Meisten an der sehr drastischen Darstellung der Folterung mit dem erzwungenen "Russischen Roulette" während der Kriegsgefangenschaft, einem ca. 15 minütigen Mittelteil des Werkes (Gesamtlänge fast 3 Stunden).
Dagegen wird regelmäßig die Länge der übrigen Teile kritisiert und auch der Begriff "Langeweile" fällt häufig in diesem Zusammenhang.
Das wird diesem absolut singulären Meisterwerk in keinster Weise gerecht. Für mich ist dieser Film einer der wenigen echten Antikriegsfilme ,der 1978 eine absolute Provokation darstellte wie es sonst nur Kubrick mit "Wege zum Ruhm" gelang (der lange im demokratischen Frankreich verboten war).
Die Handlung läßt sich mit wenigen Worten beschreiben, gerade weil der Film in 3 Akte gegliedert ist :
1.Akt : der Tag und die Nacht vor dem Antritt bei der Armee und dem damit beginnenden Kriegsdienst in Vietnam. Michael (Robert de Niro), Nick (Christopher Walken) und Steven (John Savage) leben als Stahlarbeiter in einer Industriestadt in Pennsylvania Anfang der 70er Jahre. Wir erleben sie an ihrem letzten Arbeitstag, in ihrer Stammkneipe mit ihren Kumpels, Steven's Hochzeitfeier am letzten Abend (kein seltener Fall bevor man in einen Krieg eingezogen wurde, besonders wenn die Freundin schwanger war) und in den Bergen bei der Jagd.
2.Akt : die 3 Männer geraten in Kriegsgefangenschaft. Hier werden sie zum "Russischen Roulette" gezwungen und unter unmenschlichen Verhältnissen gefangen gehalten. Durch Michael's Kaltblütigkeit gelingt die Flucht....
3.Akt : Nach der Flucht und dem Ende des Kriegsdienstes ist das Leben nicht mehr wie es war. Alle 3 haben schwere körperliche und/oder seelische Schäden davon getragen, die sich unterschiedlich auf ihr zukünftiges Leben auswirken, das aber niemals mehr in die frühere "Normalität" zurückführen wird.
Daß Cimino in seinem Film besonderen Wert darauf gelegt hat, darzustellen, wie sich der Krieg auf die dabei mitwirkenden Personen auswirkt, ist allgemeiner Konsens. Doch was ist Besonderes daran ? - Das konnte man schon bei Remarques "Im Westen nicht Neues" im Jahr 1930 sehen und dürfte allgemein bekannt sein.
Nein, das Besondere liegt eben in dem völligen Aussparen von Kriegshandlungen. Hier gibt es keine wie auch immer geartete Action ,die zwar oft die Greuel des Krieges anprangern will, aber gleichzeitig auch irgendwie geil ist. Wer sich an den dargestellten "Russisch Roulette"-Szenen noch etwas delektieren kann, muß schon recht abgestumpft sein, denn was hier vor allen Dingen dargestellt wird, sind die extremen Ängste, das völlige Verlieren der Selbstkontrolle, die seelische Vernichtung der Protagonisten.
Aber auch diese 15 Minuten wären zuviel, wenn Cimino sich nicht die Zeit nehmen würde die Normalität des bürgerlichen Lebens darzustellen. Und wie will man das machen ? - Normalität kann man nicht beschreiben, man muß sie erleben, nachempfinden können und das braucht Zeit.
Dazu muß man auch die politische Seite betrachten. Zu dem Zeitpunkt als Michael und seine Freunde eingezogen werden, war der Krieg schon einige Jahre alt und auch die Protestbewegung in den USA war längst auf einem Höhepunkt. Cimino wählte bewußt Menschen, die kein kritisches Verhältnis zum Staat haben und an denen diese Proteste völlig vorbei gehen.
In dem ersten Akt, in dem eine keineswegs schöne Realität in einer heruntergekommenen Industriestadt dargestellt wird - in der sich es die hier lebenden russisch stämmigen Menschen aber eingerichtet haben - schleichen zwar immer wieder kleine Vorboten des zukünftigen Grauens hinein (zum Beispiel durch die sehr schweigsame Person des schon in Vietnam gewesenen Soldaten), aber echte Zweifel am Kriegsdienst gibt es nicht.
Und auch nach der Heimkehr gibt es keine Kritik am Staat oder dem Krieg als solchem. Die Protagonisten müssen eben fertig werden mit ihrer Verkrüppelung, sei es körperlicher oder seelischer Art und sie leiden vor allen Dingen daran, daß sie selbst nicht mehr in die vormalige Normalität zurück können. Deshalb beschließt Cimino den Film bewußt mit einem gemeinsam gesungenen "God bless America".
Cimino läßt in dem ganzen Film keine Person irgendeinen philosophischen, kritischen oder auch nur irgendwie interpretierenden Satz sagen. Gerade deshalb ist sein Film so überzeugend. Er stellt einfach nur dar, ohne begleitende Musik (außer dem einen wunderschönen, selten eingesetzten Gitarrenstück) und meist mit der Handkamera gefilmt - viele Szenen, gerade die bei der Hochzeit ,wirken fast dokumentarisch.
Und das Alles funktioniert nur , weil er sich Zeit läßt. Deshalb ist der Film auch keine Sekunde zu lang.
Ciminos Botschaft ist im Grunde einfach : der Staat (und damit ist nicht nur die USA gemeint) läßt eben gerade die Menschen im Stich und liefert diejenigen aus, die ihm fast naiv folgen und Vertrauen haben in seine Fürsorge. Und das sie ,selbst nach ihrer Zerstörung, dem Staat nicht kritisch gegenüber stehen, macht dessen "Verrat" an den zu schützenden Menschen besonders deutlich.
Gerade diese Botschaft war so provozierend : den Einen fehlte die geistige Auseinandersetzung mit dem Grauen des Krieges, von Verharmlosung und Rückzug ins Provinzielle wurde gesprochen, Anderen war die Darstellung der Folter der Kriegsgefangenen zu Anti-Vietnamesisch. Aber auch gerade die Wahl des "Russisch Roulette" als Folter war ein genialer Schachzug Ciminos. Denn im weiteren Verlauf des Filmes erkennt man, daß es sich dabei geradezu um einen Volkssport handelt, den die Vietnamesen auch gegen sich anwendeten, um dabei zusätzlich ihrer Wettleidenschaft zu fröhnen. Jede andere Foltermethode hätte dagegen immer den Ruch der einseitigen Brutalität gehabt.
Das macht das Werk aber auch so zeitlos und gerade heute, mit genügendem zeitlichen Abstand zur damaligen Hysterie, erkennt man die Qualität um so mehr.
Ein absolut geniales Werk, das vom Betrachter verlangt, ein Teil des Films zu werden und sich komplett auf das dort dargestellte Leben einzulassen. Dann aber entfaltet der Film eine sogartige Wirkung, die für immer ihren Eindruck hinterläßt (10/10).