„Willkommen bei Tatort, Til!"
Keine Frage, der deutsche TV-Dauerbrenner „Tatort" hat sich noch nie durch lebensechte Charaktere, oder realistisch anmutende Kriminal-Situationen hervorgetan. Die diversen Kommissariate und deren Bewohner haben mit der bundesdeutschen Polizei-Wirklichkeit in ungefähr so viel gemein wie „Wetten dass?" mit guter Unterhaltung. Die Fälle wirken meist völlig überkonstruiert und nicht selten hanebüchen abstrus. Das gesprochene Wort hat trotz diverser - kaum verständlicher - Dialekte und nerviger Nuscheleien meist wenig mit dem alltäglich zu hörenden Sprachgebrauch zu tun und wirkt häufig entweder gestelzt, oder bemüht authentisch. Spaß macht da lediglich das Münsteraner Duo Alex Prahl und Jan Josef Liefers das zwar figurenzeichnerisch und fallbezogen jedweden Realitätsbezug beherzt über Bord geworfen hat, aber dafür zumindest humoristisch sämtliche Register zieht.
Vor diesem Hintergrund war das Anheuern des Kinostars Til Schweiger durchaus ein Silberstreif am mausgrauen deutschen TV-Horizont, denn das US-affine und erfolgsverwöhnte Multitalent stand schon immer auf Kriegsfuß mit dem besserwisserischen teutonischen Feuilleton und besitzt zudem ein untrügliches Gespür für den breiten Publikumsgeschmack. Und tatsächlich brachte sein erster Einsatz („Willkommen in Hamburg") als Hamburger Kommissar Nick(las) Tschiller frischen Wind in das morsche TV-Flaggschiff und blies eine gehörige Portion Action in die vergilbten Dramaturgie-Segel.
Leider hat Schweiger offenbar sein gesamtes Innovations-Pulver beim insgesamt zwar gelungenen, aber keineswegs überragendem Debüt verschossen. Denn bereits sein zweiter Einsatz „Kopfgeld" nervt mit den klassischen "Tatort"-Mankos und dürfte auch den nicht wenigen Schweiger-Hassern neue Munition liefern.
So ist bereits der peinliche Beginn - der Schweigers nacktes Hinterteil im Kopuliermodus zeigt - eine völlig überflüssige Narzissmus-Breitseite nach dem Motto „Seht mal her, wie knackig ich noch mit 50 daherkomme!" Diese Womanizer-Attitüde passt weit besser zu Schweigers RomCom-Figuren die ja immer auch eine komische und damit selbstironische Seite haben, bei dem knallharten und völlig humorfrei agierenden Cop wirkt es dagegen deplatziert und aufgesetzt.
Aber auch im weiteren Verlauf mutiert Tschiller zu einer Superhelden-ähnlichen Mischung aus Jack Bauer und James Bond, was im biederen deutschen TV-Krimi-Setting einfach nicht funktionieren will. Höhepunkt ist dabei die Flucht des schwer Verwundeten aus einem lokalen Krankenhaus mit unmittelbar folgender Aushebung eines Drogenlabors - quasi im Alleingang versteht sich.
Trotz dieser und ähnlicher Action-Einlagen passiert im einstündigen Mittelteil so gut wie gar nichts. In bester Tatort-Tradition ermitteln Schweiger und sein nervend auf lustig-lässig getrimmter Sidekick Yalcin Gümer (Fahri Yardin) in einem unübersichtlichen Gewimmel aus völlig klischeehaften Gangstern, ohne dabei durch so profane Dinge wie Spannung, oder überraschende Wendungen ein Mindestmaß an Unterhaltungswert zu bieten. Die Machenschaften des schon im ersten Film als Gegner installierten kurdischen Astan-Clans sind zudem so wirr wie uninteressant und bringen das wackelige Handlungsgerüst endgültig zum Einsturz.
Als finale Krönung darf man sich dann noch über eine Reihe fulminanter Logiklöcher freuen. Da schafft es ein 10-jähriger Nachwuchsgangster zwei bewaffnete Polizisten mit einem simplen Toilettentrick zu übertölpeln, nur um dann in einem situationsbedingt völlig unglaubwürdigen Initiationsritual so lange zu zögern, bis ihm das halb weg getretene Opfer endlich die Waffe entwendet. War auch ´ne geniale Idee der unter Zeit- und Erfolgsdruck stehenden Auftragsmörder, hierbei dem potentiellen Nachwuchs eine Chance zu geben. Dass ein paar Minuten später eine Polizisten nach fünf Schuss in die kugelsichere Weste wieder aufsteht als sei nichts gewesen und fröhlich weiter ballert, ist bei solchen Plot-Blödheiten dann auch schon egal.
Aber Drehbuchversager Christopf Darnstädt wollte nicht einfach nur beweisen, dass er völlig unfähig ist eine plausible Geschichte halbwegs spannend zu erzählen - was ihm hervorragend gelungen ist -, sondern führt uns auch überaus plastisch sein nicht vorhandenes Talent, Dialoge zu schreiben vor Augen, äh Ohren. Da reihen sich durchgängig seifige Platitüden und pseudo-coole Peinlichkeiten fröhlich aneinander, nur gut, dass durch das konsequente Genuschel aller Beteiligten manches erst gar nicht in die Gehörgänge vordringt. Besonders erleichternd ist das bei Schweigers Tochter Luna, die als Tschillers Spross Lenny eine uninspirierte Kopie ihrer angepissten Teenager Rolle aus Papas deutlich gelungenerem Action-Krimi „Schutzengel" abliefert und erneut den Beweis ihres Schauspieltalents schuldig bleibt.
Somit ist auch Til Schweiger recht schnell auf dem morastigen Boden der "Tatort"-Tatsachen angekommen. Unrealistisch, dröge, konstruiert und voller Ungereimtheiten stolpert Nick Tschillers zweiter Fall in die empfangsbereiten Arme der inspirationslos vor sich hindümpelnden Franchise-Familie. Von den vollmundigen Ankündigungen alles besser, frischer und aufregender zu machen ist nur noch unverständliches Nuscheln geblieben. Willkommen bei „Tatort", Til. Jetzt bist auch du endlich zu Hause.