Irgendwo in Galizien, Österreich-Ungarn, im März 1915: Die Russen sind erfolgreich vorgedrungen, im österreichisch-ungarischen Heer herrscht Unruhe. Leutnant Almasy findet sich fernab seiner Kameraden unter Russen wieder, findet jedoch Zuflucht im Hotel Imperial, wo er in die Rolle eines geflohenen Oberkellners schlüpft, derweil ein russischer General das Hotel zu seinem Stützpunkt umfunktioniert und sich eine dramatisch Spionage- & Liebesgeschichte (mit dem schönen Dienstmädchen) entwickelt. Das ist in etwa die Handlung von Lajos Birós (mindestens vierfach verfilmter) Literaturvorlage, die gerade als "Hotel Imperial" (1927) vom Schweden Mauritz Stiller als großartige Hollywood-Abenteuerromanze mit europäischem Touch umgesetzt worden ist - mit der wunderschönen Pola Negri als Dienstmädchen und mit James Hall als Almasy. Und wenn Hall als stets etwas distinguierter, schnurrbärtiger, sorgfältig gescheitelter Leutnant Almasy in der Tarnung des noblen Oberkellners im Hotel Imperial den Feind bespitzelt - und etwa zu Beginn des zweiten Drittels in einer Großaufnahme seinen Kopf bei aller Starrheit seines ansonsten stocksteifen Körpers nach vorne rücken lässt und voller Spannung und mit leiser Empörung & scharfem Blick Beobachtungen anstellt -, dann ist die Nähe von Andersons "Grand Budapest Hotel" zu diesem Klassiker aufgrund ähnlicher Auftritte des M. Gustave-Darstellers Ralph Fiennes - ähnlich herausgeputzt, ähnlich distinguiert, ähnlich unangemessen Tarnung und Ausdruck wahren Anliegens vermischend, als er sich quasi undercover als Mendel-Süßwaren-Lieferant im mehr oder weniger eigenen und von faschistischen Truppen besetzten Hotel bewegt - gar nicht zu übersehen. Auch Handlungsort & -zeit weisen vage Überlappungen auf, spielt das Geschehen doch in einem an Karlsbad erinnernden Ort namens Nebelbad im fiktiven Zubrowka der 30er Jahre.
"Hotel Imperial" ist nur einer von vielen Hotelfilmen (& -romanen), denen Anderson hier Tribut zollt: Wie in Edmund Gouldings "Gran Hotel" (1932) verleiht Anderson seinem Grand Budapest Hotel seine Übergröße, seinen glamour nicht zuletzt über einen - allerdings Anderson-typischen! - All Star-Cast, den Gouldings Klassiker 1932 erst ins Leben rief; und Saoirse Ronans hübsche, allerdings durch ein das halbe Gesicht bedenkende Muttermal in der Form Mexikos entstellte Agatha könnte von der Würde von Lewis Stones Doctor Otternschlag herrühren. Vicki Baums Literaturvorlage "Menschen im Hotel. Kolportageroman mit Hintergründen" (1929) mag mit dem im Untertitel angekündigten Mix aus Kolportage und Hintergründigkeit ebenfalls zum Vergleich herangezogen werden, was auch für Arnold Bennetts populären ironischen Kriminalroman "The Grand Babylon Hotel. Fantasia on Modern Themes" (1902) gelten dürfte, an dessen (und seiner Verfilmungen) Titel[1] "Grand Budapest Hotel" natürlich unweigerlich erinnert (zumal auch Bennetts Handlung nach Osteuropa schielt, wenngleich das Grand Babylon in London liegt), gleichwohl Anderson selbst im Abspann Stefan Zweig - an welchen Jude Law als Verfasser der Binnenhandlung auch vage erinnert - als Inspirationsquelle anführt.
Die - ebenfalls Anderson-typische! - Vorliebe für geometrisch geordnete Ensembles und etwas künstlich gestikulierende & agierende Figuren mag sich auch über Resnais' "L'Année dernière à Marienbad" (1961) radikalisiert haben, um seinem Milieu gerecht zu werden, in welchem Steifheit und Distinguiertheit erst wahre Würde und Grandezza verheißen. "The Shining" (1980) scheint mit einigen Kamerafahrten Pate zu stehen und im Interview mit Paul Katzenberger stimmte Anderson einigen Parallelen zu Bergmans "Tystnaden" (1964) zu.[2]
Neben dem Einfluss der Hotelfilme & -romane, die gerade im frühen 20. Jahrhundert boomten und europäische Kultur als Bezugspunkt Andersons ebenso mit sich bringen, wie es auch das gewählte Setting eines fiktiven osteuropäischen Staates tut, zählen auch zahlreiche - durchaus auch amerikanische - Klassiker, die europäische Kultur oder Geschichte thematisieren, zum Fundus, aus welchem Anderson hier schöpft: Das gilt vor allem für die Komödien Charles Chaplins ("The Great Dictator" (1940)) und der Exil-Europäer Ernst Lubitsch ("To Be or Not to Be" (1942)) & Billy Wilder ("The Emperor Waltz" (1948)), die sich europäischer Geschichte von der K.u.K-Monarchie bis zum Zweiten Weltkrieg widmeten und deren Tonfall zwischen monströser Tragik und schmerzhafter Komik Anderson hier recht gut trifft - wobei er Chaplins "The Great Dictator" über eine ähnliche Verballhornung der Nazi-Insignien (ZZ statt Doppelkreuz!) am deutlichsten in Erinnerung ruft. Von jüngeren Fantasien über den Zweiten Weltkrieg ist etwa Tarantinos - ebenfalls in Zusammenarbeit mit den Babelsberger Filmstudios entstandener - "Inglourious Basterds" (2009) präsent: immerhin wünscht in "Grand Budapest Hotel" ein General Stieglitz ein Zimmer mit Gartenblick und Rollbett.[3] In seiner leicht satirischen Zeichnung einer dekadenten Upperclass steht auch Max Ophüls' "Madame de..." (1953) Pate: nicht zufällig benennt Anderson die Rolle Tilda Swintons, die in herrlicher Maskerade trotz weniger Auftritte den Auslöser und die Auflösung der Binnenhandlung bildet, nach Ophüls' Klassiker Madame D.
Und noch etwas stärker ist Ophüls mit seiner Stefan Zweig-Verfilmung "Letter from an Unknown Woman" (1948) präsent, deren Wien um 1900 hier merklich nachhallt: gerade die Attraktion einer bloß imitierten Zugfahrt im Prater - fraglos eine der schönsten Szenen der gesamten Filmgeschichte! - ist in ihrer artifiziellen, illusionistischen Ästhetik ein wichtiger Bezugspunkt der Anderson-Ästhetik, der seinen Hang für Symmetrie und manierierte Anordnungen seiner Ensembles auf die (bisherige) Spitze treibt: Das zeigt sich vor allem an den Kamerafahrten vor dem Hintergrund der Miniaturmodelle des Hirschensprungs und der Standseilbahn. Und wie der Zug, der bei Ophüls - Jahre vor Mario Bava oder Fedrico Fellini! - steht und dennoch zu fahren scheint, setzt Anderson auf Eindrücke, die zugleich von enormer Statik und rasanter Geschwindigkeit zeugen. Zu diesem Zweck greift er auf symmetrische Kulissen & Bildkompositionen zurück, in denen ein Gewimmel einzelner Elemente herrscht, die von treibender, kreiselnder, auf der Stelle tretender Musik untermalt werden und die über blitzschnelle 90- oder 180°-Schwenks neue symmetrische Bildkompositionen einfangen; auch der harte, teilweise auffällig betonte und bisweilen in rascher Folge einsetzende Schnitt, der einen manierierten Symmetrismus durch den nächsten ersetzt - wobei sich (etwa im Rahmen einer Schießerei gegen Ende) die Kulissen im Schuss-/Gegenschuss-Verfahren kaum noch voneinander unterscheiden und eigentlich bloß noch der Wechsel der Figuren auf die gewechselte Perspektive verweist -, huldigt diesem Konzept, dem sich auch die stets frontal auf die jeweilige Fassade gerichtete Kamera anpasst, welche sich in Parallel-, Vorwärts- und Rückwärtsfahrten stets nur auf jeweils einer einzigen der drei Achsen des Koordinatensystems bewegt. Waren die Bilder schon früher bei Anderson zwanghaft ausstaffierte Bühnen, so hat er sie hiermit am stärksten zugespitzt: es sind filmische Entsprechungen jener mechanischen Schaubühnen & -tafeln, die einem Kinopublikum etwa in Christensens "Häxan" (1922) konserviert worden sind.
In dieser an mechanische Miniatur-Schauspiele erinnernden Ästhetik (und natürlich in der Ausstattung) steckt jede Menge Nostalgie - und man kann sich kaum vorstellen, dass Anderson zunächst einen Film über die Gegenwart geplant haben soll: Dass er sich letztlich für einen Film über den Anfang vom Ende - bzw. über den Anfang vom Ende vom Ende des Anfangs - entschieden hat, der den einsetzenden Untergang einer mit Glanz und Prunk ausstaffierten Gesellschaft behandelt und drei rahmende Erzählebenen um seine Handlung gießt, die das Publikum - in verschiedenen Bildformaten - von der Gegenwart über die Jahre 1985 & 1968 in das Jahr 1932 zurückgehen lassen, um schließlich - nach dem Finale - mit jeder Menge Wehmut und Melancholie auf den mal mehr, mal weniger tragischen Tod aller Figuren zu blicken, verleiht Andersons Film erstmalig eine wahre, zutiefst humane Größe, die bei aller Manieriertheit & Albernheit mit viel Sympathie auf das Leben blickt, das man gegen allerlei Widrigkeiten verteidigen muss, um gut und/oder angenehm zu leben, um es dann letztlich dennoch unweigerlich zu verlieren. Ein Film, der wie der Angelus Novus Walter Benjamins auf die Katastrophen & Trümmer der Geschichte blickt und dennoch wie von einem Sturm unaufhaltsam in die Zukunft getrieben wird; ein Film, der trotz aller Katastrophen und unausweichlich (früher oder später) verlöschenden Leben dazu aufruft, allen Gewalten zum Trutz sich zu erhalten... eben ein sehr europäischer Film - und ein handwerklich & dramaturgisch & konzeptionell sehr bewundernswerter Film.[4]
9/10
1.) Die Verfilmungen wären: Frank Wilsons "The Grand Babylon Hotel" (1916) und Ewald André Duponts "Das Grand Hotel Babylon" (1920), die jedoch scheinbar nicht mehr im Umlauf sind.
2.) Paul Katzenberger: Wes Anderson über die Stars in seinen Filmen - "Die sind viel reicher als ich" http://www.sueddeutsche.de/kultur/wes-anderson-die-sind-viel-reicher-als-ich-1.1909643 (23.05.2015).
3.) In der langen Spanne zwischen Stummfilmzeitalter und Gegenwart lassen sich noch diverse andere Filme entdecken, die mal deutlicher, mal unterschwelliger in "Grand Budapest Hotel" auftauchen oder nachhallen: von Hitchcock über James Bond bis Spielberg reichen die eher etwas beliebigeren Zitate, während Willem Dafoe mit bleichem Gesicht & schwarzem Ledermantel ein bisschen an Cesare aus "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1920) oder den Grafen Orlock aus "Nosferatu" (1922) erinnert, den er mehr oder weniger in "Shadow of the Vampire" (2000) bereits gegeben hatte - Figuren, die rückblickend als Vorboten des Faschismus gedeutet worden sind (und deren Aussehen zwischen Schwärze und Bleiche seit "Frankenstein" (1931) auch im US-Genrefilm als Attribut des Bösen - bzw. vermeintlich Bösen - Fuß gefasst hat).
4.) Der zudem mit seinem hohen Star-Aufgebot für viel Heiterkeit sorgt: Neben Fiennes, Swinton, Dafoe und Ronan erscheint etwa Jason Schwartzman als fauler und doch zuvorkommender Concierge, tritt Mathieu Amalric als etwas verschüchterter Butler auf, gibt Adrien Brody einen kraushaarigen, wirren Machtmenschen, tritt Harvey Keitel als mies tätowierter Häftling auf, schlüpft Edward Norton in die Rolle des schneidigen Inspektor Henckels, während Jeff Goldblum als biederer & ordentlicher Anwalt agiert; Jude Law schlüpft - nachdem er schon Dr. Watson und Dr. Jung mit Bravour verkörpert hat - in die Rolle eines Stefan Zweig-Verschnitts, Billy Murray ist als altehrwürdiger Hoteldirektor M. Ivan so komisch & charismatisch wie eh & je, F. Murray Abraham verkörpert den einsamen, melancholischen Hotelmogul Mr. Moustafa mit viel Charisma & liebenswerter Würde und Neuentdeckung Tony Revolori gibt als dessen jüngeres Ich eine herrliche Leistung ab.