Review

„Wir haben gesiegt und trotzdem haben wir verloren!“

Einer der Protagonisten von Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ liefert mit diesen Worten das passende, inhaltliche Resümee eines epischen Werkes. Ein Samurai-Film, der gleichzeitig an alte japanische Dogmen rüttelte und Vorreiter für diverse Western war. Kurosawa wurde seinerzeit in Japan kritisiert, weil er die Konventionen des japanischen Kinos brach und ein urjapanisches Genre „verwestlichte“. Edle und hoch angesehene Samurais, die ein Bauerndorf verteidigen – das war ein Novum.

Dabei ist die Einfachheit wieder einmal das Erfolgsgeheimnis. Der Film ist klar strukturiert, man nimmt sich viel Zeit für die einzelnen Plotelemente und stellt damit eine beeindruckende Nähe zu den Charakteren her. Zunächst werden die alltäglichen Probleme im Japan des 16. Jahrhunderts verdeutlicht. Bauern gehören der Unterschicht an und werden regelmäßig von Räuberbanden, die ihre Ernte stehlen, geplagt. Um sich dagegen zu wehren, wird im Kreise eines Bauerndorfes beschlossen, Samurais zu engagieren. Zunächst erscheint das Vorhaben jedoch unrealistisch. Kurosawa zeigt schon zu Beginn ein wesentliches Problem, das zugleich die Botschaft des Films zum Ausdruck bringt, nämlich Vorurteile. Klassen- und Kastensysteme sind Gesellschaftsmerkmale, Klischees und Vorurteile erschweren eine Kommunikation zwischen den Bevölkerungsschichten. Minderwertige Bauern, die hoch angesehene Krieger zum Schutz engagieren – die gesellschaftlichen Strukturen machen es vorweg schon schwierig. Der Mensch ist kein Individuum mehr, er wird in eine Ecke geschoben. Verdeutlicht wird die Aussage nachdem die sieben Samurais im zweiten Teil des Films von Kurosawa subtil charakterisiert werden, aus verschiedenen Gründen einwilligen, und das erste Mal auf die Dorfbewohner treffen. Die Bauern haben Angst vor den Samurais. Frauen wird der eigene Charme entzogen, indem man ihnen kurze Haare schneidet und sie männlich kleidet, damit sie vor den Kriegern geschützt sind. Andererseits sind die Samurais auch nicht vor Vorurteilen gefeit und betrachten die Bauern insgeheim durch die gesellschaftliche Brille voller Klischees. Niemand traut sich gegenseitig und oftmals wird das Misstrauen im Dialog deutlich. Der Bund ist mehr eine Zweckgemeinschaft. Als Eisbrecher dient lediglich ein Samurai, der eigentlich keiner ist. Kikuchiyo (Toshirô Mifune) ist der Sohn einer Bauernfamilie und steht zwischen den Fronten. Durch seine spaßige Art ist er eher ein untypischer, wenig rational denkender Krieger. Mifune spielt seinen Part als Bindeglied zwischen Bauern und Samurai schlichtweg grandios.
Im Mittelteil, der die Vorbereitungen auf die Angriffe einleitet, zeigt Kurosawa die menschlichen Stärken und Schwächen beider Gruppen. Generell lässt die Charakterzeichnung keine Wünsche offen. Die Individualität jeder Person wird von Kurosawa offensichtlich in den Vordergrund gestellt. Die Samurais haben unterschiedliche Fähigkeiten und sind aus unterschiedlichen Motiven an der Mission beteiligt.

Im dritten Hauptteil des Films sieht man in aller Fülle die vorbereitenden Tätigkeiten für den bevorstehenden Angriff. Hier zeichnet sich ab, mit welcher ambitionierten Sorgfalt die Krieger ihre Mission erledigen. Im Wesentlichen zeigt der Regisseur wie klassenlose Zusammenarbeit aussehen kann ohne dass die Fähigkeiten des Einzelnen in den Hintergrund geraten. Jeder hat eine Aufgabe, die er für das gemeinschaftliche Ziel erledigen muss. Letztendlich entsteht aus dem Dorf eine Festung, die für den zu erwartenden Angriff bereit zu sein scheint.

Die abschließende Schlacht wird zeitlich gebührend geschätzt, weshalb Spannung und Realismus inbegriffen sind. Der Kampf dauert lange an und ist schlussendlich nicht auf die eine Auseinandersetzung zwischen Dorfbewohner und Plünderer beschränkt. Der Konflikt dauert mehrere Tage und Nächte - moderne Schusswaffen gegen traditionelle Werkzeuge des Krieges. Am Ende steht die Erkenntnis, dass man zwar gesiegt, aber trotzdem verloren hat.

„Die sieben Samurai“ ist nebenbei ein Vorreiter für das moderne Actionkino - schnelle Schnitte treffen auf Zeitlupentechnik. Kontraste ziehen sich wie ein roter Faden durch das Werk. Ferner ist die Dynamik während der blutigen Kämpfe sehr hoch.
Visuell bietet man aber nicht nur im Actionbereich Finessen. Schärfentiefe und ausdruckstarke Schwarz-Weiß-Bilder gehören darüber hinaus in das Repertoire des Films.

Trotz einer beachtlichen Lauflänge wird bei Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ Langeweile im Keim erstickt. Der Film überzeugt mit einer brillanten Charakterisierung, visuellen Finessen und einem ansprechenden Erzählfluss. Regisseur Kurosawa hat ein Epos der besonderen Art geschaffen - ein klassisches Meisterwerk, das immer wieder gerne zitiert und nie an Glanz verlieren wird. (9/10)

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