In einer Hinsicht werden die Kritiken dem Film gerecht: Sie sind Schwarz-Weiß-Malerei! Die einen werten "Die Sieben Samurai" als Meilenstein der Filmgeschichte und quasi Mutter aller Filme, die anderen messen dem - absolut begrenzten - Unterhaltungswert eine zu hohe Bedeutung bei und übersehen die tatsächlich großen Verdienste Kurosawas um die Weiterentwicklung des Films.
Ich muss gestehen, ich habe mich in vielen Anläufen und über mehr als eine Woche durch diesen zumindest längenmäßig "epochalen" Streifen gequält. Denn was immer man dem Film an Stärken attestieren möchte; einen wirkliche Sogwirkung übt er auf den Zuschauer nicht aus, dafür fehlt es an einem wirkungsvollen Spannungsbogen, und was wichtiger ist, an einem interessanten Beziehungsgeflecht unter den einzelnen Figuren, die fast alle sehr isoliert wirken. So haben von den 7 Samurai - eigentlich sind es nur 6 -, die drei wichtigsten einen sehr stark abgegrenzten, ihnen eigenen Charakter. Kambei Shimada (Takashi Shimura) ist der Anführer, Mahner und Mittler, Kyuzo (Seiji Miyaguchi) ist der "Held", der größte Kämpfer und Schweiger, und der "falsche Samurai" Kikuchiyo (Toshiro Mifune) ist der mutige, aber unbeherrschte Tölpel, ein Grimassenschneider, der pausenlos wütend vor sich hin knurrt und waffenschwingend durch die Gegend hüpft. Wie man ihm eine "grandiose" Schauspielleistung attestieren kann, ist mir ein Rätsel. Die anderen Darsteller spielen aber alle gut bis sehr gut.
Die übrigen Samurai bleiben fast gesichtslos, allenfalls Gorobei Katayama (Yoshio Inaba) wird als stiller, humorvoller Ruhepol noch ausreichend charakterisiert, um in Erinnerung zu bleiben. Er steht damit dem Anführer Shimada am nächsten, auch als Ansprechpartner. Insgesamt sind die Figurenverflechtungen aber , wie eingangs bemängelt, viel zu rudimentär. Der kindische, hübsche Katsushiro bewundert seinen Helden Kyuzo und hat eine Geliebte, die er sich wortlos im Wald aufgesammelt hat, keiner weiß wie und warum. Überhaupt sind die Frauen im Speziellen und die Dorfbewohner im Allgemeinen auf eine einzige Eigenschaft reduziert: Hysterie! Blanke Hysterie!
Was für eine verängstigte Herde Kurozawa da gezeichnet hat, ist schon fast lächerlich. Die Bewohner folgen entweder ihrem alten, zahnlosen Häuptling - weil er alles weiß -, oder später den Samurai, nicht ohne vorher noch einige albern anmutende Desertationsversuche zu unternehmen, die Schäferhund Kikuchiyo wütend knurrend verhindern darf. Nicht retten kann er allerdings diejenigen Dorfbewohner, die zwar zu feige zum Kämpfen sind, aber mutig genug außerhalb der Verschanzung in ihren Häusern zu bleiben. Ihre Tragödie wirkt entsprechend konstruiert.
Einer der Dorfbewohner hat ein zum Gotterbarmen weinerliches Gesicht, das mir wohl ewig in Erinnerung bleiben wird, auch wenn ich nicht weiß, wovor dieser Mann eigentlich immer Angst hat... Ich kann nur hoffen, dass die dargestellte Mentalität nicht allzu typisch ist für die japanische Art, mich hat die Charakterisierung jedenfalls sehr geärgert. Umso mehr, als sie den Versuch einer überraschenden Wendung unsinnig erscheinen lässt: Als nämlich eine Samurai-Rüstung gefunden wird, verdächtigen die Kämpfer die Dorfbewohner, schon in der Vergangenheit Samurai kämpfen lassen und sie nach ihrem Tod ihrer Habe beraubt zu haben. Der sich anbahnende Konflikt verläuft im Sande.
Der letzte Kritikpunkt ist die Darstellung der Räuberbande und der Schlacht selbst. Es handelt sich um 40 wild ausschauende Reiter mit einem Anführer mit Hörnern auf dem Helm, der folgerichtig ganz besonders wild aussieht. Mehr ist zu ihnen nicht zu sagen. Militärisch sind sie reine Schießbudenfiguren: Man lasse eine Lücke im Zaun, lasse einige wenige herein ins Dorf, steche sie ab, und weise die anderen mit spitzen Lanzen ab. Mit dieser dämlichen Taktik und ein paar Abenteuerausflügen einzelner Samurai ist die Bande flugs von 40 auf 13 reduziert und 2 Feuerwaffen erbeutet. Was den Film jedoch nicht daran hindert, diese Wilde Dreizehn am letzten Tag die große Schlacht gegen die nun offensichtliche Übermacht im Dorf ausfechten zu lassen. Katsushiros hysterische Freundin hat aus den fortwährenden Erfolgen den einzig möglichen Schluss gezogen: "Morgen müssen wir alle sterben!" ... Mit Logik hat dieser Plot nicht viel zu tun.
Die Stärken des Films liegen allesamt im Handwerklichen: Die Musik ist exzellent, die Kameraführung ist exzellent, einzelne Bilder sind regelrecht fantastisch, wie die brennende Mühle, der Banditenschlupfwinkel oder die Grabhügel in der Schlussszene. Die Ausstattung (altertümliche Arkebusen), die Kostüme, alles erste Sahne! Aber reicht das für einen Meilenstein der Filmgeschichte? Nein! "Die Sieben Samurai" ist ein Film mit einem hervorragend konstruierten Gerüst, aber ohne ausreichend verbindendes Element in Form von Dialogen, Figurencharakterisierung, und einem wirksamen Spannungsbogen.