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Als ein Sohn erzkonservativer Eltern verliebte sich John Waters schon früh in das Entsetzliche und Abstoßende: in jungen Jahren sah er so ziemlich jeden skandalträchtigen Film der ihm vor Augen kam (H. G. Lewis und Russ Meyer sind noch heute seine Favoriten), später sollte er eine innige Freundschaft zu der hinter Gittern sitzenden Manson-Family pflegen, zum ehemaligen Aufenthalt der Jim Jones Sekte pilgern oder auch Ölgemälde sadistischer Gewaltverbrecher anfertigen lassen.

Bereits in der Schule lernte er seinen langjährigen Hauptdarsteller Divine (Glenn Milstead) kennen - ein stark übergewichtiger Transvestit der in den 80ern noch eine Karriere als Sänger(in) startete. Anfang der 60er entstanden die ersten Film von John Waters, 1969 der erste Spielfilm "Mondo Trasho" (1969)" mit Divine in einer Doppelrolle (als Frau und als Mann). Der Film leidet zwar sehr unter Langatmigkeit, brachte ihm aber wegen einer in der Öffentlichkeit gedrehten Nacktszene erst eine Verhaftung und dann die anschließende Bekanntheit ein. Pauline Kael besprach "Fellinis Satyricon" später unter der Überschrift "Fellini's Mondo Trasho"... "Multiple Maniacs" folgte und als Waters seinem Vater die Produktionskosten zurückzahlte lieh er sich gleich wieder die doppelte Summe für den Mitternachtserfolg "Pink Flamingos" (1972), dessen letztes Bild den auf einem frisch ausgeschiedenen Hundehaufen herumkauenden Divine zeigt.

"Female Trouble" ist schließlich der letzte Film in dem die wichtigsten Personen der Waters Crew - Divine, David Lochary, Edith Massey, Mink Stole - nochmal gemeinsam auftreten. Divine spielt Dawn Davenport, ein übergewichtiges Problemkind das zu Weihnachten den Eltern davonläuft, da es die falschen Schuhe geschenkt bekommt ("Fuck you! Fuck you both, you ugly people! I hate you, and i hate this house and i hate christmas!"). Auf der Flucht wird sie von einem schmierigen Fettsack geschwängert (erneut Divine in einer Doppelrolle), bekommt später ein Kind und beginnt eine Karriere als Kellnerin, Nutte und Gangster. Ein seltsamer Modezar und seine Frau sehen in ihr ein Schönheitsideal, ganz besonders nachdem sie geheiratet (die Figur ihres Mannes Gator hat die Schauspielerei Johnny Depps zum Teil beeinflusst, der in "Cry-Baby" (1990) ebenfalls mit Waters arbeitete), ihren Mann nach einem Seitensprung rausgeschmissen und um seinen Job gebracht hat und dann einem von ihm eingefädelten Säureattentat zum Opfer fiel. Mit entstelltem Gesicht und einer schrillen Punkfrisur wird Divine von den beiden zum Star gemacht und erwürgt gemäß der von ihnen gepredigten Theorie "Verbrechen ist Schönheit" erst ihre religiös gewordene Tochter - die kurz zuvor auf der Suche nach ihrem wirklichen Vater von diesem sexuell belästigt wurde und ihn daraufhin abgestochen hat - und erschießt dann bei einem Performanceauftritt große Teile des Publikums. Der Film endet schließlich mit der Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl.

Mit "Female Trouble" hat der Meister des schlechten Geschmacks einen seiner besten Filme abgeliefert. Die schillernden Persönlichkeiten im schrillen Look wie David "Gaylord" Lochary als dekadenter Modezar, Divine als bauchfrei tanzendes Go Go Girl oder als rabiater Punkvorläufer oder die wundervolle Edith Massey als in ein viel zu enges Lederkostüm gezwängte Tante Ida, die abscheulich-witzigen Freizügigkeiten die dem Film damals Probleme mit der Zensur einbrachten (wie die Szene in der eine junge Frau auf Gators Gesicht reitet oder Divine in der Männerrolle seine Tochter befummelt), der hörenswerte Soundtrack, das auserlesen hässliche Dekor (ein Holzhubschrauber ist ein Geschenk eines Mitglieds der Manson Family) und die in viele originelle Nebenzweige abschweifende Handlung machen aus dem Film ein ungeheuer unterhaltsames Stückchen Underground-Filmgeschichte.

Der folgende "Desperate Living" (1976) (der mit einer großartigen Lesbennummer zwischen der dürren Mink Stole und der 200 Kilo schweren Jean Hill zu begeistern weiß) ist Waters Abschied vom Underground und mit "Hairspray" folgte die seichte Unterhaltunskost ehe er vor kurzem mit "A Dirty Shame" versuchte, an alte Erfolge anzuknüpfen. Aber trotz Johnny Knoxville in einer tragenden Rolle war das Ergebnis recht enttäuschend. Kürzlich kam ein Remake von Waters "Hairspray" in die Kinos - mit John Travolta als neuer Divine und Christopher Walken als deren Gatte.
8/10

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